Der Wind der Veränderung

Utopien für das Jahr 2048 Visionen für eine Welt von morgen als Ermutigung für die Alltagskämpfe heute (Teil 6).
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Bisher erschienen:

Teil 1: Wie wollen wir* wirtschaften?

Teil 2: Wie wollen wir* arbeiten?

Teil 3: Wie fing das damals an?

Teil 4: Die Rückkehr des Virus

Teil 5: Nur nicht aufgeben

Hier geht es weiter:

Gesellschaftliche Spaltung

In Berlin beflügelte die Hymne „Sich fügen heißt lügen!“ die solidarischen Nachbarschaften, und im östlichen (vermeintlichen) Niemandsland wurde der Aufbau einer neuen Fabrik vorbereitet. An anderen Orten geschah Ähnliches, überall auf der Welt war mit den immer breiter werdenden Rissen im herrschenden System die Notwendigkeit entstanden, sich zusammen zu tun und in Selbsthilfe für das Lebensnotwendige zu sorgen.

Für viele Menschen in den Regionen, die vom Weltmarkt abgekoppelt waren, war das nichts Neues. Sie lebten schon immer mit ihrer Peoples Economy. Viele von ihnen waren jedoch im Zuge des zunehmenden Raubbaus an Mensch und Natur vertrieben worden und fristeten in den Slums der großen Städte ein ärmliches Dasein. Die meisten Menschen an den Rändern des kapitalistischen Wohlstands wussten sich immerhin zu helfen und hatten Überlebensstrategien entwickelt. Viel zu viele blieben trotzdem auf der Strecke, starben im Krieg, am Hunger und an Krankheiten, für deren Behandlung sie kein Geld hatten.

In den Metropolen waren die Gesellschaften extrem gespalten. Nicht Wenige hatten ein auskömmliches, oft geradezu luxuriöses Leben und kamen gut durch die Krise. Aber die Vielen, die schon vorher von der Hand in den Mund gelebt hatten und nur mühsam über die Runden kamen, fielen nun ins Elend. Die Corona-Schutzmaßnahmen, die ja vermeintlich der Gesunderhaltung dienen sollten, hatten die ärmeren Bevölkerungsschichten, deren Lebenserwartung ohnehin schon um bis zu 10 Jahre geringer war als die der Wohlhabenderen, erst richtig krank gemacht. Wie immer in Krisenzeiten vertiefte sich die gesellschaftliche Spaltung zunehmend.

Als Corona noch gefährlich war, hatten viele sich ins scheinbar Unvermeidliche gefügt. Aber nun, wo täglich deutlicher wurde, dass die Ansteckungsgefahr vor allem beschworen wurde, um die Bevölkerung klein zu halten und den Repressionsapparat auszubauen, verstanden immer mehr Leute, dass diese Regierung nicht für sie da war. Als Lebensmittel knapp und immer teurer wurden, und das mit dem Zusammenbruch der Lieferketten begründet wurde, wurde plötzlich bekannt, dass das nicht der einzige Grund war, sondern dass aus spekulativen Gründen große Mengen haltbarer Lebensmittel in Großhandelslagern gehortet wurden, statt den Einzelhandel zu beliefern.

Solidarische Grundversorgung

In Windeseile verbreitete sich nicht nur diese Nachricht, sondern es sickerten auch erste Informationen durch, wo die Lebensmittellager zu finden waren. Weder Polizisten noch Bundeswehrsoldaten konnten ihre Augen überall haben, und auch nicht die wenigen Polizist*innen und Soldat*innen. Und so kam es zu Plünderungen, die meist unbemerkt blieben. Wenn sie entdeckt wurden, war es zu spät, die Aktivist*innen waren längst über alle Berge und hatten die Lebensmittel in ihre solidarischen Verteilstrukturen eingespeist. Dass manche dabei mehr für sich privat beiseite schafften, wurde großzügig übersehen, denn auch sie gehörten ja zu den Vielen, die es mit ihrem Einsatz überhaupt erst möglich machten, dass in großem Stil wieder Nudeln, Tomatensauce und Öl, Mehl, Haferflocken und verschiedenste Konserven sowie Kekse und Trockenfrüchte verteilt werden konnten.

Die gemeinsamen Aktionen trugen viel zu einer insgesamt gelasseneren und freundlicheren Stimmung bei. Der Hunger fragte nicht nach politischer Gesinnung, und die gegenseitige Unterstützung war weder an ideologische Bekenntnisse geknüpft, noch gab es die Erwartung, dass alle sich gleichermaßen einbringen. Konflikte entstanden, wenn jemensch das Gefühl hatte, persönlich ausgenutzt oder übervorteilt zu werden, aber auch dabei überwog Großzügigkeit, und nur wenige bezogen das Verhalten anderer negativ auf sich persönlich. Meist gelang es recht schnell, solche Reibereien wieder auszubügeln. Wer Hunger hatte, bekam selbstverständlich zu Essen, wer Schmerzen litt fand solidarische Ärzt*innen, ganz unabhängig vom Krankenschein, und wer im Freien fror bekam ein Bett angeboten.

Und immer wieder die Geschlechterfrage

An den solidarischen Versorgungsbrigaden beteiligten sich deutlich mehr Migrant*innen, Frauen und Transpersonen, als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entsprach. Viele Männer verbrachten ihre Zeit am Schreibtisch und versuchten sich gegenseitig zu überbieten mit ihren theoretischen Analysen dieser vorrevolutionären Situation. Damit für die Nachwelt kein falscher Eindruck entsteht, sei angemerkt, dass dies nur eine Tendenz beschreibt. Selbstverständlich gab es auch viele biodeutsche Männer in den Solibrigaden und umgekehrt Menschen jeder Art, die sich in diesen aufregenden Zeiten vor allem an ihren Schreibtisch klammerten. Aber überwiegend waren es eben Männer, die noch Halbsätze von anderen akribisch auseinandernahmen und an alten Meistern der Theorie abglichen, immer auf der Suche nach dem Haar in der Suppe, wo sie ihnen Fehler oder schlimmer noch, ideologische Abweichung von dem von ihnen selbst als richtig Erachteten nachweisen konnten. Es gab aber immer weniger Leute, die das lesen wollten.

Wenn diese Superschlauen jedoch abends am familiären oder WG-Tisch von den Erlebnissen der anderen hörten, wie sie mit strahlenden Augen berichteten, wo sie wieder Lebensmittel abgeholt oder ausgeliefert hatten, welchen Polizeikontrollen sie entwischt waren und bei welchen Hinterhof-Zusammenkünften sie mit anderen gegessen und gefeiert hatten, dann kam ihnen ihr einsames Dasein am Schreibtisch manchmal ein bisschen traurig vor. So mancher fragte dann, ob er nicht vielleicht auch mal mitgehen könnte, pries gar seine früheren Straßenkampferfahrungen an, aber das wäre gar nicht nötig gewesen, denn jede helfende Hand war willkommen. Und wenn dann mitunter diese so Belesenen auf den Hinterhöfen zum Besten gaben, was Marx, Adorno, Foucault oder wer auch immer zu einer aktuell diskutierten Frage gesagt hatte, dann freuten sich alle, dass sie an dem Wissen teilhaben konnten.

Die Macht hat Namen und Gesichter

Die gegenseitigen Beschuldigungen oder gar Denunziationen, die zu den gefährlicheren Corona-Zeiten so um sich gegriffen hatten, waren vollkommen verschwunden. So langsam hatten es auch die Letzten verstanden, dass bei dem Teile-und Herrsche, das immer offensichtlicher geworden war, alle verlieren – außer den Machthabenden. Auch die vereinfachenden Ideen und Weltbilder von einem geheimen Machtzentrum, von dem aus alle Fäden der Weltgeschichte gezogen würden, waren nur noch selten zu hören und wurden meist mit mildem Lächeln quittiert. Das war es nicht wert, sich darum zu streiten, denn es war so offensichtlich, dass viele verschiedene Fraktionen von Mächtigen in Politik und Wirtschaft ihre je unterschiedlichen Süppchen auf der Krise kochten, dass der Glaube an eine Weltverschwörung reichlich absurd wirkte.

Die zunehmende Machtkonzentration in den Händen einflussreicher Finanzmarktakteure und politischer Lobbyisten wurde allerdings zunehmend kritisch öffentlich diskutiert. Dazu hatte sicher beigetragen, dass die Online-Dokumentation Lobbypedia von Aktivist*innen übernommen worden war, die sie mit breiter Beteiligung mit neuem Leben füllten – im wahrsten Sinne des Wortes. Noch nie waren in so kurzer Zeit so viele Namen und Biografien von Personen zusammengetragen worden, die sich geschickt zwischen Politik und Wirtschaft bewegten und deren einziges Ziel es war, sich persönlich zu bereichern. Dabei wurden Strukturen und Verflechtungen deutlich, und das allgemeine Unwohlsein und das oft nur diffuse Gefühl, dass „die da oben“ sowieso machen was sie wollen, bekam Namen, Gesichter und nachweisbare Geschichten.

Schon die willkürliche Durchsetzung von Maßnahmen und die Repression gegen Demonstrierende hatten die Beliebtheitswerte der Berliner Landesregierung in den Keller sinken lassen. Die war zwar noch nicht lange im Amt, aber sie schien nicht mehr besonders fest im Sattel zu sitzen. Als jetzt immer mehr Selbstbereicherungen bekannt wurden, auch von Politiker*innen, von denen viele das nicht geglaubt hätten, weil sie so seriös oder sozial engagiert aufgetreten waren, sank deren Akzeptanz in den Keller.

Sterben im Pflegeheim

An Corona war keine*r mehr gestorben, aber die öffentliche Aufmerksamkeit hatte sich seit der Pandemie auf die Zustände in den Pflegeheimen gerichtet. Von dort sickerten nun immer mehr Berichte in die Öffentlichkeit, über Menschen, die an vermeidbaren Krankheiten und Infektionen gestorben waren, weil sich keiner um sie kümmerte. Auch immer mehr Fälle von alten Leuten, die im Heim verdurstet oder sogar verhungert waren, wurden bekannt. Eine Initiative von anonymen, aber gut organisierten Pflegekräften informierte die Öffentlichkeit darüber, dass dies nichts Neues sei. Das hätte es bereits vor und auch während Corona gegeben, es hätte sich nur bislang keine*r dafür interessiert.

Zu den vielen vorzeitigen Todesfälle sei es keinesfalls durch Schlamperei und Lieblosigkeit der Pfleger*innen gekommen, im Gegenteil rieben sie sich auf und waren verzweifelt, aber sie waren einfach zu wenige. Und manchmal mussten sie auch etwas essen, zur Toilette gehen oder nach Hause fahren und schlafen. Die Arbeit war nicht zu schaffen. Dabei waren die meist privaten Heime eine Goldgrube für die Betreiber. Für deren Profite bezahlten die Gepflegten und die Pflegekräfte mit ihrer Gesundheit und viel zu oft mit ihrem Leben.

Zeit des Umbruchs

Vereinzelte Überlegungen, die Schuldigen für diese Misere und all diejenigen, die sich schamlos selbst bereicherten direkt anzugreifen, wurden schnell wieder beiseite gelegt, je deutlicher der Filz und die vielen Drehtüren der Macht sichtbar wurden. Es wäre vollkommen aussichtslos gewesen, einzelne Personen auszuschalten, denn es war ein solches Machtkartell, dass sofort die nächsten nachgerückt wären.

Jedoch war klar, dass irgendetwas passieren musste, der Wind der Veränderung wehte nicht nur durch Berlin. Immer wieder tauchte an vielen Stellen in der Stadt diese geheimnisvolle Bürgermeisterin auf mit ihrer Botschaft: „Könnt ihr das hören? Es ist der Klang ihrer Welt, die zusammenbricht. Es ist die unsere, die wiederkehrt. ¡Venceremos!"

Und dann kam der Mietstreik.

Fortsetzung folgt.

Eine Einführung in die Wünsche, Träume und Visionen habe ich am 1. Januar 2021 veröffentlicht.

23:19 12.02.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

elisvoss

Freiberufliche Autorin, Journalistin, Vortragende und Beraterin zu Solidarischem Wirtschaften und Selbstorganisation in Wirtschaft und Gesellschaft.
elisvoss

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