Normalisierung der Pandemie?

Pandemie Die Coronapandemie ist noch nicht überwunden, doch besonders in den Industriestaaten wähnt man sich in einer gefährlichen Sicherheit. Gewonnen ist jedoch noch gar nichts.
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Der Inzidenzwert steigt in der BRD wieder leicht an. Während er bei 5,2 steht, steigt allerdings auch der sogenannte R-Wert auf 1,09. Der sogenannte Reproduktionswert sagt aus, wie viele Personen von einer infizierten Person ebenfalls infiziert werden. Liegt er unter 1, sinken die Infektionszahlen. Ist er jedoch bei 1 oder über 1, bleiben die Neuinfektion konstant beziehungsweise steigen an. Der Blick auf den R-Wert wurde in den vergangenen Wochen von der Gesellschaft, der Politik und den Medien vernachlässigt, derweil ein fast schon fetischisierter Blick auf den Inzidenzwert gelegt wurde: Daran wurden und werden Lockerungsmaßnahmen oder Einschränkungen bemessen. Dass die Coronapandemie trotz fortschreitender Impfungen noch lange nicht vorbei ist, liegt an mehreren Faktoren, die weit über die Symptombekämpfung hinausgehen und letztlich die zentrale Frage aufwirft, was man aus der Pandemie lernen soll. Der Lerneffekt indes konzentriert sich nur auf die oberflächliche Bekämpfung und ignoriert vollends den tiefergehenden Charakter der Entstehung von Pandemien. Die Mutationen des Coronavirus, zuletzt die Delta-Mutation und ihrer eigenen Mutation - Delta-Plus - weisen auf ein Verständnis der Herrschenden hin, die nicht willens sind, entsprechende Maßnahmen und notwendige Schritte zu unternehmen, um die Pandemie im Keim zu ersticken. Es droht vielmehr das, was seit Ausbruch im März 2020 vonstattengeht: abwarten und viel zu spät reagieren.

Die Delta-Mutation, die zuerst in Indien aufgetaucht ist, ist mittlerweile das dominierende Virus in Europa und der BRD. In der Bundesrepublik stellt sie mittlerweile fast 60 % der (Neu-)Infektionen dar. Dass sich Viren mutieren ist freilich keine wissenschaftliche Neuigkeit; das Coronavirus stellt jedoch weiterhin eine ernstzunehmen Gefahr dar, die auch nach einigen Studien das einzige Instrument, die Impfung, latent infrage stellt. Zwar ist eine Impfung weiterhin besser als keine Impfung; jedoch zeigen sich sowohl bei Vektoren- als auch der mRNA-Impfungen erste Einschränkungen, die ihre Wirkung betrifft. Der Schutz vor einem schweren Verlauf bleibt nach derzeitigem Stand weiter bestehen, jedoch ist beispielsweise der grundsätzliche Schutz von BionTech/Pfizer nach ersten Studien aus Israel auf 64 % gesunken; ähnlich schaut es bei den Vektorimpfungen von AstraZeneca aus, die sich in den fünfstelligen Neuinfektionen auf der britischen Insel verdeutlichen. Studien aus England und Schottland deuten weiterhin darauf hin, dass auch Vollgefimpfte hospitalisiert werden oder sterben können. Auch das ist wissenschaftlich keine Überraschung, setzt jedoch den Kontrast ins Licht, wie mit der eigentlichen Gefahr umgegangen wird respektive welche Priorisierung festgelegt wird.

Dass eine Herdenimmunität bei der Coronapandemie wohl nicht funktioniert, darauf verwies bereits im Juni 2021 der Virologe Christian Drosten hin. Es ist daher mehr als simpel: Wer sich nicht gegen das Virus impft, wird früher oder später infiziert werden. Das liegt unter anderem daran, dass die Möglichkeit nicht ausgeschlossen wird, dass Vollgeimpfte den Erreger weitertragen können. Dass die Delta-Mutation nicht das letzte Glied der Kette ist, wird weiterhin nicht geleugnet; es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Virus weiter mutiert und unter Umständen weiter Lücken der Impfung aufreißt. Diese jungen Erkenntnisse veranlassen Teile der herrschenden Klasse immerhin, die Maskenpflicht selbst für Vollgeimpfte aufrechtzuerhalten, was zur Konklusion führt, dass die Mittel völlig ausgeschöpft sind, wie mit der Pandemie umzugehen ist. Um die Symptombekämpfung jedoch nicht zu zentralisieren, sondern eine radikale Bekämpfung zu etablieren, kommt man schlechterdings nicht umhin, ökonomische und politische Zusammenhänge zu analysieren, die erst zum Ausbruch und weiteren Ausbrüchen von Pandemien führen müssen.

Die Aneignung und Ausbeutung der Natur durch den Menschen führt zwingend zu immer bestimmteren Kontakten zu Tier und Umwelt, die damit unweigerlich zusammenhängen. Selbst die Reaktionen darauf führen zu einem faktisch kolonialistischem Phänomen, in dem die sogenannten Industriestaaten eine hohe Impfquote aufweisen und derweil bereits Folgedosen für sich sichern, derweil beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent eine neue Welle wütet, die auf die Delta-Mutation zurückzuführen ist. Die kapitalistische Aneignung ist hiernach Ausdruck eines Machtverhältnisses, deren katastrophale Folgen dort am schlimmsten wüten, die ohnehin unter dieser kannibalistischen Wirtschaftsordnung leiden. Dass selbst in Industriestaaten wie Italien im März und April 2020 verheerende Bilder um die Welt gingen, deutet weiterhin auf das kapitalistische Missmanagement hin, die weder Interesse noch Möglichkeiten haben, den Kern der Problematik anzugehen. Die Coronapandemie muss daher als neue Stufe der Endphase des Kapitalismus betrachtet werden, deren Selbstregulation daran scheitert, den Widerspruch auflösen zu können. Will heißen: Das herrschende System erkrankt zirkulär und permanent an sich selbst, deren Verfall es nicht aufhalten kann.

Eine Bekämpfung der Coronapandemie schließt daher die Kapitalismuskritik unweigerlich ein, will man es nicht bei der Symptombekämpfung belassen. Denn neue Gefahren schlummern bereits in verschiedenen Teilen der Welt. Dass es Sars-Cov-3 geben wird, ist dabei nur noch eine Frage der Zeit, die eng damit verbunden ist, ob die (Selbst-)Ausbeutung des Menschen und der Natur weiter vorangetrieben wird, oder ein grundsätzlicher Systemwandel eintrifft, der nicht nur die Menschheit von sich selbst befreit, sondern auch Gefahren im Keim erstickt, die das Menschheitsgeschlecht betrifft. Pandemien und Seuchen gab und gibt es schon immer. Wie damit jedoch umgegangen wird ist die zentrale Frage: lässt man Menschen sterben, um die Kapitalakkumulation aufrechtzuerhalten? Oder ist man gewillt genug, die Verwalterin dieser Eigenschaft, die kapitalistische Produktionsweise, zu überwinden, um eine Gesellschaft zu etablieren, die frei von Elend und Kapital ist? Das 21. Jahrhundert ist geprägt von der Klimakatastrophe, Pandemien und weiteren Elenden, die mittlerweile nahezu täglich in den Medien rezipiert werden. Die Gefahr ist, dass es zur Normalität wird und der Eindruck erwächst, dass es so halt nun mal bleiben muss. Doch diese Entscheidung ist die sichere Barbarei des Menschheitsgeschlechts, deren Point of No Return schon längst überschritten ist.

Der Kapitalismus ist hauptverantwortlich für die Barbarisierung der Menschheit und die Produktion von Elend. Das beweisen die Epizentren des internationalen Kapitals ununterbrochen, die einen faktischen Impfnationalismus propagieren und keine Schlüsse aus der Katastrophe ziehen wollen und können. Die Wissenschaft warnte bereits früh davor, dass die Pandemie alles andere als beendet ist. Um darauf folgerichtig zu antworten, ist es unausweichlich, das zu benennen, was es zu benennen gilt: Die Überwindung des Kapitalismus. Das bürgerliche Management hat nur oberflächliche Instrumente zur Verfügung, die sie selbst in dieser brenzligen Situation nicht anzuwenden weiß: Lockdowns, verschärfte Hygienemaßnahmen oder die Offenlegung der Impfpatente. Stattdessen herrscht ein widersprüchlicher Duktus in der herrschenden Klasse, die einerseits vor etwas warnt, was bereits eingetroffen ist; oder sie planen offen damit, die steigende Infektionszahlen und mitunter unausweichlichen Tode miteinzubeziehen. Es zeigt sich hiernach eindrucksvoll folgendes: Die Pandemie mit ihren Mutationen wird eine Begleiterin bleiben, wenn an der Oberfläche nur gekratzt wird. Ähnlich wie bei der Klimakatastrophe gilt: Die Zeit ist bereits zu spät.

20:43 09.07.2021
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Geschrieben von

Elisa Nowak

Freie Journalistin und Studentin der Philosophie.
Elisa Nowak

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