Make 1. Mai Great Again

International Der 1. Mai wurde von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften zu einem „Volksfest“ degradiert. Es ist an den Arbeiter*innen, diesen Tag wieder für sich zu reklamieren.
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Der 1. Mai hat dieses Jahr ein kleines Jubiläum zu verbuchen, gleichwohl es wenig zu feiern gibt. Vor 100 Jahren verabschiedete die Weimarer Nationalversammlung mit den Stimmen der Mehrheitssozialdemokrat*innen (M-SPD), den Nationalliberalen (DDP) und Teilen der Zentrumspartei einmalig, den 1. Mai als Feiertag abzuhalten. Bereits damals ging der Streit hauptsächlich um den Charakter des Tages, dessen Ursprung in der internationalen Arbeiter*innenbewegung liegt. Der Kompromiss hierbei lag jedoch begründet in der relativen Negation des Tages einer Klasse hin zu einem „Volksfeiertag“, weshalb auch die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und die Unabhängigen Sozialdemokrat*innen sich gegen das Konzept stellten. Ausgerufen wurde der Kampftag von der frisch gegründeten Sozialistischen Internationalen 1889, die damit den Arbeiter*innen des Aufstands in Chicago drei Jahre zuvor gedenken wollten. Die Kompromissstellung 1919 war auch Resultat des internationalen Bruchs der Arbeiter*innenbewegung, maßgeblich hervorgerufen durch den Ersten Weltkrieg und die nationalistische Politik der ehemals revolutionären Sozialdemokratie. Dennoch konnten sie sich nicht durchsetzen, den Tag als offiziellen Feier- und Gedenktag durchzusetzen. Diese Entscheidung oblag ironischerweise den deutschen Faschist*innen, die 1933 den „Tag der nationalen Arbeit“ ausriefen. Am 2. Mai wurden dann die Gewerkschaften zerschlagen und gleichgeschaltet.

Wenn demnach heute an den Tag im Jahre 1919 gedacht wird, ist nicht viel vom ehemaligen Kampfesgeist übrig. Innerhalb eines Jahrhunderts wurde der 1. Mai in der BRD-nachdem ihn die Alliierten 1946 wieder als offiziellen Feiertag errichteten-hin zu einem allgemeinen Festtag degradiert, dessen Ursprünge nur noch in euphorischen Reden oder den autonomen und revolutionären Demonstrationen zu erkennen sind. Trotz der anstehenden EU-Wahl im Mai findet sich auf der Seite der SPD kein Antrag oder Hinweis auf den 1. Mai (Stand: 30.04.2019 20:13 Uhr), der historisch mit der Sozialdemokratie verknüpft ist. 2017 rief das Präsidium immerhin noch im Zusammenschluss mit den Gewerkschaften (DGB) dazu auf, „für mehr Gerechtigkeit“ auf die Straßen zu gehen. Doch auch dieser Aufruf liest sich nicht mehr als das obligatorische Abspulen vermeintlich sozialdemokratischer Werte, die der ursprünglichen Idee vollkommen konträr gegenüberstehen. Anstelle ihrer ruft jedoch die Linkspartei unter dem Motto „Wir machen Europa sozial“ dazu auf, „für einen Kurswechsel in Europa“ auf die Straße zu gehen. Auch in diesem Fall liest sich die Forderung-welche sie primär gegen Konzerne und große Unternehmen in der Europäischen Union (EU) richtet-handzahm und alles andere als kämpferisch. Neben „guter Arbeit“ wird eine „Begrenzung der Managergehälter“ gefordert, die immerhin den primären Geist noch versprühen, den ökonomischen Charakter des Kampftages nicht zu ignorieren. Doch die großen Parteien der Arbeiter*innenbewegug-oder was davon noch übrig ist-halten es wie ihre Urahnen in Weimar, den Kampftag der Arbeiter*innenklasse als „Volksfest“ wahrzunehmen.

Frank Werneke, stellvertretender Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, springt ihnen im Interview mit Simon Zeise bei. Er sehe grundsätzlich kein Problem darin, „am 1. Mai auch gemeinsam“ zu feiern, mit Blick auf die von Zeise erwähnten „Hüpfburgen und Würstchen“, welche auf nahezu jedem Fest vorzufinden sind, die die Gewerkschaften an jenem Tag organisieren. Vollends kampflos bleibt es jedoch nicht, denn traditionell werden weiterhin Demonstrationen und Kundgebungen in unterschiedlicher Intensität und Rhetorik stattfinden. Zwischen Luftballons und Kinderstimmen erscheinen diese jedoch im Umfeld der großen Gewerkschaften und der Sozialdemokratie wie eine Makulatur der historischen Verantwortung. In Großstädten wie Berlin sind derweil revolutionäre Gruppen darum bemüht, sektiererisch oder in einem breiten Bündnis linker Kräfte das Erbe würdevoll anzutreten. Natascha Romanoff, Mitglied der radikalen linken berlin (rlb), verweist im Gespräch mit Peter Schaber auf die Vereinnahmung des Tages durch die herrschende Klasse. Dennoch schürt sie Hoffnung, denn obgleich die „Demonstrationskultur ... zerstört“ wurde, war die Transformation in ein austauschbares Familienfest alles andere als erfolgreich. Während der 1. Mai Anfang des 20. Jahrhunderts ein Kampftag des Proletariats war, ist er heute selbst zu einem Schauplatz und Instrument geworden, den Charakter als Kampftag einer Klasse wieder aufzubauen.

Dieser Kampf herrscht seit hundert Jahren und ist unmittelbar verzahnt mit dem Klassenkampf als solchem. Die Sozialdemokrat*innen, Nationalist*innen und Liberalen der Weimarer Republik hatten keinerlei Interesse daran, mit Hinblick auf die Bolschewiki in Russland den 1. Mai als proletarischen Tag zu verstehen. Die Annahme als einmaliger Feiertag 1919 stand hernach unter der Prämisse, ihn vollends zu zerschlagen, da er nicht im Interesse zur „Einigkeit unseres Volkes“ sei, wie der Zentrumspolitiker Franz Ehrhardt kundtat. Der SPD-der vermeintlichen Partei der Arbeiter*innen-war er ebenso ein Dorn im Auge, wovon sich die Führung wohl bis heute nicht lossagen kann. Das Bewusstsein der Arbeiter*innen wurde nichtsdestoweniger kaum eingeschränkt, denn als der 1. Mai 1919 tatsächlich stattfand, überwogen „rote Fahnen und revolutionäre Reden“. Durch die Systemkonfrontation, die nach dem Zweiten Weltkrieg radikalisiert wurde, war es unvermeidlich, den heutigen Tag bis zur Unkenntlichkeit zu zerschlagen. Gemäß der Leugnung des Klassenkampfes beziehungsweise deren vermeintlichen Versöhnung erfolgte darauf ein „überparteiliches Volksfest“, das bis heute, obgleich es mehrheitlich von gewerkschaftlichen Kräften getragen wird, anhält. Er ist zu einem Feiertag verkommen, in dem der Arbeiter*innenklasse zwar noch ein Podium gewährt wird, dieses jedoch für lose Phrasen genutzt wird, um im Rahmen des herrschenden Wirtschaftssystems Besserungen zu versprechen, die ohne eine direkte Konfrontation jedoch nichts als leere Versprechen bleiben werden.

Dennoch ist es unabdingbar, auf die Straße zu gehen. SPD, reformistische Linkspartei-Mitglieder und die großen Gewerkschaften mögen eine gefühlte Deutungshoheit über den Tag haben, doch er ist ihnen nicht geschenkt. Um den ursprünglichen Charakter wiederzubeleben, ist eine direkte Konfrontation mit dem historischen Erbe an erwähnte Größen unausweichlich. Revolutionäre und autonome Gruppen fungieren als Scharnier, einen Brückenkopf zwischen Theorie und Aktivismus herzustellen, die jedoch Gefahr laufen, aus Sicht einer desorientierten Arbeiter*innenklasse distanziert zu wirken. Damit sich die Lohnabhängigen, Arbeitslosen und Unterdrückten ihren historisch rechtmäßigen Tag wieder holen, muss sich ein Bewusstsein bilden, derer es sie ermächtigt, sich als unterdrückte Klasse wahrzunehmen. Anstatt obligatorische Reden über „faire Löhne“, „gute Arbeit“ und „Arbeitszeitverkürzung“ zu halten-welche ohne die Gesellschaft an sich zu hinterfragen nur Reden bleiben -, gilt es die direkten Kämpfe der Arbeiter*innen tagtäglich zu unterstützen, das heißt die Theorie in die Massen der Klasse zu bringen. Denn erst wenn das Bewusstsein vorhanden ist, die der Klassenfrage unabdingbar ist, kann der Internationale Kampftag der Arbeiter*innenklasse auch das wieder werden, was er heute nur vorgibt, zu sein. Es geht hier nicht um Familienfeste oder zu applaudierende Reden, sondern um das grundsätzliche: der Kampf für eine bessere Welt. Dieser kann erst gewonnen werden, wenn die Klasse der Arbeiter*innen nicht von außen auf die Demonstrationen blicken, sondern selbst Teil davon sind-sie anführen. Der Sozialdemokratie und den großen Gewerkschaften bleibt der historische Verdienst, im Namen der Arbeiter*innen ihre eigene (vermeintliche) Klasse der Lächerlichkeit preiszugeben.

00:13 01.05.2019
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Geschrieben von

Elisa Nowak

Ich halte es mit Rosa Luxemburg, die 1906 erinnerte:"Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das laut zu sagen, was ist."
Elisa Nowak

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