Dialektik der Ernährung

Überernährung Der Kapitalismus entfremdet den Menschen von der Nahrung. Anstatt an den Individualismus zu appellieren, muss die Ernährung radikal auf den Kopf gestellt werden.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Selbstverständlichkeit, ununterbrochen Zugang zu Lebensmittel zu haben, wird als eines der größten Errungenschaften des Kapitalismus bezeichnet. Die vermeintliche Überwindung der Mangelernährung und die postulierte Freiheit über die Entscheidung, was und wann zu essen ist, ist hierbei jedoch nur der westlichen Hemisphäre der Industriestaaten zuzuordnen. Die Ernährung ist für den Menschen essenziell. Es ist hierbei nicht verwunderlich, dass die Nahrung als propagandistisches Mittel in ökonomischen und politischen Auseinandersetzungen verwendet wird. Doch nicht nur der Hunger ist eine Waffe, sondern auch die vermeintlich endlose Verfügbarkeit. Die Nahrung als solche steht dem Menschen in der westlichen Welt nicht mehr als notwendiges Bedürfnis da, sondern ist durch die voranschreitende Industrialisierung zu einem relevanten Machtfaktor innerhalb staatlicher Strukturen geworden. Die sich dahinter verborgene Logik ist hierbei denselben kapitalistischen Verwertungslogiken unterworfen wie die Ökonomie an sich. Dabei ist die Gefahr, die sich mit der Überernährung auftun, keineswegs eine neue. Ihre Dringlichkeit wird jedoch unter verschiedenen Gesichtspunkten unterschiedlich interpretiert und besonders im liberalen und feministischen Diskurs individualistisch beantwortet und kolportiert. Das ist jedoch ein völlig falscher und tendenziell gefährlicher Ansatz.

Überernährung der Menschen ist kein Novum. Besonders seit 1975 steigt die Anzahl der übergewichtigen Menschen stets an. Der 13. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zeigte 2017 die drastische Ausprägung: während bei Frauen der Mittelwert bei 37 % liegt, ist er bei Männern bei 59 %. Eine besondere Risikogruppe wird hierbei Rentner*innen nach ihrem Berufsleben attestiert. Hier postuliert der Bericht, dass drei von vier Rentnern an Übergewicht leiden. Bei Rentnerinnen sind es immerhin 56 %. Die Zahlen sind hierbei mehr als deutlich. Die Nachteile, die ein Übergewicht und auch die Adipositas mit sich bringen, sind hierbei ebenfalls nicht zu unterschätzen. Der individuellen Ausprägung und Gesundheit des Einzelnen in Rechnung tragend ist bei einem steigenden BMI-Wert ab 25 auch mit einer Erhöhung weitreichender physischer und psychischer Einschränkungen und Folgewirkungen zu rechnen. Neben depressiven Verstimmungen sind bekannte Folgeerscheinungen eine Fettlebererkrankung oder die Entwicklung der Diabetes. Das Wissen über die toxische Auswirkung der Überernährung ist zur Fülle da. Die zentrale Frage, die sich nun stellt ist, weshalb mit dieser schleichenden Gefahr nicht in der sie gebührenden Notwendigkeit umgegangen wird.

Die Antwort darauf ist so einfach wie komplex. Die permanente Verfügbarkeit von industriell verarbeiteter Nahrung ist ein Produkt der Ideologie des Neoliberalismus und seiner kapitalistischen Marktlogik. Die Gewinnmaximierung der Industriellen und der Lebensmittelindustrie steht hierbei zentral und ist hiernach den marktradikalen Mechanismen unterworfen. Die Herstellung von kalorienlastiger und zuckerreichen Lebensmittel ergibt einen höheren Gewinn als die Fokussierung auf gesunder Nahrung. Obgleich die Regierung in der BRD mit Samthandschuhen versucht, diese Anarchie der Lebensmittelproduktion zu regulieren, sind auf Freiwilligkeit basierende Selbstverpflichtungen nicht mehr als ein ironischer Hohn. Besonders der Fructose liegt die Gefahr inne, eine Fetteinlagerung zu steigern. Diese notwendige Abhängigkeit des Körpers wird bereits in der Kindheit exerziert, wonach die Einhaltung der tagesüblichen Menge an Zucker quasi verunmöglicht wird. Die Konsequenz daraus ist die faktische Entfremdung des Menschen von der objektiven Notwendigkeit des Überlebens: der Ernährung. Der menschliche Körper konnte sich in dieser kurzen Zeit – seit der Industrialisierung – nicht dahingehend anpassen, die Überernährung zu begegnen.

Die Propaganda der Lebensmittelindustrie ist das eine. Die andere Problematik, die sich in der Aufarbeitung gibt, ist der besonders im feministischen Diskurs postulierte Individualismus, welcher sich hinter dem Übergewicht verbirgt. Das sogenannte „Fat-Shaming“ – das heißt die Diskriminierung von übergewichtigen Menschenerfährt vom liberalen Feminismus eine richtige Kritik, doch die Schlussfolgerung, die daraus gezogen wird, ist nicht die Kritik an der Entfremdung des Menschen von seiner Nahrung. Angegriffen wird die Diskriminierung an sich ohne den dialektischen Zustand dahinter zu greifen, der die Existenz der Kritik ermöglicht. Übergewicht beim Menschen ist erst durch die Ideologie des Neoliberalismus und des Kapitalismus diskursiv allmählich als Normalität definiert, doch diesem Irrglauben gilt es vehement und entschieden entgegenzutreten. Adipositas und Übergewicht sind Entwicklungen des Einzelnen ziehend aus den herrschenden Bedingungen vor Ort und der herrschenden Klasse, die die Ernährung positiv vereinnahmt als Waffe instrumentalisiert. Der Radikalismus des Individualismus wird hier als absolutistische Freiheit propagiert, die sich gegen jedwede Kontrolle zur Wehr setzt. Die Verfügbarkeit endloser Produkte derselben Nahrung steht hierbei als Idealisierung höher als die notwendige Kontrolle und die Eindämmung der Anarchie der Lebensmittelindustrie.

Die Ernährung steht nicht im luftleeren Raum. Die Überproduktion der Lebensmittel durch die Industrie offenbart den Zynismus dieser Logik: derweil Menschen außerhalb der westlichen Industriehemisphäre an Hunger leiden, kommen die Menschen in den Industriestaaten mit dem Essen nicht mehr hinterher. Der Klassenwiderspruch im internationalen Kontext zeigt sich auch in der Verfügbarkeit der Nahrung. Innerhalb der Industriestaaten findet dieser Antagonismus in der Überernährung statt. Die Forderungen, individuell darauf zu achten, wie man wo etwas isst, greift die Problematik dabei nicht an der Wurzel. Es liegt nicht in der Aufgabe des Einzelnen, dieses Missverhältnis der Ernährung aufzulösen, sondern es ist eine kollektive Aufgabe, welche nur zum Erfolg führen kann, wenn der Kapitalismus an sich seine Überwindung findet. Es ist die vermeintliche Ironie der Geschichte: während die Industrialisierung des junge Kapitalismus einst als progressive Epoche der Menschheit entstand, in dem (jedenfalls theoretisch) niemand mehr Hunger zu leiden habe, so ist die Eindämmung der Überproduktion der Nahrung und die Kontrolle darüber, eine Nahrung im Sinne des Menschengeschlechts zu organisieren, das notwendige Ziel, sich selbst als Mensch bewusst zu werden. Die Nahrung als Waffe war schon immer die schärfste innerhalb der Geschichte der Menschheit. Dialektisch hat sie im Kapitalismus ihr vermeintliches hohes Gut ins Gegenteil gekehrt. Es sind nicht die Menschen, die an Übergewicht leiden, welche sich zu ändern haben. Das System muss sich ändern.

23:10 24.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elisa Nowak

Freie Journalistin und Studentin der Philosophie.
Elisa Nowak

Kommentare