Das herrschende Maskulinum

Feminismus Das generische Maskulinum versagt, der vielfältigen Realität Rechnung zu tragen und verkommt zu einem Instrument einer autoritären Männlichkeit
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Das herrschende Maskulinum

Foto: Eitan Abramovich/AFP/Getty Images

Das Jahr neigt sich dem Ende, doch das Patriarchat mit all seinen Ausprägungen waltet voran. Trotz der Kampf feministischer Reformen über die letzten Jahrzehnte konnte das Grundgerüst nicht angegriffen werden. Dennoch wird feministisches Engagement entweder bagatellisiert oder überinterpretiert. Gleichberechtigungen erfahren eine Abstraktion patriarchaler Grundstrukturen, das heißt eine mittels der Natur erklärte Ungleichheit der binären Geschlechter wird begrüßt und vorausgesetzt. Die maskuline Erhabenheit gilt als unantastbar. Das erwirkt eine kontinuierliche Unterdrückung, die in mehreren Facetten entfaltet wird. Reformistische Erfolge feministischer Kämpfe werden als final angesehen, wodurch eine Selbstbestimmung der Frauen* definiert wird. So wird gesprochen, dass die Frau* doch frei sei, jedenfalls im Vergleich der Zeit vor der Aufklärung. Dass die Aufklärung bedingt durch die Französische Revolution die Ungleichheit zentralisiert erst ermöglichte, wird geflissentlich ignoriert. Nichtsdestoweniger findet sich ein ungleicher Kampf in sprachwissenschaftlichem Milieu, bei einer durch bürgerliche Propaganda eruierte Männlichkeit ein Schlachtfeld auserkoren hat. Das generische Maskulinum entwickelte sich zu einem scharfen Instrument, einerseits feministische Linguistik zu bremsen und andererseits bei vollkommener Leugnung des menschlichen und historischen Charakters den Status Quo zu wahren.

Besonders rechte Blogger*innen verwahren es sich im Kampf gegen den Feminismus eine intellektuelle Auseinandersetzung feministischer Linguistik auch nur zu wagen. Die Sprache ist gleich anderer kultureller, sozialer und historischer Entwicklungen einem ständigen Wechselspiel ausgesetzt. Sie ist daher weder etwas Starres noch etwas beliebig anwendbares. Sie unterliegt Gesetzmäßigkeiten, die eng mit der ökonomischen und sozialen herrschenden Klasse verbunden ist. Sprachreformen, die ein weibliches Pendant in der Schrift und Sprache miteinbeziehen wollen, werden schnell Angriffsfläche vulgärer Argumentation, die die genuine Sprache mit einbezieht. Unterstich, Binnen-I oder das Gendersternchen* werden als Angriff einer der letzten maskuliner Bastionen gewertet, die ihren Anspruch von einer männlichen Erhabenheit ableitet. Ein weiteres Argument ist die Aussage, dass ein Text dadurch unleserlich erscheint, jedoch entpuppt sich das schnell als Schutzbehauptung des eigenen Bekenntnisses. Viele liberale und linke Zeitungswesen, Verlage und Autor*innen verwenden selbstverständlich eine Form der feministischen Sprachvariante. Einen nennenswerten Einbruch etwaiger Erlöse oder Gewinne konnte bis dato nicht festgestellt werden.

Ironischerweise wird ein theoretisches generisches Femininum ebenfalls abgelehnt, da dadurch die selbstauferlegte Wichtigkeit des eigenen cismännlichen Geschlechts in Gefahr scheint. Die feministische Linguistik verkommt dahingehend zu einem gesellschaftskritischen Moment und kann auch nur dadurch einen Wandel erreichen. Die maskuline Sprache ist Ausdruck des herrschenden Duktus über das weibliche Geschlecht. Darüber hinaus werden Menschen abseits der binären Norm und der Heterosexualität ebenfalls abgewertet, da das generische Maskulinum dieser vielfältigen Realität keine Rechnung tragen kann. Zur Verteidigung wird das Bild einer „lauten Minderheit“ herangezogen, die denn demokratischen Charakter vollends negiert. Die deutsche Sprache mit ihrer Angst vor der eigenen Revolutionierung ist ein reaktionäres Subjekt einer sich noch behauptenden Klasse und patriarchalen Struktur, die es weigert, ihren eigenen Abgang anzuerkennen. Doch das binäre Geschlechtsbild und der heterosexuelle Charakter unterliegen einer längst überfälligen Negation der zu leugnenden Realität. Trotz aller Liberalität und gefühlter Gleichheit ist die Männlichkeit nach wie vor besitzergreifend, führend und dem Wesen nach autoritär handelnd.

Um die Akademisierung der notwendigen Sprachkritik etwas entgegenzukommen, ist es unabdingbar, eben solche nicht alleinstehend zu behandeln. Die Sprache ist stets Spiegelbild und gleichermaßen Resultat der herrschenden Klasse und kann folglich und langfristig nur durch deren Überwindung reformiert werden. Der erbitterte Kampf selbstüberzeugter Maskulinist*innen in den Internetforen und Blogs ist das Aufrechterhalten eines Bildes längst vergangener Zeiten, in denen die Frau* ein unterdrücktes und geknechtetes Wesen des Mannes war. Doch diese Freiheit ist noch längst nicht abgeschlossen. Die Frau* als Vertreterin ihrer unterdrückten Klasse und erzwungenes Angehörige eines binären Geschlechtsbilds unterliegt einer doppelten Unterdrückung und Ausbeutung. Die Sprache wird diese Unterdrückung nicht in ihr Gegenteil umkehren, doch sie kann als revolutionäre Waffe dienen, die gefestigte Ungleichheit zu benennen und zu kritisieren. Denn erst die flächendeckende Sichtbarmachung der Unsichtbaren wird das Bewusstsein erweitern und verdeutlichen, dass die sogenannte „laute Minderheit“ eine breite Mehrheit ist, und die postulierte „Mitte der Mehrheit“ nur der Hall einer „lauten Elite“ ist, die erbittert darum kämpft, den eigenen Sturz zu verhindern. Das Patriarchat ist trotz wiederholender Beteuerungen seiner Profiteure alles andere als überwunden, doch fest verankert im Bewusstsein, der Wirtschaft und Politik, wie seit je her und gewillt, revolutionären Feminismus im Keim zu ersticken. Das generische Maskulinum erscheint harmlos und wenig beachtenswert, doch seine Überzeugungskraft und Sogwirkung sollte nicht unterschätzt werden. Sprache formt und schafft Bewusstsein, Hand in Hand mit dem gesellschaftlichen Sein.

13:24 31.12.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elisa Nowak

Ich halte es mit Rosa Luxemburg, die 1906 erinnerte: "Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das laut zu sagen, was ist."
Elisa Nowak

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