Das dunkle Kapitel Robert Kochs

Geschichte Das Robert Koch-Institut hat eine lange Geschichte und auch „dunkle Kapitel“. Es ist wichtig und notwendig - gerade heute - darüber zu sprechen.
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Das Robert Koch-Institut (RKI) hat in den letzten Tagen erheblich an Bekanntheit erlangt. Als zentrale Bundesbehörde für Infektionskrankheiten spielt es eine wichtige Rolle in der Covid-19-Pandemie. Es bewertet die Gefahrenlage und formuliert Empfehlungen, wie mit der Situation umzugehen ist. Das RKI gibt die Zahlen frei, an die sich die Regierung orientiert, um weitere Maßnahmen zu beschließen oder zu korrigieren. In ihm kulminiert hiernach das Instrument, welches als Kommunikation und vermeintlich neutrale Instanz zwischen Herrschenden und der Bevölkerung dient. Frei von Fehlern ist freilich niemand, so gibt es auch am RKI ein paar Probleme. Amüsante Forderungen, die darauf abzielen, das RKI dahingehend umzubenennen, dass ein zweiter Bindestrich eingefügt wird (Robert-Koch-Institut) lassen nicht über dem Fakt hinwegsehen, dass auch in der ihr gesetzten Aufgabe Kommunikationsschwierigkeiten herrschten. Der Virologe Alexander Kekulé beispielsweise monierte, dass das RKI Covid-19 anfangs nicht ernst einschätzte und hiernach die Gefahrenlage zu spät und zu inkonsequent einschätzte. Solche Fehler können korrigiert und diskutiert werden. Die Popularität des RKI muss nun auch zur Folge haben, dass in letzter Konsequenz das Institut seinen Namen verlieren muss. Denn der Blick in die Geschichte offenbarte eine fast schon deutschtraditionelle Historie.

Der Namensgeber des InstitutRobert Kochwar ein Mediziner im 19. Jahrhundert, der sich einen Namen durch die Begründung der Bakteriologie und Mikrobiologie machte. Dem Nobelpreisträger von 1905 wurde 1891 das Preußische Institut für Infektionskrankheiten eröffnet, die seine Forschungen finanziell und materiell begleiten sollten. Bis 1904 sollte er die Leitung innehalten. Die Problematik, die sich mit Koch verbindet, zentriert sich besonders in seinen letzten Lebensjahren. Ein Jahr nach Anerkennung des Nobelpreises für Physiologie/Medizin startete er eine Expedition in die ehemalige Kolonie des Deutschen Reiches Deutsch-Ostafrika. In dem Gebiet, welches heute die Staaten Tansania, Burundi und Ruanda umfasst, widmeten sich Koch und sein Team der „Schlafkrankheit“. Die durch Tsetsefliegen ausgelöste Tropenkrankheit war zur damaligen Zeit vom hohen Interesse der Politik und Wissenschaft. Der Grund der Expedition war hiernach, ein Mittel dagegen zu finden. Die geschichtliche Aufarbeitung des RKI nennt dieses Kapitel auf ihrer Seite zwar als das „dunkelste Kapitel“ Kochs Zeit, doch erwähnt nicht, weshalb dem so war. Nach dem RKI litten die Versuchspersonen des vermuteten Gegenmittels Atoxyl an Schmerzen und teilweise Erblindungen. Diese Notwendigkeit des Versuchs, welche Koch nicht daran hinderte, weiterzumachen, wird als „dunkelstes Kapitel“ bezeichnet. Dabei ist der politisch-historische Kontext unausweichlcih um zu verstehen, wie dunkel dieses Kapitels Robert Kochs wirklich war.

Die Versuche in der deutschen Kolonie waren gekennzeichnet von unmenschlichen Vorgehen. Das liegt begründet in den hierarchischen Strukturen und dem Kolonialismus an sich, der die Ungleichheit der Menschen propagierte. Koch und sein Team fanden in dieser Umgebung dadurch genug Freiheiten, Menschenversuche ohne Konsequenten zu vollziehen. Manuela Bauche dokumentierte diese Zeit detailliert und eindrucksvoll. Obgleich er vor Ort vermeintlich die Einsicht gewann, dass die starken Nebenwirkungen nur bis zu einem gewissen Punkt zu vertreten waren, war seine Vorstellung eine radikalere. Der Nebenwirkungen zum Trotz pries er Axotyl als wundersames Heilmittel an und forderte weitere Experimente an Menschen. Vermeintlich widersprüchlich skizzierte er Pläne, die eine faktische Isolierung von infizierten Menschen betraf. Koch nahm Anleihen am britischen Konzept der Konzentrationslager, in denen die mit der Schlafkrankheit erkrankten Menschen interniert werden sollten. Die Menschenversuche sollten hier fortgesetzt werden, faktisch nun unter weitreichendem Ausschluss der Öffentlichkeit. Nach Bauche ging es Koch aber nicht um die Heilung der Menschen. Sie sollten weggesperrt werden, bis die Quelle gebannt sei, eine Infektion auszulösen.

Als Kind seiner Zeit ist Koch und seine Methodik auch im historisch-politischen Kontext zu bewerten und einzuordnen. Dennoch ist eine tiefe Aufarbeitung unausweichlich, die mit seinem Namen verbunden sein muss. Der heute bekannte Name des Instituts ist hierbei eine Umbenennung vonseiten der deutschen Faschist*innen. Als es 1912 in „Königlich-Preußisches Institut für Infektionskrankheiten Robert Koch“ umbenannt wurde, war es zur Zeit des deutschen Faschismus ebenfalls nicht isoliert. Der Terrorherrschaft der Faschist*innen unterworfen und gleichgeschaltet wird vonseiten des RKI zwar eine kritische Beleuchtung vollzogen, dennoch wird für das Jahr 1942 eine zentrale Rolle des Instituts herausgestellt. „Erforscht werden Infektionskrankheiten, die die militärische Schlagkraft bedrohen“, wird geschrieben. Es steht fürwahr außer Frage, dass das Institut während des Faschismus weitere Forschungen betrieb, hiernach steht durchaus die Frage im Raum, weshalb diese Forschung genannt wird. Der Zweite Weltkrieg wütet seit drei Jahren und steht auf dem Höhepunkt, der im Jahre 1942 in den Vernichtungskrieg gegen die Slaw*innen münden wird. Die Kritik, die hier unausweichlich ist, ist jene, weshalb diese faktische Forschung im Sinne der faschistischen Wehrmacht eine gesonderte Bedeutung erlangt. 1942 war auch das Jahr, als das Institut seinen heutigen Namen bekamRobert Koch-Institut.

Die Geschichte des RKI, welches in der heutigen Zeit zentral in der Covid-19-Pandemie steht, muss gerade und besonders in diesem Kontext eine umfassende Aufarbeitung erfahren. Hierbei muss nicht nur die kaum behandelte Aufarbeitung im deutschen Faschismus diskutiert werden, bei deren Menschenversuche in dem Konzentrationslager Dachau bis zu 400 Menschen das Leben verloren. Sondern auch das Wirken Kochs in den Kolonialgebieten. Der Historiker Jürgen Zimmerer will im Gespräch mit der WELT nicht von Menschenversuchen reden, konstatiert dennoch, dass die Methodik Kochs in Ost-Afrika nicht auf freiwilliger Basis vonstattenging. Dennoch ist festzuhalten, dass das RKI den Namen eines Mannes trägt, der trotz bekannter Nebenwirkungen an Versuchen festhielt und in einem utopischen Plan verfiel, der die faktische Verknastung von erkrankten Menschen in Konzentrationslager beinhaltete. Der Zynismus ist greifbar, wenn in Erinnerung gerufen wird, dass die oberste Bundesbehörde für Infektionskrankheiten den Namen eines Menschen trägt, der für die Erforschung von Infektionen das Leid und den Tod von Menschen in kauf nahm. Der Deutschtradionalismus findet sich allerdings bis in die obersten Bundesbehörde wider und erfährt nur selten Kritik.

23:15 08.04.2020
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Geschrieben von

Elisa Nowak

Freie Journalistin und Studentin der Philosophie.
Elisa Nowak

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