Die Verfilmung des Grauen

Utøya Netflix bringt eine Verfilmung über den Terror in Utøya heraus. Paul Greengrass ist das Werk gelungen, einen politisch Film vollkommen zu entpolitisieren.
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Der 22. Juli 2011 wird ewig im Gedächtnis Norwegens bleiben. An jenem Tag zündete der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik (der sich seit Juni 2017 Fjotolf Hansen nennt)eine Autobombe im Zentrum Oslos und jagte daraufhin junge Mitglieder der AUF auf Utøya. Er ermordete 77 Menschen. Es war der größte Terrorangriff im Königreich Norwegen. Die Frage, wann sich die Filmwirtschaft dem Thema annimmt, wurde nun beantwortet. Im Jahre 2018 sollen gerade zwei Filme auf den Markt kommen, die sich es zur Aufgaben machten, Utøya zu verarbeiten. Neben dem norwegischen Kinofilm von Erik Poppe stellte sich auch Netflix die Aufgabe, dessen Ergebnis man nun begutachten kann. Im Zentrum steht der Rechtsterrorist Breivik, der sich als "Söldner" eines internationalen Krieges sieht und sich dazu bestimmt sah, als Führer einer weißen Elite den Erstschlag zu wagen.

Der Terroranschlag zielte direkt auf die Politik der offenen, multikulturellen Gesellschaft und wurde von Breivik als Teil eines Krieges definiert. Ein Krieg, der sich für eine rassistische Gesellschaftsordnung einsetzt, sich in der Tradition des Faschismus sehend. Breivik selbst hob den rechten Arm während seiner Verhandlungen. Der rechtsradikale Terror ist kein norwegisches Phänomen, sondern ein weltweites. Die Brutalität hinter Utøya ist indes der direkte Anschlag auf Jugendliche und Kinder einer sozialdemokratischen Organisation, die er als "Liberale" und "Marxisten" verabscheute. Regisseur und Autor ist Paul Greengrass, der bereits den Absturz der United 93 am 11. September 2011 quasi-dokumentarisch verarbeitete. Auf das Mittel der Pseudo-Dokumentation verzichtete Greengrass hier. Mit einer Laufzeit von knapp 2,5 Stunden mutet das Werk lange, doch ist erstaunlich kurzweilig, trotz parallel laufender Stränge. Der Film dokumentiert und verarbeitet chronologisch beginnend mit dem Bombenanschlag in Oslo und schließend mit der Urteilsverkündung des norwegischen Gerichts realen Terror, der eigentlich unverfilmbar ist.

Das Werk hält sich streng an Tatsachen, obgleich er - bedingt durch die obligatorische Dramaturgie - fiktive Fäden einfädelt, die jedoch die Aussage nicht verzerren. Das Schlusswort eines der Protagonisten definiert den filmischen, liberalen Sieg über einen Rechtsruck in der Gesellschaft, obschon der Film-Breivik selbst die rechte Gefahr unsichtbar nennt, womit durchaus und bewusst Bezug auf die heutige Situation genommen wird. Leider konnte es sich Greengrass nicht verkneifen, wenn auch sehr minimal, den Rechtsradikalismus dialektisch mit dem Linksradikalismus gleichzusetzen, wodurch eine wirklich antifaschistische Verarbeitung vollkommen verloren geht. Greengrass will mahnen und schockieren zugleich, so spart er auch nicht mit Gewaltspitzen im ersten Drittel, worüber sicherlich gestritten werden muss, ob es förderlich für die Intention des Werkes ist. Obwohl "22 July" ein Plädoyer gegen den rechten Terrorismus ist, bleibt er abseits dieser Nennung erstaunlich apolitisch, dem liberalen Hollywood sich annähernd, aber eine Lösung oder Erklärung bleibt es sich schuldig. Es ist nicht zu leugnen, dass Greengrass ein fabelhafter Geschichtenerzähler ist und auch ab und an etwas zu brutal auf der Klaviatur der Emotionen spielt, doch die Emotionalisierung des Geschehens lässt einen liberalen Moralismus emporsteigen, der konsequent getragen wird.

"22 July" ist kein politischer Film, sondern ein Unterhaltungsfilm, der ein reales Geschehen minutiös aufarbeitet. Wenn am Ende eine Überlebende des Massakers sich im Gericht zu Wort meldet, dass sie es nicht wüsste, weshalb jemand vor ihr, als Flüchtlingskind, Angst haben sollte, ist das selbstredlich eine emotionale Szene, doch verkennt es die eigentliche Gefahr hinter dem rechten Terrorismus. Dadurch läuft Greengrass Gefahr, den gesellschaftlichen Rechtsruck zu bagatellisieren, trotz des Grauens, den er selbst auf die Leinwand brachte. Die faschistische Agenda hinter Breiviks Worten und Taten werden ebenso außen vorgelassen, wie die Rolle des Staates an sich, auch wenn mehrmals erwähnt wird, dass der Geheimdienst versagt hätte, da er primär auf islamistischen Terrorismus spezialisiert wäre. Hauptträger des Films ist der Weg und das Leid eines jungen Sozialdemokraten, der als emotionale Instanz herhalten muss, sowie der Anwalt Geir Lippestad, der als Sozialdemokrat den Rechtsterroristen Breivik verteidigt. Trotz der langen Laufzeit wirkt alles wie ein vor gespultes Event, dem die Highlights geschuldet sind. Paul Greengrass ist das Werk gelungen, einen politisch Film vollkommen zu entpolitisieren.

14:06 11.10.2018
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Geschrieben von

Elisa Nowak

Ich halte es mit Rosa Luxemburg, die 1906 erinnerte: "Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das laut zu sagen, was ist."
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