Der Kampf um die Maske

Coronapandemie Die Pandemie ist nicht vorbei, daher bereitet man sich auf den Winter vor. Doch der Widerstand gegen effektive Maßnahmen ist kein Alleinstellungsmerkmal von Querdenker*innen mehr, sondern zentrales Anliegen des politischen Liberalismus.

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Auch wenn es vielfach den Anschein erweckt: DieCoronapandemie ist nicht vorbei. Ganz im Gegenteil. Es hat sich vielmehr ein Gewöhnungseffekt entwickelt, der mit den wichtigen Parametern Inzidenz, Hospitalisierung und auch Todesfälle nichts mehr anfängt. Vor knapp einem Jahr wurden noch Warnungen, man wird mit einer Inzidenz von mindestens 800 zu kämpfen haben, belächelt und für nicht ernst genommen. Dabei sind wir seit Wochen in der Sommerwelle, dominiert von hochinfektiösen Subvarianten von Omikron, die die Zahlen konstant hochhalten. Inzidenzen zwischen 500 und 1000 gehören zum Alltag, die Hospitalisierung liegt bei 6,3 Prozent (4. August 2022) und auf den Intensivstationen liegen 6,7 Prozent Covid-Erkrankte. Weshalb nichts dagegen unternommen wird, hat den Grund, weil die Omikron-Variante als „harmlos“ deklariert und hiernach der Schluss gezogen wurde, die Pandemie sei mehr oder minder „unter Kontrolle“, wenn nicht gar„bald vorbei“. Fakt ist jedoch: die dominante Subvariante BA.5 ist infektiöser und darüber hinaus auch Meisterin darin, Immunitäten zu umgehen. Eine Omikron-Infektion schützt daher nur gering mäßig und kurz, was Reinfektionen mit einschließt. Auch die Todeszahlen steigen in der BRD: innerhalb der letzten 30 Tagen verstarben offiziell 3.320 Menschen an oder mit Corona. Dabei ist das eine konservative Zählung, denn mittlerweile werden an Wochenenden keine Zahlen mehr veröffentlicht.

Die Pandemie ist also nicht vorbei, sondern man katapultierte gnadenlos. Nichtsdestotrotz plant die „Ampel“-Koalition, ein neues Infektionsschutzgesetz für die Herbst- und Wintermonate zu verabschieden, die wieder unter anderem Maskenpflicht in Innenräumen vorsieht sowie eine Testpflicht in Pflegeeinrichtungen. Lockdowns oder Ausgangssperren seien ausdrücklich nicht vorgesehen, womit sich ganz besonders die Freien Demokrat*innen schmücken, welche, könnte sie es, eine unkontrollierbare Durchseuchung vorantreiben würde. Dass die angedachten Maßnahmen weit hinter die Maßnahmen des letzten Jahres fallen, hindert Gegner*innen jedoch nicht daran, bereits jetzt auf die Barrikaden zugehen. Dabei hat sich der Kreis derer, die gegen Maßnahmen gegen eine tödliche Pandemie sind, stark gewandelt. Es handelt sich hierbei nicht mehr nur um Querdenker*innen oder radikale Rechte, die entweder das Virus leugnen oder in antisemitischer Manier eine Verschwörung vermuten. Die postulierte Normalität, wie sie seit Wochen in der BRD vorherrscht, will ein Großteil der Bürgerlichen und politisch Liberalen nicht mehr hergeben.

Das neue Infektionsschutzgesetz ist noch gar nicht verabschiedet und wir sind erst einmal mit der schlimmsten Sommerwelle seit Ausbruch der Pandemie beschäftigt, doch der Widerstand besonders in den Feuilletons wächst an. An vorderster Front und exemplarisch steht der ZEIT-Journalist Lars Weisbrod, der die rhetorische Frage stellt, wie lange es mit den Masken denn noch gehen solle. Er selbst wittert bereits einen Eingriff in seine hochgeschätzte Freiheit, sollte ihn die Bundesregierung zwingen, beim nächsten Großeinkauf in den kalten Monaten die Maske aufziehen. Dabei hat er selbst kein Problem damit, wenn andere Menschen die Maske tragen. Nur er wird es definitiv nicht tun. Einen Vorschlag hat er bereits in der Tasche: Supermärkte für Maskenträger*innen und Supermärkte für Maskenverweiger*innen. Die Überspitzung, als solche durchaus erkennbar, trägt jedoch ein Stück Wahrheit in sich, die daran abstrahiert wird, die Freiheit des Individuums über den Schutz der Schwachen zu stellen. Denn die herbeiphantasierte postpandemische Normalität wird größtenteils auf dem Rücken der Schwächsten und Vulnerabelsten der Gesellschaft ausgetragen. Für Weisbrod scheinen sie unsichtbar zu sein, deren Schutz er nur darin sieht, doch freiwillig und eigenverantwortlich das zu tun, was moralisch integer ist.

Weisbrod steht exemplarisch für das bürgerliche Pandemiemanagement und die daraus entstandene inhärente Opposition gegen wirklich notwendige und nützliche Maßnahmen, die in der Maske und ihrer (staatlichen) Funktion ihren Ausdruck findet. Das liberale und eigenverantwortliche Dogma seit Ausbruch der Pandemie mündet in einen sozialdarwinistischen Diskurs, der die (vermeintlich) „Starken“ von der Maske befreit und die „Schwachen“ zur Maske rät. Dass der Umgang mit einer Infektion bereits ihren liberalen Exodus erreicht hat, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs, der den politischen Liberalismus als Feind der Gesellschaft offenbart, der seit jeher im ökonomischen Konkurrenz- und Leistungskampf seinen Ausdruck findet. Er nimmt regelrecht Tote in Kauf, weil er die Freiheit höher schätzt als den Schutz des Einzelnen. Das Konzept der negativen Freiheit wird jedoch nur eklektisch verstanden, denn die Freiheit von Krankheit und Tod wird theoretisch und praktisch außer Kraft gesetzt. Wichtiger scheint die Freiheit vom Staat und Ordnung zu sein.

Doch Zoonosen wie Corona halten sich nicht an liberale Wertvorstellungen oder Eigenverantwortungen. Gibt es keinen Schutz, findet eine Verbreitung statt. Das Coronavirus ist die natürliche Offenlegung des barbarischen politischen Liberalismus mit seinem Fetisch der Eigenverantwortung. Dass es sich dabei nicht um eine harmlose Erkältung oder einem grippalen Infekt handelt, wurde wissenschaftlich schon mehrfach dargelegt und bewiesen. Sowohl die Infektion als auch Folgewirkungen können selbst bei einem „gesunden“ Menschen gravierende Auswirkungen haben. Das Wissen darüber ist vorhanden, doch es werden keine oder falsche Schlussfolgerungen gezogen. Im Gegenteil entpuppen sich die Maßnahmen als Minimalforderungen, die jedoch nicht mit wissenschaftlichen neuen Erkenntnissen mithalten kann. Das ist auch gar nicht gewollt, denn letztlich sind die Maßnahmen von Bürgerlichen für Bürgerliche ein rein bürgerliches Instrument, um den Anschein zu erwecken, etwas kontrollieren zu können. Dass selbst das bereits dem politischen Liberalismus ein Dorn im Auge ist, ist wenig verwunderlich, was nun dazu führt, dass sich der Kampf um die Maske letztlich als gesellschaftlicher Kampf gegen eine sozialdarwinistische Eigenverantwortungsrhetorik entpuppt, dessen Symbolwirkung nicht unterschätzt werden kann.

Selbstverständlich bleibt die Maske auf.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elisa Nowak

Freie Journalistin und Studentin der Philosophie.
Elisa Nowak

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