Der November der Deutschen

Geschichte Der 9. November ist für die Deutschen ein symbolträchtiger Tag. Die Auseinanderhaltung der Novemberrevolution und der Pogromnacht ist jedoch historisch falsch
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Der November der Deutschen
"Geschichte ist deterministisch, die Menschheit kann jedoch das, was sie vorfindet, für sich gebrauchen und entwickeln"

Patrik Stollarz/Gettyimages

Der 9. November ist für die Deutschen ein historisch wichtigerer Tag als der 3. Oktober. Das liegt einerseits, dass vier Ereignisse auf den Tag fallen – die Ausrufung der Republik 1918, der sogenannte „Hitler-Ludendorff-Putsch“ 1923, die Reichspogromnacht 1938 und der sogenannte „Mauerfall“ 1989 – andererseits, da diese Geschehnisse maßgebliche Wendepunkte für die deutsche Geschichte sind. In diesem Jahr 2018 stechen die Novemberrevolution und die antisemitischen Pogrome speziell hervor, da beide ein Jubiläum „feiern“. In den letzten Tagen wurde viel darüber geschrieben, gesprochen und auch in Veranstaltungen (kritisch) gewürdigt, verarbeitet und gedacht. Die bürgerliche Auffassung erkennt zwar die Wichtigkeit beider Tage für die heutige Bundesrepublik, behandelt die Jahre 1918 und 1938 jedoch unterschiedlich gewichtet als von einander getrennte Phänomene. Allerdings hat die Ausrufung der freien Republik durch Karl Liebknecht und Philipp Scheidemann einerseits und der antisemitische Terror der Nazis andererseits eine Gemeinsamkeit, die für das Verständnis des eliminatorischen Antisemitismus und die rechtsautoritären Radikalen in der Weimarer Republik unabdingbar sind. Es beginnt bereits bei der Auffassung, welchen Charakter die Novemberrevolution hatte und ob und inwieweit sie vollendet wurde. Die herrschende Meinung ist sich sicher, dass die Revolution durch die Einführung der parlamentarischen Demokratie und hernach Abdankung des Kaisers vollbracht wurde. Die Weimarer Republik als Produkt der Revolution war jedoch nicht deren Resultat, sondern musste als notwendige Zwischenebene definiert werden. Die Novemberrevolution war in ihrem Wesen ein Werk der sozialistischen Arbeiter*innen, die im Zuge der russischen Oktoberrevolution und dem Ende des Ersten Weltkrieges in die Öffentlichkeit getragen wurde

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die damals unter dem Kürzel M-SPD firmierte, anerkannte die Revolution nur als Instrument zur Unterschlagung der Revolutionär*innen. Sowohl der spätere Reichskanzler Friedrich Ebert als auch Philipp Scheidemann sahen es als ihre Pflicht an, die Möglichkeit einer sozialistischen Umwälzung im Sinne der Bolschewiki mit allen Mitteln zu unterdrücken. Sie machten auch keinen Halt vor Koalitionen mit rechten Kräften wie der Freikorps, die unter der Hand Gustav Noskes die Militarisierung und hernach Niederschlagung der Revolution verantworteten. Der 9. November 1918 markierte einen zwiespältigen Wendepunkt, da sowohl eine parlamentarische als auch eine sozialistische Republik ausgerufen wurde. Um das Bürgertum zu beruhigen und die Macht des Parlaments zu festigen wurden kurzerhand die Kommunist*innen und Sozialist*innen als Feinde der Nation deklariert, was in individuellen Terror wie der Ermordung der Revolutionäre Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Kurt Eisner führte. Der verwurzelte Antisemitismus in der Gesellschaft bekam einen Aufschwung, in dem Rechtsautoritäre und Vordenker*innen des Faschismus sowohl in der sozialistischen Räterepublik als auch in der jungen Weimarer Republik eine „Judenrepublik“ erblickten. Bedingt durch die Erfolge der Bolschewiki in Sowjetrussland wurde eine Gleichsetzung von Kommunist*innen und Jüd*innen heraufbeschworen. Dieser unterschiedlich gewichtete Antisemitismus war in allen Gesellschaftsschichten präsent und tief verankert mit der Gründung der Republik.

Wie die Geschichte es so will wurde die sozialistische Bewegung niedergehalten, verfolgt und ermordet. Die Weimarer Republik bekannte sich formal zur (bürgerlichen) Demokratie, wurde jedoch faktisch von Anhänger*innen der Monarchie und Autoritär*innen geführt. Nationalistische und bald auch faschistische Kräfte sahen in der Republik und dem dadurch bedingten Vertrag von Versailles eine „Schande“ Deutschlands und strebten die Rekonstitutionalisierung eines großen Deutschlands an. Das Gedenken an den 9. November 1918 findet somit unter mehreren Gesichtspunkten statt: die Gründung der Weimarer Republik, die (Nicht-)Vollendung der Revolution und die daraus erkämpften Rechte wie das Frauenwahlrecht und die Betriebsräte. Sie ist im Kern eine unvollendete Revolution, die jedoch formal-historisch zwanzig Jahre währen sollte. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) versuchte mehrmals in der Phase Weimars eine Fortsetzung des November, doch scheiterte stets an den innerdemokratischen Problemen und Führungswidersprüche der Partei selbst. Die in der gängigen Geschichtsschreibung der Weimarer Republik ist dabei, dass sowohl die NSDAP als auch die KPD als die Totengräber*innen der jungen Republik herhalten muss. So einfach ist es jedoch bei weitem nicht.

Nicht getrennt behandelbar

Der signifikante Unterschied zwischen Kommunist*innen und Faschist*innen war das Verhältnis zur Revolution. Während erstere die unvollendete weiter vorantreiben wollten, war sie den Nazis ein Dorn im Auge, die darin ein Werk „jüdischer Bolschewist*innen“ sahen. Unter diesem Gesichtspunkt wollten sehr plakativ gesprochen die Linken die Fortsetzung und Radikalisierung der Revolution hin zur sozialistischen Demokratie, derweil die Rechte die Abwickelung und Errungenschaften derer forderten. Dabei hatten sie ein Großteil des Bürgertums durchaus auf ihrer Seite, die jedoch formal die radikalen Akzentuierungen nur ungern teilten. Der 9. November wurde dadurch – auch durch den „Hitler-Ludendorff-Putsch“ - zu einem Symboltag der Faschist*innen. Der Weg hin zur Reichspogromnacht 1938 ist mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Zufall gewesen, sondern dirigiertes Resultat der eigenen Symbolik. Die demokratisch erfolgte Machtübergabe 1933 an die NSDAP mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler markierte die Beendigung der Republik, doch vergeben wurde ihr nicht. Die in den heutigen Tagen Auseinanderhaltung der zwei schicksalsträchtigen Tage ist dabei nicht verwunderlich des eigenen Standpunktes verpflichtet, doch sie sind unmittelbar miteinander verknüpft und bedingen einander. Der Antisemitismus der Deutschen erfuhr in den 1930er Jahren eine stetig aufbauende Radikalisierung, anfänglich durch (juristische) Dekrete und Ausgrenzungen. Die Kriminalisierung des Judentums erfuhr ihren ersten, auch international geächteten Höhepunkt in der Reichspogromnacht, die den Übergang der Ausgrenzung merklich in die offene Verfolgung markierte.

Am 9. November 1938 zerstörten Deutsche, unabhängig ob Mitglied der SS oder NSPDAP oder nicht, Synagogen, Geschäfte und Wohnungen von jüdischen Mitbürger*innen. Diese Nacht war jedoch der Höhepunkt, da dieser Pogrom bereits am 7. November seinen Anfang nahm und bis in den 13. November reichte. Die Reichspogromnacht war für die Faschist*innen eine wichtige Symbolik: gemäß der Propaganda der Nazis wurde „Rache“ an den Jüd*innen für die Novemberrevolution genommen. Die Folgen waren massenhafte Verhaftungen von Jüd*innen, die in die Konzentrationslager verschleppt wurden. Der eliminatorische Antisemitismus wurde offen praktiziert und erfuhr durch die Partei weder ein Dementi noch eine Unterstützung. Der individuelle Terror wurde gewährt. Für die Faschist*innen war die Ermordung des deutschen Botschafters in Frankreich ein mehr als willkommener Anlass, die ohnehin an jenem Tag versammelten Kader und Sympathisant*innen zu informieren, um die Pogrome indirekt zu leiten. Der im Jahre 1918 definierte „jüdische Bolschewismus“ erfuhr 20 Jahre später die deutsch-faschistische Aggression der eigenen Nachbar*innen und Mitbürger*innen. Dieser Wendepunkt ist der Beginn des Holocausts und politische Orientierung hin zum bald kommenden Weltkrieg. Die Protestnoten des Auslands tangierten die Nazis nicht minder. Noch am 30. Januar 1939, ein halbes Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, machte Hitler die Jüd*innen für die imperialistischen Aggressionen der Nazis verantwortlich, sprach von der „Vernichtung der jüdischen Rasse“.

Der 9. November erfährt in der BRD ein zwiespältiges Vermächtnis. Sie können nicht getrennt behandelt werden, um der eigenen Geschichte treu zu sein. Gerade mit Blick auf die Alternative für Deutschland (AfD), die einen geschichtsrevisionistischen Kurs fährt, ist es unabdingbar, auch wenn es für viele bürgerliche Historiker*innen schwerlich zu verdauen ist, sowohl den eliminatorischen Antisemitismus als auch den Aufstieg der NSDAP und den daraus folgenden Holocaust als Produkt der unvollendeten Revolution des November zu definieren. Geschichte ist deterministisch, die Menschheit kann jedoch das, was sie vorfindet, für sich gebrauchen und entwickeln. Die schwache Demokratie der Weimarer Republik hatte keinerlei Chance sich zu entfalten, zu widersprüchlich und antagonistisch waren deren Akteur*innen. Das Ende der Monarchie am 9. November 1918 brachte demokratische Errungenschaften hervor, vermochte sie jedoch nicht zu verteidigen und krankte an der Haltung der eigenen historischen Rolle, die die radikale Rechte für sich vereinnahmen konnte. Der 30. Januar 1933 ist das Ende der jungen Demokratie in Worten, doch die gesellschaftliche und orchestrierte Abrechnung mit ihr fand ihre Gestalt in den Reichspogromen.

21:59 10.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elisa Nowak

Ich halte es mit Rosa Luxemburg, die 1906 erinnerte: "Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das laut zu sagen, was ist."
Elisa Nowak

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