Ein Dorf, sein Arzt und das Schweigen

Schmieder Kliniken Ein Mitglied der NSDAP gründet nach dem Krieg in einem ehemals jüdischen Dorf eine Klinik. Was wie Wahnwitz klingt ist Realität im Landkreis Konstanz.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die neurologische Rehabilitationsklinik Kliniken Schmieder KG ist bundesweit geachtet für ihre ausgezeichnete Unterstützung bei Menschen, die einen schweren Unfall überlebten und zurück ins Leben wollen. Gemäß ihrem Leitbild definiert sie ihre Arbeit und Struktur anhand verschiedener therapeutischer und medizinischer Faktoren, um so den Menschen ein Stück weit Lebenswirklichkeit zurückzugeben. Die Zentralklinik befindet sich in Allensbach und behandelt jährlich 13.000 Patient*innen. Weitere Niederlassung, die sich ausschließlich in Baden-Württemberg befinden, sind in Konstanz, Heidelberg, Gerlingen und Gailingen am Hochrhein. Sie stehen in der Tradition ihres Gründers Friedrich Georg Schmieder, der die erste Klinik 1950 unter dem Namen „Sanatorium Schloss Rheinburg“ in Gailingen am Hochrhein gründete. Sein Schwerpunkt lag in der Analyse und Behandlung von Hirnverletzungen und erweiterte sein Sanatorium sechs Jahre später für „Hirnverletzte, Nervengeschädigte und süchtige Kriegsverletzte“. Er wurde 1971 als Ehrenbürger Gailingens gekürzt, bekam 1974 das Bunderverdienstkreuz am Bunde und erhielt 1979 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Dabei war Schmieder praktizierender Arzt und Forscher im Nationalsozialismus und zu Wissen gelangt, die ihm erst die Möglichkeit einbrachte, eine solch einzigartige Rehabilitationsklinik zu gründen.

Geboren wurde Friedrich Schmieder am 24. Juli 1911 in Köln. Als die Nationalsozialist*innen 1933 an die Macht kamen, trat er im Mai 1933 der NSDAP bei und sogleich dem NS-Studentenbund, dem NS-Dozentenbund, der NS-Volkswohlfahrt und dem NS-Ärztebund. 1938 wurde er am Universitätsklinikum Heidelberg angestellt und Carl Schneider unterstellt, der sich auf die Vererbungslehre spezialisierte und in der sogenannten „Aktion T4“ verwickelt war. Schmieder absolvierte dort seine fachärztliche Ausbildung und wandte sich nach Ausbruch des Krieges den Erkrankungen Fleckfieber und Enzephalitis zu. 1942 wurde er von der Wehrmacht freigestellt, um sich vollkommen seinen Forschungen zu widmen. In der Zeit veröffentliche er ein Essay unter dem Titel „Die Photographie in der Psychiatrie“. Um die dort enthaltenen Aufnahmen zu ermöglichen, verabreichte er seinen Patient*innen – oder vielmehr: Opfern – Morphium oder Chlorethan. Sein Mitarbeiter Franz Wolf wurde nach Kriegsende für diese Anfertigung verurteilt. Schmieder selbst schaffte es nach Ende des Krieges nonchalant jegliches Wissen und Mitwirken zu leugnen. Dabei ist unter anderem belegt, dass er seine Opfern als „idiotisch“ und „schwachsinnig“ bezeichnete.

Der Gründer der erfolgreichen Rehabilitationskliniken war auch mittelbar in der „Aktion T4“ verwickelt, die für die Ermordung von Kranken und psychischen Menschen verantwortlich war. Besonders ein Schreiben von Friedrich Mennecke, Arzt und direkt verantwortlich für die Kindermorde im Rahmen von „T4“, bekräftigt sowohl das Wissen als auch den Profit Schmieders, den er aus diesen Morden einstrich: Menneke ersuchte Schmieder auf ein Treffen, um weitere photographische Arbeiten am Eichberg zu besprechen und ermöglichen. In diesem Kontext war – wie die Konstanzer Zeitung seemoz damals schrieb – die Vernichtung von Kindern im Rahmen der Aktion die Rede. Schmieder konnte sein ärztliches und fachmännisches Wissen dank der mörderischen Aktionen der Nationalsozialist*innen erweitern, denen er alles andere als feindlich gegenüberstand, was seine vielzähligen Mitgliedschaften in nationalsozialistischen Organisationen unterstreicht. Der wahre Zynismus kommt jedoch erst dann zutage, als er im Dorf Gailingen am Hochrhein seine erste Niederlassung eröffnete: dieses Dorf war bis zum Aufstieg der Nationalsozialist*innen ein mehrheitlich jüdisches Dorf.

Heute findet man in Gailingen an der Stelle der ehemaligen Synagoge, die am 10. November 1938 durch die SS-Truppe Germania aus Radolfzell gesprengt wurde, ein Mahnmal mit Nennung aller Jüd*innen, die am 22. Oktober 1940 ins KZ Gurs deportiert wurden. Die meisten wurden später in Auschwitz vernichtet. Von 1870-1884 war der jüdische Kaufmann Leopold Guggenheim Bürgermeister des Dorfes, während zu seiner Zeit etwa 700 Jüd*innen dort lebten, ein Anteil von 40%. Durch den aufkeimenden Antisemitismus verringerte sich die Zahl von Jüd*innen, doch Gailingen blieb bis 1938 ein jüdisch geprägtes Dorf. Die größte israelitische Gemeinde Badens befand sich ebenfalls dort. Doch bis auf den Gedenkstein und die Präsenz eines Jüdischen Museums scheint alles jüdische Leben ausgelöscht. Der alte, traditionelle jüdische Friedhof in der Nähe der Kliniken Schmieder wird nur oberflächlich gepflegt und war in der Vergangenheit antisemitischen Schmierereien ausgesetzt. An der Stelle, an der der Deportationswagen auf die Jüd*innen 1940 wartete, hält heute ein Linienbus. Im Keller des heutigen Rathauses wurden jüdische Mitbürger*innen gefoltert. Und Friedrich Schmieder, Arzt, der vom Nationalsozialismus maßgeblich profitierte und sich nie offiziell distanzierte, ist bis heute Ehrenbürger, derweil eine Straße seinen Namen ziert.

Vergangenheitsbewältigung ist stets eine kontinuierliche Sache. Bereits Ernst Klee und weitere Stimme in der Umgebung Konstanz versuchten die Machenschaften und das Wissen Schmieders in die Öffentlichkeit zu tragen, um ihn für die Zeit zu bestrafen. Doch vergeblich. Er wurde quasi rehabilitiert, ohne sich selbst seiner Schuld bewusst sein zu wollen. Als er 1988 verstarb war für viele die Geschichte ad acta. Doch die Erinnerung darf nicht verblassen. Die Sache ist dabei mehr als klar: Gailingen am Hochrhein profitiert von seiner Stellung. Seit 1977 ist das Dorf ein staatlich anerkannter Erholungsort und sowohl die Patient*innen der Kliniken als auch die direkte Verbindung in die Schweiz sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Ein offizielles Gedenken findet nur im Rahmen dem sich selbst verwaltenden Museum statt. Somit trägt im Jahre 2018 eine Straße in einem ehemals jüdisches Dorf den Namen eines Täters.

Alexander Gauland sprach vom „Vogelschiss“, als er über den Nationalsozialismus referierte. Diese Verrohung der Sprache, die sich nun immer mehr in der Öffentlichkeit artikulieren lässt, war schon immer Teil der deutschen Erinnerung und Geschichte. Nur wenn es sich unter keinen Umständen vermeiden lässt, werden Schreibtischtäter*innen oder andere Involvierte in der Vernichtungsmaschine Auschwitz geächtet und von Straßen, Plätzen und Erholungsorten verbannt. Friedrich Schmieder ist es indes gelungen, sein durch den nationalsozialistischen Terror erworbenes Wissen in die junge Bundesrepublik zu tragen, um dort im Wohle der Menschheit etwas zurückzugeben. Weshalb die Gemeinde Gailingen am Hochrhein es nicht für nötig hält, eine bewusste Erinnerungsstätte zu errichten und die Verbrechen zu ächten, bleibt ihr Geheimnis. Kooperativ scheinen sie nicht zu sein und natürlich wirft es ein hässliches Bild auf die Mustergemeinde, wenn sich plötzlich wieder herumspricht, dass die Kliniken Schmieder den Namen eines Nazis trägt, der gleichzeitig auch noch Ehrenbürger ist und bleibt. Und darum ist ein Schlussstrich ein illusorisches Unterfangen. Wer vom Anfang nicht sprechen will, muss vom Schluss schweigen.

15:45 21.10.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elisa Nowak

Ich halte es mit Rosa Luxemburg, die 1906 erinnerte:"Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das laut zu sagen, was ist."
Elisa Nowak

Kommentare