Wir führen eine zwischenmietliche Beziehung!

Berliner Wohnungsmarkt Eine Kolumne zur Frage wie der Mietmarkt unser Miteinander prägt und was das mit Analketten zutun hat.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eine Kolumne von Eli Schreiner.

Es ist Sonntagabend und meine Mitbewohnerin macht sich mal wieder auf den kurzen Weg zu ihren Freund:Innen. Allerdings tut sie das nicht um rumzuhängen und das bisschen Sozialleben zu genießen was ihr in diesen von Corona geprägten Zeiten noch bleibt. Nein! Sie tut es, um allein zu sein und sich ein entspannendes Bad zu genehmigen. Einige meiner Freund:Innen lieben diese Entspannungsrituale, aber nur sehr wenige haben eine eigene Badewanne. Also gehen sie zu Badewannenbesitzer:Innen. Diese – zumindest im Hinblick auf ihre Badezimmerausstattung – privilegierten Nachbar:Innen sind oftmals beste Freund:Innen, feste Partner:Innen oder dann halt doch der*die von dem letzten so-la-la gelaufenen Tinder Date. Während diese Art der Verbundenheit ein eher hierarchiearmes Netzwerk aus Badewannenbesitzer:Innen und meist Schlauchbadbesitzer:Innen bildet, sind andere Verkettungen des Berliner Wohnungshickhacks deutlich tiefgreifender und bedeutender. Zum Beispiel wenn es ums Wohnen selbst und nicht ums Baden geht.

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Wenn man mal durch die verschiedenen Wohnungsportale scrollt wird schnell klar, dass es wenig Haupt- und viele Untermietsangebote gibt. Meiner Meinung nach ist die Analkette das beste Sinnbild für solch zwischenmietlichen Beziehungen. In meinen Freundeskreisen sind manche das zweite Glied, andere allerdings auch das dritte oder vielleicht auch das vierte in der Kette – im Arsch sind aber irgendwie fast alle. Die Beziehungen, die sich durch diese Art der städtischen Verkettung entwickeln, bewegen sich irgendwo zwischen Hilfsbereitschaft und Solidarität, Eigennützigkeit und großer Verlustangst. Denn, auf der einen Seite, sucht immer irgendjemand schon seit Jahren eine Wohnung oder ein Zimmer und ist schon froh, wenn sie*er auch mal länger als 3 Wochen bleiben und sich vielleicht sogar anmelden kann. Auf der anderen Seite ist man vielleicht selber irgendwann wohnungslos, falls es mit dem Zusammenziehen, der Karriere in München oder dem idyllischen Landleben im Wendland dann doch nicht klappt. Dazu kommt noch, dass falls man als etablierte:r Hauptverträgler:In eine Wohnung aufgibt, dann wird, so befürchtet man, die Wohnung möglicherweise renoviert, teurer vermietet oder es wird vielleicht auch einfach ein unbewohntes Spekulationsobjekt draus. Der sogenannte ‚alte Mietvertrag‘ wird in diesem Kontext fast schon zu einem viel beneidetem und hart umkämpften Sakrileg.

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Eins ist jedenfalls klar: Fehlt eine geeignete und vor allem bezahlbare Unterkunft sind viele andere grundlegende Dinge und Entscheidungen bedroht, beispielsweise die eigene Gesundheit, Arbeit und Familienplanung. Während manche munkeln, dass momentan vielleicht noch mehr Wohnungen leer stünden, da auf Seiten der Spekulierenden auf eine Entscheidung zum Mietendeckel gewartet wird, lässt sich vermuten, dass der umzugsbedingte Wechsel in den Berliner Mietshäusern seit Corona völlig zum Erliegen gekommen ist. Während diese Entwicklung für die Schlauchbadbesitzer:Innen tendenziell unproblematisch ist und im schlimmsten Fall zu anhaltenden Verspannungen führt, geht es anderen Mieter:Innen und Untermieter:Innen, deren formelle und informelle Mietverhältnisse enden oder beendet werden, an den Kragen. Besonders hart trifft es Menschen in verletzlichen Lebenslagen und marginalisierte, ressourcenarme Personen. Und um nochmal auf die Analketten Metapher zurückzukommen: Klar ist, dass im Berliner Wohnungsmarkt des letzten Jahrzehntes ein Großteil der Berliner:Innen irgendwie in der Scheiße stecken – manche nur halt eben tiefer als andere.

12:40 07.03.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Eli Schreiner

Hobbykolumnistin & Studentin, die sich am Schreiben versucht. Alle Perspektiven sind meine, und wer und was damit halt so kommt.
Eli Schreiner

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