„Indianer“ gibt es nur mit Rassismus

Gesellschaft Die Bitte einer Hamburger Kita zu Fastnacht provoziert Medien und Politiker*innen. Dabei geht es nicht um die Kinder, sondern um den Postkolonialismus der alten Welt
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„Indianer“ gibt es nur mit Rassismus
Bei derart alten Kamellen gerät selbst der letzte Cowboy ins Grübeln.

Foto: Maja Hitij/Getty Images

Die Faschingszeit ist vorbei. Hinterlassen hat sie eine Bitte einer Kindertagesstätte in Hamburg, auf Kostüme wie „Indianer“ und Scheichs zu verzichten. Wie ein gefundenes Fressen stürzten sich nahezu alle Medien und Politiker*innen auf die Äußerung und wittern eine Einschränkung der Meinungsvielfalt als auch den Anbeginn einer aufstrebenden Verbotsdiktatur, die sich dem (Un-)Wohl der Kinder anbiedern. Die Leitung in Hamburg-Ottensen begründete die Bitte – welche nie als verpflichtende Maßnahme verstanden werden wollte, wie es unweit kolportiert wurde – mit dem Ziel einer „kultursensiblen, diskriminierungsfreien und vorurteilsbewussten Erziehung“.

Die irrationale Wut der bürgerlichen Presse, die sich der Tradition verschrieben hat, ist weniger verwunderlich als beispielsweise ein Artikel in der taz von Susanne Messmer, die trotz des kritischen Bewusstseins die Debatte für überzogen hält. „Wer Klischees abschaffen wollte, der müsste den Karneval verbieten“ schreibt sie und missversteht gleichermaßen das eigentliche Problem mit solch Kostümen. Philipp Kienzl kommt in der ze.tt der Problematik näher und appelliert, sich „mit dem eigenen privilegierten Weltbild“ auseinanderzusetzen. Es handelt sich um eine eurozentristische Aneignung nichtweißer Kulturen, die den schon längst überwunden gemeinten Rassismus in der westlichen Welt schonungslos am Leben erhält.

Matthias Heine schreibt in der Welt davon, dass Kitas „Indianer längst ausgerottet“ hätte. Unfreiwillig nimmt er dabei Bezug auf den historischen Kontext, der die Grundproblematik mit dem Konservativismus der westlichen Welt beschreibt. Die Kultur der sogenannten „Ersten Welt“ erklärt sich einerseits aus den lokalen und regionalen, aus den Klassen und Gesellschaften entwickelten historischen Bedingungen und andererseits aus dem imperialistischen und kolonialistischem Erbe.

Die Faschingszeit wird dabei trotz des apolitischen Anspruchs eine Bühne einer politischen Erklärung des herrschenden Narratives, das sich in den anscheinend unproblematischen Kostümen der Kindern sublimiert. Die Kritik, den Spaß den Kindern nicht zu nehmen, ist dabei ein Nichteingeständnis der eigenen historischen und gesellschaftlichen Rolle, die jedes Individuum unweigerlich rezipiert und verkörpert. Die Erziehung, wie sie die Kita in Hamburg vorleben will, ist eine grundsätzlich gesellschaftliche Aufgabe und daher Spiegelbild der herrschenden Haltung und Bedingung, die eine Gesellschaft im Moment ist. Wenn die Faschingszeit einzig mittels rassistischer Kostüme mit Spaß verknüpft werden kann, liegt die Wurzel tatsächlich tiefer und zeigt eindrucksvoll das arrogante und gefährliche Verhalten der herrschenden Klasse.

Kinder repräsentieren in ihrer Wahrnehmung immer die in der elterlichen und gesellschaftlichen Entwicklung erbrachten moralischen Anker. Sie sind de facto völlig hilflos einem postkolonialistischem Narrativ unterworfen und euphemistisch gesprochen die „Geschichtsschreibung der Gewinner*innen“ aufoktroyiert bekommen. Sie können die Tragweite gar nicht verstehen, weshalb ihr Kostüm rassistisch ist und daher problematisch wirkt, wenn die kritische Rezeption außen vor bleibt. Anstelle dem Vorhaben der Kita eine Grundlage zu liefern, die gesellschaftliche Rolle zu hinterfragen - und ihre inhärente Geschichte als Teil der westlichen Welt - verteidigt sie im Namen des Kindes eine reaktionäre Tradition, die bis in ihren Grundmustern im 21. Jahrhundert mehr als problematisch wirkt.

Der Duktus der Kritiker*innen – wie gesehen unabhängig ob von bürgerlich oder vermeintlich links – eint trotz unterschiedlicher Schwerpunkte im Kern die Ignoranz der notwendigen Selbstkritik. Man habe es schon immer so gemacht ist hierbei ein beliebter Satz, der im weiteren Kontext mit einer missverstandenen Meinungsfreiheit verbunden wird und dahingehend eine notwendige und kritische Aufarbeitung der eigenen Tradition als diktatorische Maßnahme denunziert. Der Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus sind dabei einend tragenden Komponenten des Eurozentrismus.

Es handelt sich gewissermaßen um eine duale resp. doppelte Diskriminierung, denn das Bild von „Indianern“ ist die Interpretation der herrschenden Klasse des Eurozentrismus. Die Aneignung erfolgt dabei immer auf doppelten Boden, die sich grundsätzlich in der inhärenten Menschenfeindlichkeit eurozentristischen Denkens wiederfindet. Schlechterdings wird der brutale Charakter in der Faschingszeit nicht einmal negiert, wenn „Cowboy und Indianer“ gespielt wird, bei der die patriarchale und kolonialistische Realität spielerisch wiederholt wird. Dieses sogenannte Spiel ist dabei nicht nur auf die Vernichtung der Native Americans durch europäische Kolonialist*innen zu reduzieren, sondern im Kontext der Mechanik beliebig austauschbar, die den moralischen Reflex dann mehr oder weniger zur Geltung bringt.

Durch diese Kontextualisierung wird den Kindern spielerisch ein Weltbild übermittelt, welches laut gesellschaftlichem Konsens geächtet zu sein scheint, man jedoch keine Notwendigkeit darin sieht, auch die Beziehung dementsprechend anzupassen. Die Hamburger Kita hat die dringende Debatte (unfreiwillig) angestoßen, bei der es nun unabdingbar ist, sie in die richtige Richtung zu lenken, um die Deutungshoheit des Postkolonialismus zu brechen.

Was bleibt ist die bedrückende Erkenntnis, dass im Namen der jüngsten Generation gesprochen wird, um die Verantwortung der jetzigen und alten strukturell zu vernachlässigen.

„Die sogenannten »Indianer« gibt es nicht und gab es nie. Der Begriff wurde im Zuge der Kolonialisierung Nord- und Südamerikas der damaligen Bevölkerung aufgezwungen und steht somit in Zusammenhang mit der brutalen Vernichtung großer Teile dieser Personengruppe“

So heißt es in einer Broschüre von Kids aktuell, die das Selbstverständliche anspricht. Natürlich geht es, anders als es die taz meint, nicht darum, etwas unreflektiert zu verbieten und eine Abschaffung der Fastnacht würde den postkolonialistischen Charakter der westlichen Welt mitnichten überwinden. Es ist eine grundsätzlich gesellschaftliche Aufgabe das schreckliche Erbe im Namen der Opfer und Vergessenen zu verarbeiten, was eine grundlegende Kritik am eurozentrischen Geschichtsbild zur Folge hat.

Gewiss hat die jetzige Generation nichts mit den Verbrechen gemein, auch sie ist nur eine nachfolgende. Doch der Pflicht können sie sich nicht entziehen, die Folgen daraus zuziehen, woran sie bis heute fundamental scheitern. In die Kleidung von Native Americans zu schlüpfen bei völliger Leugnung des historischen Kontextes ist die Aufrechterhaltung eines strukturellen Rassismus, der ein Wesen der westlichen Welt ist. Vielen Eltern mag diese Tragweite nicht bewusst gewesen sein, wonach es unabdingbar ist, dass die Kita mit ihrer politischen Erziehung nicht alleine bleibt. Der Shitstorm war abzusehen, die nur spärliche Solidarität und fehlende Erkenntnis des radikalen Willens dahinter stimmen jedoch enttäuschend, denn beim Kind scheint für den Deutschen der Spaß wohl aufzuhören.

14:17 09.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elisa Nowak

Ich halte es mit Rosa Luxemburg, die 1906 erinnerte:"Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das laut zu sagen, was ist."
Elisa Nowak

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