Die Angst vor der Normalität

Geschlecht Die Reform für eine dritte Option zeigt das Festhalten an einem binären Geschlechtsbild. Dabei ist die Frage komplexer und lässt sich nicht auf Sexualmerkmale begrenzen.
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Der Deutsche Bundestag hat am 13. Dezember 2018 beschlossen, dass intersexuelle Menschen künftig ihr Geschlecht als „divers“ eintragen lassen können. Entgegen den Forderungen vieler Organisationen und Gruppen wie beispielsweise der „Dritten Option“ ist die Einigung jedoch nur eine marginal. Nach wie vor wird ein ärztliches, das heißt bürokratisches Gutachten benötigt, womit das Selbstbestimmungsrecht weiterhin eingeschränkt bleibt. Diese Reform argumentiert mit biologistischen Punkten und negiert die Diversitäten der Geschlechter. Der Realität wurde nur wenig Rechnung getragen, die Forderung des Bundesverfassungsgerichtes aus dem Jahre 2017 nur akzentuiert befolgt. Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig füllen werden weiterhin ausgegrenzt und in eine Kategorie gezwungen. Die Rechtsanwältin Katrin Niedenthal sagte der „Dritten Option“, dass durch diese Gesetzgebung „viele dyadische und nicht-binäre Menschen“ weiterhin diskriminiert werden. Der Erfolg ist daher ein rückwärtsgewandter, da er das bürgerliche, binäre Geschlechtsbild weiterhin hochhält und sich dabei selbst in einer Ideologisierung befindet. Das binäre Bild der Geschlechter ignoriert die Existenz der Diversitäten und Individualitäten, es ist im Kern eine bürgerliche Klassenpolitik.

Die Juristin Franziska Brachthäuser verriet im Interview mit Elsa Koester, dass 1794 die Intersexualität eine in der preußischen Gesellschaft verankerte Normalität war und übertrug sie dem Selbstbestimmungsrecht der Eltern und „Betroffenen“. Der Siegeszug der Aufklärung und der Aufstieg des Bürgertums fällt nicht zufällig mit der schleichenden Pathologisierung nicht-binärer Geschlechter zusammen. Hintergrund hierbei war die zunehmende Vermengung respektive Gleichsetzung des biologischen und sozialen Geschlechts. Die bahnbrechenden Entdeckungen Charles Darwins ließen eine materialistische und physikalische Denkschule entwickeln, in deren Zug sich jedoch auf dem Feld der Geschlechter eine nebulöse Reaktion manifestierte. Die Verkürzung der Entdeckungen und Theorien Darwins erlaubten die Entwicklung eines biologistischen Systems. Die vormalige Gleichsetzung verkam zur Ausbildung einer Hierarchie, die nie vergangen war. Schwäche und Stärke wurden simultan als Wesen der Geschlechter definiert, in dem der Mensch zu einem Vertreter eines Kollektivs wurde. Weibliche Schwäche und männliche Stärke verbreitete sich als herrschendes Urteil sowohl auf körperlichem als auch sozialem Grund. Die Vereinfachung des menschlichen Wesens erzwang eklektisch ein binäres Bild, welches sich zwangsweise in eine ethische Überhöhung wiederfinden sollte. Die dadurch erwirkte „Normalität“ ist bis heute Orientierungsrahmen, wie sie auch im bundesdeutschen Gesetz zu sehen ist.

Die Existenz mehrerer Geschlechter beziehungsweise das Durchbrechen derart gesetzter Normen lässt sich bis in die indigenen Völker des amerikanischen Kontinents zurück verfolgen. Auch in jenen Gesellschaften gab es Strukturen und Definitionen von Geschlechtern, die man heute als trans*sexuell, intersexuell und genderfluid betrachten würde. Die sogenannte Doppelgeschlechtlichkeit befand sich hinter dem Begriff „nádleehé“, was sinngemäß für „jemand, der resp. die sich in einem ständigen Prozess des Wandels befindet“. Der formal progressive Charakter des gesellschaftlichen Liberalismus steht dabei seiner eigenen Errungenschaft im Wege, deren Durchbruch nur durch die eigene Negation erfolgen kann. Patriarchale Strukturen manifestieren sich nicht alleine in sozialen, politischen und ökonomischen Sphären, sondern auch in der Deutungshoheit über das Geschlecht. Die französische Feministin und Philosophin Simone de Beauvoir brachte es mit ihren bekannten Worten „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“ auf den Punkt: das biologische und soziale Geschlecht sind voneinander unabhängig agierende Subjekte. Die Frage des Geschlechts behandelt darüber hinaus auch den ökonomischen Faktor. Die Weiblichkeit in allen Funktionen wurde nicht nur als unterdrückendes Moment betrachtet, sondern auch als permanente Gefahr.

Der aufkommende Feminismus war seiner Funktion nach die Sichtbarmachung der Unsichtbaren. Die Frage des Geschlechts wart ihr dialektisch verknüpft, wobei sich auch hier teils widersprüchliche Tendenzen fanden. Die sogenannte sexuelle Revolution Westeuropas und Nordamerikas sollte das binäre Bild zum Wanken bringen, doch die bürgerliche Klassengesellschaft ist immun dagegen, jedenfalls noch. Die treibende radikale Rechte, namentlich in Form der parlamentarischen Alternativen für Deutschland (AfD), geriert sich dabei als Verteidigerin einer aussterbenden Epoche. Dabei bedient sie selbst ökonomischer Argumente und gibt sich als neoliberale Partnerin. Abgeordnete der AfD diskreditieren Student*innen von Geistes- und Sozialwissenschaften wie „Gender Studies“ und betrachten es als Steuerverschwendung. Der Wert des binär-patriarchalen Geschlechtsbild ist der Partei und der radikalen Rechte ein besonderes Ansinnen, denn die Schwäche wird nach wie vor mit der Weiblichkeit vereint, und schwach ist alles, was nicht heterosexuell und männlich ist. Dabei ist der Angriff auf das binäre System alles andere als eine Vernichtung der Tradition, sondern viel mehr deren eigenen Überwindung, denn formal ist die Vielfalt der Geschlechter eine jahrhundertealte Tatsache. Die eigentliche Fetischisierung auf das Geschlecht kommt daher von den Verteidiger*innen einer ideologischen Männlichkeit.

Von der Weltgeschichte fast nicht wahrgenommen, wurde in den 1920er Jahren bereits ein Versuch gestartet, das binäre Geschlechtssystem zu überwinden. Das junge Sowjetrussland unter Wladimir Lenin schaffte faktisch 1917 die zaristischen diskriminierenden Gesetze ab und entkriminalisierte die Homosexualität. Darüber hinaus wurde es 1926 transsexuellen Menschen ermöglicht, auf unbürokratischem Wege eine Personenstandsänderung zu beantragen. Eine erzwungene operative Angleichung oder psychiatrische Atteste waren nicht von Nöten. Der erste schwule Außenminister war dahingehend auch nicht der FDP-Politiker Guido Westerwelle, sondern Georgi Tschitscherin, der von 1918 bis 1930 Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten war. Er lebte offen homosexuell. Erst der Aufstieg des Stalinismus zerstörte die damals fortschrittlichsten Errungenschaften für queere Menschen. Materialistisch betrachtet ist der Mensch stets Produkt seiner Umwelt, hernach auch Klassenpolitik. Der Verweis auf die vermeintliche „Natürlichkeit des Menschen“ ist eine Schutzbehauptung der heutigen Gesellschaft, ein binäres Geschlechtssystem krampfhaft beizubehalten. Ein nüchterner Blick selbst würde offenbaren, dass die Fauna alles andere als binär ist. Intersexuelle Schnecken, homosexuelle Pinguine, männliche Seepferdchen, die Kinder ausstragen... wenn das Geschlecht einzig auf die Funktion der Fortpflanzung reduziert wird, entmenschlicht der Mensch sich selbst.

14:13 17.12.2018
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Geschrieben von

Elisa Nowak

Ich halte es mit Rosa Luxemburg, die 1906 erinnerte:"Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das laut zu sagen, was ist."
Elisa Nowak

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