Bis auf Weiteres keine Utopien mehr

Utopien für das Jahr 2048 Die Visionen für eine Welt von morgen als Ermutigung für die Alltagskämpfe heute sind mir ausgegangen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Bisher erschienen:

Teil 1: Wie wollen wir* wirtschaften?

Teil 2: Wie wollen wir* arbeiten?

Teil 3: Wie fing das damals an?

Teil 4: Die Rückkehr des Virus

Teil 5: Nur nicht aufgeben

Teil 6: Der Wind der Veränderung

Teil 7: Der große Mietstreik

Teil 8: Eine vorrevolutionäre Situation

Teil 9: Das Alte verabschiedet sich langsam

Teil 10: Die großen Versammlungen

Teil 11: Eine Doppelstrategie: Bewegung und Parlament

Teil 12: Der revolutionäre Herbst 2023

Vorerst geht es nicht mehr weiter

Seit dem 8. Januar 2021 habe ich hier jeden Freitag ein bisschen weiter an einer Utopie für das Jahr 2048 gesponnen, angeregt durch meine Mitwirkung an einer Gruppe von Attac und den Audioutopistas – woraus ein Podcast entstand – und am Kongress Zukunft für Alle im August 2020 in Leipzig – worüber ich im Rabe Ralf (Februar/März 2021) berichtet habe.

Einige Texte, die ich dazu bereits verfasst hatte, liegen noch hier. Jede Woche habe ich mir Neues hinzu erdacht. Doch angesichts der Welt, wie ich sie im Moment erlebe, ist meine Motivation und meine kreative Energie erlahmt. Es fällt mir schwer, mir trotz allem eine andere, bessere Welt vorzustellen. Und ich möchte angesichts all dessen, was gerade geschieht, auch nicht weiterhin den Eindruck erwecken, es sei schon irgendwie okay, wie es ist, möchte nicht einfach weitermachen und Teil einer trügerischen Normalität bleiben.

Darum sage ich an dieser Stelle Stopp

Während die einen Profite scheffeln und sich an der Pandemie bereichern, wird anderen die Existenz zerstört, wird auf absurde Weise das Privatleben eingeschränkt, während viele gezwungen sind, unter immer härteren Bedingungen zu arbeiten. Der öffentliche Raum ist unsicher und unfreundlich geworden, vor allem für Schwächere und Ältere. Kaum noch Sitzgelegenheiten und Toiletten, und immer wieder die Aufforderung, zuhause zu bleiben – jetzt, wo endlich der Frühling kommt.

Am 30. März stand in der FAZ: „Vermutlich wird uns Covid-19 noch ein Jahrzehnt lang begleiten“. Hier der sprechende Link dazu: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/biontech-strebt-10-milliarden-euro-umsatz-durch-corona-impfstoff-an-17270972.html. Es käme mir vor wie ein Hohn, jetzt ermutigende Utopien zu spinnen.

Die Corona-Maßnahmen treffen nicht alle gleich. Glaubt wirklich irgendwer, es ginge um den Schutz der Bevölkerung? Wenn es wirklich um das Leben von Menschen ginge, dann doch wohl um das Leben von allen. Umgekehrt: Wer nicht alle schützt, dem glaube ich nicht, dass er mich schützen will – und schon gar nicht glaube ich einem Innenministerium, das schon vor einem Jahr ernsthaft in Erwägung zog, mit einer Schockstrategie der Bevölkerung Angst vor qualvollem Ersticken durch Corona zu machen, was in einem Strategiepapier (zuerst veröffentlicht bei „Frag den Staat“) nachgelesen werden kann. Einem Papier, das von Staatssekretär Markus Kerber gezielt in Auftrag gegeben wurde, um „ein Modell zu erarbeiten, auf dessen Basis ‚Maßnahmen präventiver und repressiver Natur‘ geplant werden könnten“ (die WELT berichtete am 07.02.2021, mehr dazu bei Frag den Staat). In Auftrag gegeben von einem Ministerium, dessen Minister sich freute, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Menschen abgeschoben wurden. „Eine menschenverachtende Entgleisung, für die andere bezahlen“ schrieb Vanessa Vu damals, am 11. Juli 2018, in der Wochenzeitung ZEIT.

Abschiebung ist Mord

Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg berichtete am 12. März 2021: „In der Nacht vom 11. auf den 12. März ist Sali Krasniqi gestorben. Er war am 12. Oktober aus dem Kreis Biberach, gemeinsam mit seiner Frau Mire G. in den Kosovo abgeschoben worden. Zuvor hatte das Paar fast 29 Jahre in Deutschland gelebt. Die gesamte Familie lebt in Deutschland: Sechs Kinder, 17 Enkel, ein Urenkel und die Mutter von Mire G. Sali Krasniqi wurde 62 Jahre alt. Er war drei mal am Herz operiert worden und war auf regelmäßige medizinische Betreuung angewiesen. Den Behörden, der Ausländerbehörde Biberach, den Regierungspräsidien Tübingen und Karlsruhe, war der Gesundheitszustand bekannt.“ Die Wochenzeitung Kontext hatte am 25. November 2020 unter dem Titel „Abgeschoben in den Corona-Hotspot“ über den Fall berichtet.

Wie entsetzlich und menschenverachtend! Was ist das für ein Land, in dem ich lebe (dank unverdientem deutschen Pass sicher und privilegiert), wo Menschen, manche Menschen, schon wieder, oder immer noch, behandelt werden, als seien sie – ja was? Wie werden sie heute genannt, faktisch behandelt wie "Untermenschen", in vermeintlich sauberem, doch eiskalt tödlichen Behördensprech? "Ausreisepflichtige" klingt harmlos, und kann doch den Tod bedeuten. Nichts gelernt aus der Geschichte?

Nur Berlin schiebt in der Pandemie so viel ab wie bisher

Was passiert im Denken und Fühlen von Menschen, denen solches angetan wird? Welche Qual für die Angehörigen, die trotzdem weiter funktionieren sollen, einen Alltag leben, der kaum noch zu ertragen ist? Und was schleift sich ein bei denen, die (so wie ich) davon wissen? Keine*r kann sagen "ich habe von nichts gewusst", es geschieht vor unser aller Augen! Wird es zur Gewohnheit? Was bedeutet es, angesichts solcher Taten selbst sogleich wieder zur Tagesordnung überzugehen?

Diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind mit deutschen Gesetzen offensichtlich vereinbar und juristisch korrekt – was ist das nur für ein Land, in dem ich lebe!

Auch im rot-rot-grün regierten Berlin werden Schutzsuchende behandelt, als seien sie keine vollwertigen, schützenswerten Menschen. Vor allem Roma wurden sogar im Winter abgeschoben nach Moldawien, in den Westbalkan und nach Afghanistan, auch Alte und Kranke (Flüchtlingsrat 21.12.2020). Selbst vor Polizeieinsätzen in Jugendhilfeeinrichtungen schrecken sie nicht zurück (Flüchtlingsrat 05.02.2021). Der 27-jährige Alpha Oumar Bah aus Guinea nahm sich in Berlin das Leben aus Angst, nachdem am 16. März eine bundesweite Abschiebung nach Guinea stattgefunden hatte. Erschütternd, dass ausgerechnet Berlin bei Abschiebungen selbst in der Pandemie keine Gnade kennt: „In 2020 haben sich bundesweit die Abschiebezahlen infolge der Corona-Pandemie mehr als halbiert. Berlin ist als einziges Bundesland auf dem Niveau des Vorjahrs geblieben und hat 2020 fast 10% der Abschiebungen bundesweit zu verantworten“ (Flüchtlingsrat 22.03.2021).

Exklusiver Schutz – nein danke!

Das Gefühl, dass es bei dem vermeintlichen Schutz durch die Corona-Maßnahmen um mich ginge, aber um andere nicht, das gebe ich ungebraucht zurück. Solche elitäre Aufwertung will ich nicht. Gemeint sind alle oder keine*r, im Guten wie im Schlechten – dieses Verständnis von Solidarität gebe ich nicht auf.

Darum fühle ich mich gerade nicht utopisch, denn auch das gute Leben gibt es nur für alle überall, oder es ist nicht gut.

Eine Fortsetzung der Utopien folgt, vielleicht, wenn es irgendwann mal bessere, hoffnungsvollere Zeiten geben sollte ....

Eine Einführung in die Wünsche, Träume und Visionen habe ich am 1. Januar 2021 veröffentlicht.

00:49 03.04.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

elisvoss

Freiberufliche Autorin, Journalistin, Vortragende und Beraterin zu Solidarischem Wirtschaften und Selbstorganisation in Wirtschaft und Gesellschaft.
elisvoss

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