Der antisemitische Witz

Post-Satire Jan Böhmermann verkennt die von Tucholsky definierte Abgrenzung der Darstellung. Die Gratwanderung der Satire ist schon längst der Brachialkomik gewichen. Ein Kommentar
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Der antisemitische Witz
Jan Böhmermann hier auf der Romyverleihung 2018 in Wien

Foto: Manfred Werner (Tsui)/ Wikimedia Commons (CC 4.0)

Über Oliver Polaks neustes Buch „Gegen Judenhass“ und die Auseinandersetzung mit dem nicht namentlich erwähnten Jan Böhmermann schrieb bereits Stefan Niggemeier für diese Zeitung das wesentliche. Doch nicht so sehr die Frage, ob Böhmermanns Aussagen und Auftritt antisemitisch war steht im Mittelpunkt, sondern der Wert der Satire selbst. Das generelle Recht auf Beleidigung aller Gesellschaftsschichten soll laut Serdar Somuncu ein unantastbares sein und wird auch von der Linken gerne verteidigt. Der daraus gezogene Freischein der unreflektiven Konfrontation wird dabei als gesetzt hingenommen, in dem der Antifaschist Kurt Tucholsky herangezogen wird. Tucholsky schrieb 1919 im Berliner Tageblatt, dass die Satire alles dürfe. Dieser Leitspruch wird heute inflationär als Schutzbehauptung herangezogen, um so Kritik an strukturellen Rassismen zu unterbinden. Die heutige Form der Satire, wie sie auch Jan Böhmermann, Serdar Somuncu und auch Oliver Polak verwenden, ist jedoch eine in sich selbst gespaltene Massenware geworden. Die Satire ist ein politisches Instrument als Kritik an herrschende Zustände gedacht gewesen. Die dadurch erfolgte Schärfe dient der überspitzten Offenlegung des zu kritisierenden Themas. Ihr originär fremd war die zweckbestimmte Aneignung als „kritische Verkörperung“. Doch die brachiale Verflachung scheint heute pflichtbewusst, gemäß der Logik: nur das Laute steht im Recht. In dem bestimmten Fall Polaks und Böhmermanns bedeutet das, dass die Aneignung antisemitischer Rhetorik als Verdeutlichung des zu kritisierenden Themas selbst zum strukturellen Antisemitismus wird.

Tucholsky schrieb in seinem Artikel, der Deutsche verwechsle „das Dargestellte mit dem Darstellenden.“ Diese Kritik untermauerte er mit der Trinksucht, in dem er die Folgen des Alkoholismus „am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes“ verdeutlichte, „der hoffnungslos betrunken“ sei. So sehr der Deutsche seinen Tucholsky verstanden haben möchte, so begeht er heute in spiegelnder Verkehrung den selben Fehler: die Darstellung des Alkohols. Aktion und Reaktion im satirischen Betrieb ist essentiell für die jeweilige Interpretation und daher unabdingbar mit der handelnden Person verknüpft. Die Sprache als Machtinstrument spielt dabei eine weitreichende Rolle, wie es auch die deutsch-iranische Komikerin Enissa Amani in ihrem Netflix-Auftritt plakativ verdeutlichte: rassistisch-kolonialistische Sprache als Gewaltmethodik kann nur durch die Unterdrückten kritisch rezipiert werden, und in dem Kontext auch in satirischer Absicht. Sonach ist es – um auf den Fall Oliver Polaks zurückzukehren – ein Unterschied, ob Böhmermann oder Polak im selbst gesteckten, referentiellen Rahmen das Judentum satirisch reflektieren.

Eine satirische Herangehensweise ist nicht frei von Konsequenz und hernach auch nicht Frei ihrer selbst. Der politische Wert im geschilderten Fall von Polak ist faktisch nicht vorhanden, daher kann sich der Satiriker Böhmermann nicht hinter seinem Werkzeug verstecken und hat sich hier der Selbstdefinition Polaks ermächtigt; die graduelle Grenzziehung war nicht existent. Eine rassistische Bemerkung oder Aussage wird auch in satirischer Ermächtigung nicht weniger rassistisch. Hier findet die stringente Positionierung statt. Als Satiriker bedient man eine duale Position: erstens gilt es das Thema der Kritik zu entwerfen und zweitens muss diese Kritik politisiert dem Zielpublikum breit gemacht werden. Das alleinige Aneignen des Kritischen ohne es zu brechen, wie es leider die flächendeckende Satire betreibt, lässt den Satiriker selbst zum Täter werden. Genau diese Situation geschah in der Beschreibung Polaks und des Artikels Niggemeiers, in dem in gespielter Naivität Antisemitismus benannt wurde, der Bruch mit dem Thema jedoch nicht stattfand. In diesem Moment wurde der tief verwurzelte Antisemitismus der deutschen Gesellschaft bedient. „Darf man das?“, würde Chris Tall nun fragen. Ja, darf man. Den Vorwurf, strukturellen Antisemitismus zu bedienen muss man sich jedoch gefallen lassen.

Tucholsky verstand die Satire als Klage gegen den Antisemitismus und die Ungerechtigkeit der Welt. Als Waffe der Kunst gegen den Militarismus der jungen Weimarer Republik. Die gesellschaftliche Schärfe wurde ihr schon längst geraubt und wird flächendeckend missbraucht. Die Haltung, man habe den satirischen Wert nicht verstanden, prangere man den Kern an, gehört dabei zur Grundausstattung. In diesem Duktus räkelte sich auch Böhmermann, der sich vor allem in seinen Tweets als unangreifbare Person sieht und das Mittel der konfrontativen Defensive nutzt. Anstatt sich mit dem Antisemitismus an seiner Person zu beschäftigen und zu stellen, durchbricht er das Schweigen und sprach von „Umdeutungen“. Dass sich die Bemerkung der fehlenden „angemessenen Umsatzbeteiligung“ erneut im antisemitischen Fahrwasser wähnt muss nicht mal eine Absicht gewesen sein. Die Publikmachung verdeutlicht indes eindrucksvoll den widersprüchlichen Charakter der sogenannten Post-Satire: sie entledigt sich ihrer selbst und dient als Ummantelung der eigenen Selbstbestätigung. Durch den entpolitisierenden Prozess verschwimmt auch die bewusste Distanz zum Subjekt. Der australische Satiriker Jim Jefferies verdeutlichte dies anhand von Rape-Jokes: er mache Witze über Vergewaltigung, doch befürworte sie nicht. Diese distanzlose Kritik ist gefährlich.

Was bleibt ist das ewig währende Bild der Deutungshoheit des Witzes. Diskussionen breiten sich aus, was man noch sagen und schreiben dürfe und was nicht. Dabei geht diese Frage an der Thematik vollkommen vorbei. Die Meinungsäußerungsfreiheit erlaubt es jedem, in den juristischen Rahmen das zu sagen und zu publizieren, wie es einem liegt. Die Gegenreaktion muss dabei denselben Stellenwert erhalten und den Rückzug zwecks Verschleierung oder Unsichtbarmachung der eigentlichen Intention hinter humoresken Mauern verhindern. Der Liberalismus der Kunst verkommt zu einem reinen Schlachtfeld und propagandistischem Instrument, in dem mehr und mehr unter dem Deckmantel unter der Post-Satire Hass, Beleidigung und Verletzung verbreitet wird. Eine positive Besetzung gebührt den Satirikern Claus von Wagner und Max Uthoff, die mit „Der Anstalt“ die politische Komponente der Satire verstanden haben. Sie beleuchten schonungslos die Trunksucht des Alkoholikers, während Böhmermann und Freund*innen als Personifizierung des Alkohols Brachialkomik performen.

14:54 04.11.2018
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Geschrieben von

Elisa Nowak

Ich halte es mit Rosa Luxemburg, die 1906 erinnerte: "Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das laut zu sagen, was ist."
Elisa Nowak

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