"Alle Macht den Aufsichtsräten"

Die Anstalt Das Leitmotiv der aktuellen Ausgabe ist die Revolution. Die Trägheit der Deutschen, der Niedergang der SPD und die Krise des Konservatismus werden thematisiert.
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Die gestrige Folge der Polit-Satire „Die Anstalt“ präsentierte sich unter dem Leitmotiv „Revolution“. Das hundertjährige Jubiläum der Novemberrevolution 1918/1919 wurde als Rahmenbedingung herangetragen, jedoch dominierte die Personalie Friedrich Merz den Verlauf. Neben Max Uthoff und Claus von Wagner waren diesmal der österreichische Kabarettist Stefan Waghubinger, der Sportjournalist und Kabarettist Frank Lüdecke und als einzige Frau - eines der größten Mankos der grundsätzlich gelungenen Serie - Caroline Ebner, Schauspielerin des großen Theaters. Das selbstgewählte Thema böte verschiedene Herangehensweisen und Analysen, doch leider bewegen sich die Satiriker*innen in einem sicheren Rahmen, auch wenn die Akzeptanz revolutionären Elans ab und an gewürdigt wird. Als Einspieler wird erneut Bundeskanzlerin Angela Merkel dargestellt, die sich ihrer liberalen Haltung speziell der Flüchtlingspolitik verantwortet, und ihre eigene Politik als Schutzmechanismus behauptet. Damit wird das Dilemma des deutschen Konservativismus eingeführt, welches noch im späteren Verlauf eingängig thematisiert wird. Neben den Unionsparteien wird auch die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) seziert, bei der eine nicht zu unterschätzende Kontinuität ihrer Agenda der letzten 100 Jahre oberflächlich angeschnitten wird.

Friedrich Merz, designierter Kanzlerkandidat der Christlich Demokratischen Union (CDU) - persifliert von Max Uthoff - verlautet die Losung „Alle Macht den Aufsichtsräten“, die sein Wirken und seine Politik gezielt auf den Punkt bringt. Mit der berüchtigten „Tafel“ Claus von Wagners werden Merzens Verstrickungen in der Wirtschaft benannt, bei der der bestehende Interessenkonflikt zwischen Kapital resp. Wirtschaft und Staat resp. Gesellschaft hervorgehoben wird. Es wird ersichtlich, dass eine Regierung unter Merz einen technokratischen Umbau zur Folge hat. Die Verschmelzung des internationalen Kapitals mit dem Staatsapparat hat letztlich eine libertäre Abschaffung des Staates zur Folge bzw. deren Minimierung, da er zu einem Instrument der Weltwirtschaft verkommen wird. Zentral wird seine Funktion bei BlackRock Inc. Deutschlands dargestellt, die diesen Umstand zementiert und verdeutlicht. Merz als Personifizierung eines Rollbacks des Konservativismus wird er durch die Suche nach dem Konservativismus an sich konterkariert. Im Spiel eines „CDU Werte-Stammtisches“ wird versucht, den Begriff sowohl politologisch als auch soziologisch zu besetzen, bei der sich immer weitere Widersprüche auftun. Der Sehnsucht nach einer gesellschaftlichen Traditionalisierung wird eine Stimme geliehen, die jedoch durch teilweise anachronistische Herangehensweisen ad absurdum geführt wird. Ein beispielhaftes Dilemma ist die Bewahrung der Schöpfung und der tradierten Familie, doch des gleichzeitigen Bekenntnisses zu Jens Spahn, einem homosexuellen Rechtskonservativen.

Neben der Krise des Konservativismus wird in Anspielung auf das eigene Leitmotiv - der Revolution - die Rolle der SPD analysiert. In Person der Marxistin Rosa Luxemburg wird die Partei mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert, bei der die Satiriker*innen auch den Fakt benennen, dass Luxemburg selbst durch mörderische Hand von Freikorps ums Leben kam - auf Befehl und Anweisung der SPD. Ihre Aufforderung der Auflösung der SPD wird unterfüttert mit dem schizophrenen Verhältnis der Partei zu sich selbst. Bereits während der Novemberrevolution erstickte sie den Aufstand und den Widerstand im Keim. Die Regierungsverantwortung wog stets höher als der Wille einer gesellschaftlichen Veränderung, derweil die SPD schonungslos als patriotische Kriegspartei bezeichnet wird. Die Aussage, die SPD hätte einen „Angriffskrieg auf den Sozialstaat“ verantwortet, mag brachial klingen, doch trifft den Kern. Das Proletariat und die Abgehängten sind des größten Feinde der SPD. Der obligatorische Zickzack-Kurs der letzten Jahrzehnte katapultierte die Partei nach und nach in die Bedeutungslosigkeit. Die deutsche Sozialdemokratie wird als Hindernis des kommenden Widerstands porträtiert. Die Ironie dieser Geschichte ist die Spiegelung des Bürokratismus der Kommunistischen Parteien. Bei aller Distanz zum Sowjetkommunismus adaptierte die deutsche Sozialdemokratie deren bürokratischen Parteiapparat.

Das Solo Stefan Waghubingers war erstaunlich harmlos und wenig begeisterungsfähig. Neben einem Ausflug in ein philosophisches Dilemma schneidet er jedoch zwei wichtige Dinge an: die Existenz des monopolistischen Pluralismus und die Verteidigung der Errungenschaften der Demokratie. Ersteres findet seinen Niederschlag in dem pluralistischen Parteienspektrum der westlichen Welt, in der eine Vielzahl an Parteien das Wesen der Demokratie definiert. Allerdings verkommt diese Vielfalt zu einer Monopolisierung, da bedingt durch das herrschende System es de facto nur zwei Möglichkeiten gibt: die Verwaltung oder Abwicklung. Eine Kompromissstellung kann gerade durch diese diametralen Radikale nicht funktionieren. Zweitens ruft er zur Mahnung auf, die „Früchte“ der Demokratie nicht verwelken zu lassen, sondern sie zu pflegen. Die Anspielung auf den gesellschaftlichen Rechtsruck ist nicht zu übersehen, gerade mit Hinblick auf die Alternative für Deutschland (AfD). Diese wiederum wird durch eine kurze Offenlegung des faschistischen Charakters in Person Björn Höckes dargestellt (in der Sendung wird er als Bernd Höcke vorgestellt). Durch Zitation Höckes Buch wird der rechte Autoritarismus und die Verzahnung des Faschismus in seinem Denken offenkundig.

Frank Lüdecke behandelt in seinem Auftritt die grundsätzlichen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und macht den Unwillen des Aufstands der Bevölkerung anhand einer ewig währenden Trägheit fest. Dieses deutsch-preußische Phänomen beobachtete bereits Waldimir Lenin, der den Deutschen attestierte, sie würden erst eine Bahnkarte ziehen, ehe sie den Bahnsteig stürmen. Lüdecke bediente darüber hinaus Karl Marx mit seinen Worten, dass der Grad des Willens einer Veränderung resp. des Aufstands anhand der „Verelendung“ gemessen werden kann. Die rigorose gesellschaftliche Teilung in Armut und Reichtum in der BRD ist nicht zu übersehen, doch sie wird als der Natur entsprechend akzeptiert und auf den Nenner der Wirkungslosigkeit des Einzelnen heruntergebrochen. Diese Einstellung wird natürlich mitnichten einen Wandel herbeiführen. In einer älteren Folge der „Die Anstalt“ betonte Christine Prayon, dass die Zuschauer*innen der „Die Anstalt“ der Kritik jeder Ungerechtigkeit in seiner überspitzten Form zustimmt, doch diese Meta-Politisierung in den meisten Fällen nach Beendigung des Auftritts verloren geht. Dieses Dilemma ist den Satiriker*innen durchaus bewusst, die hie und da an ihr Publikum richtend den Willen zur Veränderung appellieren, doch die Trägheit obsiegt. Eine Satire-Sendung wird wohl kaum den Grundstein für eine Revolution legen, doch sie dient der Formierung des gesellschaftlichen Bewusstseins, der Anprangerung der herrschenden Klasse. Selbstverliebt nennen sie sich „linke Satireshow“, diesem Anspruch werden sie auch größtenteils gerecht.

Was bleibt ist die bittere Erkenntnis, dass das alles schon gesagt, rezipiert und behandelt wurde, doch keine Schlussfolgerung gezogen wurde und wird. Der Abgang der SPD ist Mitresultat ihrer Rolle während der Novemberrevolution, der Konservativismus wird sich nur durch Hardliner überleben. Die Krise der Parteien umfasst eine generelle Krise der Menschheit. „Die Anstalt“ tut ihr bestes dabei, diesen Wandel kritisch und auch selbstlehrend zu begleiten, ohne jeweils einen moralischen Finger zu heben. Gewiss mag man nicht immer einer Meinung sein, doch die brennende Frage ist der Weiterentwicklung des Geschehens. 100 Jahre Revolution stehen im Zeichen einer europäischen Militarisierung, der Forcierung einer inhumanen Außenpolitik und den innerstaatlichen Rissen quer durch alle Formationen. Doch solange sich die Bevölkerung mehr empört über flüchtende Menschen, die es tatsächlich wagen, Schutz zu suchen, derweil Unternehmen und Fonds wie BlackRock Inc. Milliarden von Geldern veruntreuen und dahingehend einen immensen Schaden anrichten, bleibt es bei der fatalen, doch immer noch geglaubten, traditionellen Erkenntnis, dass es einem selbst doch gut gehe. Diese Selbstleugnung der herrschenden Verhältnisse erklärt die flächengreifende Trägheit, die es Menschen wie Merz ermöglicht, in die Regierung zu kommen. Zu tief sitzt die Angst vor der Revolution, bei der selbst die SPD zu zittern beginnt. Man wollte nie eine Revolution. Daher gilt es auch, jeden Bezug dahingehend zu leugnen, wie dem Faktum, dass der Freistaat Bayern eben nicht von Geburt an konservativ war. Kurt Eisner rief einst den Freistaat aus - ein Sozialist, der von einem Rechtsradikalen ermordet wurde. Unter schützender Hand des Bürgertums. Auch das gehört zur Geschichte.

21:40 21.11.2018
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Geschrieben von

Elisa Nowak

Ich halte es mit Rosa Luxemburg, die 1906 erinnerte: "Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das laut zu sagen, was ist."
Elisa Nowak

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