Die Rückkehr des Virus

Utopien für das Jahr 2048 Visionen für eine Welt von morgen als Ermutigung für die Alltagskämpfe heute (Teil 4).
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Bisher erschienen:

Teil 1: Wie wollen wir* wirtschaften?

Teil 2: Wie wollen wir* arbeiten?

Teil 3: Wie fing das damals an?

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Alltagssolidarität

Wenn sich nicht so viele organisiert hätten, wäre die Not in Berlin sicher sehr viel größer gewesen als in diesem ersten Jahr nach dem Ende der Pandemie. Es war vor allem der Hunger, der die Leute quälte. Gegen die Kälte in ungeheizten Wohnungen halfen warme Kleidung und Decken, aber die schmerzhafte Leere im Magen ließ sich damit nicht vergessen.

Manche Nachbarschaften hatten schon im Herbst des Vorjahres begonnen, Grünflächen als Gärten zu nutzen, gleich nachdem die neu gewählte Landesregierung die Finanzierung und die Pflege öffentlicher Anlagen eingestellt hatte. Sie schien sich nur noch um Einsparungsmöglichkeiten zu kümmern. Selbsthilfe und Selbstversorgung nahmen ebenso zu wie lautstarke Proteste gegen die Sparprogramme und ihre Folgen.

Corona ist wieder da

Und dann kam das Virus zurück. Erst waren es einzelne Fälle, manche Virologen machten schon bedenkliche Gesichter, während die meisten Politiker*innen versuchten, das herunterzuspielen. Diese Einzelfälle müssten doch schnell in den Griff zu bekommen seien. Doch dann ging es ganz schnell. Innerhalb weniger Tage erkrankten zwar nur wenige ältere Menschen, vor allem in Pflegeeinrichtungen, aber die nach wie vor umstrittenen PCR-Tests ergaben horrende Zahlen.

Diese Corona-Mutation schien sich rasend schnell zu verbreiten. Es gab jedoch kaum schwere Krankheitsverläufe und gestorben war daran bisher niemand. Darin unterschied sich dieser erneute Ausbruch grundlegend von den vorhergehenden, denen viel zu viele Menschen zum Opfer gefallen waren, mit oder an Corona verstorben. Viele dieser Toten gingen jedoch vor allem auf das Konto des auf Profit getrimmten Gesundheits- und Pflegesystems. In diesem gab es weder gesunde Ernährung und Lebensführung, noch ausreichende Bewegung, die zwischenmenschliche Zuwendung konnte mitunter nur noch im Sekundentakt gegeben werden. Eine angemessene Behandlung oder ausreichende Hygienemaßnahmen waren viel zu oft nicht möglich, da hatte Corona ein leichtes Spiel gehabt.

Aber jetzt schien das Virus gezähmt. Immer mehr Mediziner*innen erklärten das mit der Überlebens- und Fortpflanzungslogik des Virus, das kein Interesse daran hätte, seinen Wirt umzubringen. Viren wollen leben und sich vermehren, und dafür brauchen sie die Symbiose mit einem anderen Lebewesen. Jede Mutation sei eine Weiterentwicklung, die nur diesem Ziel diene – zum Glück für die Menschen. Jeder Mensch trage unzählige Kleinstlebewesen an sich und in sich. Dieser Bewuchs aus Bakterien, Viren und anderen Mikroben sei ein lebensnotwendiger Schutz, und dazu gehöre nun eben auch das Corona-Virus.

Lockdown und Repression

Doch dann kippte die Stimmung. Es waren nur noch einzelne Fachleute, die vor dem Virus warnten. Aber plötzlich hörte die Politik auf sie. Ausgerechnet in dem Moment, als die Hungeraufstände einen Höhepunkt erreicht hatten, und die Beschäftigten in den noch bestehenden Betrieben über einen Generalstreik diskutierten, wurde von einem Tag auf den anderen ein harter Lockdown verhängt. Bis auf wenige Ausnahmen mussten alle Unternehmen ihre Produktion einstellen, nahezu alle Büros wurden geschlossen. Der Generalstreik hatte sich damit erledigt, nun mussten ohnehin alle zuhause bleiben.

Die Politik gab sich ausgesprochen sozial, sie bezog sich darauf, dass im Winter 2020/21 kritisiert worden sei, dass zu wenig durchgegriffen wurde. Das wolle sie nun besser machen und die Bedrohung durch das Virus mit rechtzeitigen drastischen Maßnahmen eindämmen. Das Ziel sei Null Infektionen, Corona solle ausgerottet werden. Unter Berufung auf die Testergebnisse wurde ein Notstand ausgerufen. Allzu vehemente Kritik an den Regierungsmaßnahmen wurde unter Strafe gestellt.

Was sich bis dahin kaum eine*r hatte vorstellen können, geschah: Publizisten und Künstlerinnen, aber auch immer mehr Wissenschaftler*innen wurden mit Strafanzeigen überzogen. Sie konnten sich juristisch dagegen wehren, das hatte aber keine aufschiebende Wirkung. Wenn sie weiterhin aufmuckten, kamen sie in Untersuchungshaft mit der Begründung, es sei Gefahr im Verzug, denn sie würden den Erfolg des Lockdown gefährden.

Die Nachbarschaftsinitiativen durften sich nicht mehr treffen, es galten harte Ausgangsbeschränkungen. Wer das Haus verlassen wollte, musste dies digital anzeigen und einen triftigen Grund nennen. Zweimal in der Woche waren Einkäufe erlaubt, wer medizinische Versorgung benötigte, musste dies nachweisen. Ein täglicher Spaziergang von einer Stunde war möglich. Wer den Spaziergang nutzen wollte, um in einem der Nachbarschaftsgärten zu arbeiten, durfte das tun, aber nur mit ausreichendem Abstand zu den Mitgärtner*innen.

Durch diese Maßnahmen war es unmöglich, sich zu treffen, gemeinsame Arbeitseinsätze oder gar politische Aktionen zu planen, oder Nachbarschaftshilfe zu leisten. Demonstrationen waren verboten mit der Begründung, es sei ja nur für kurze Zeit, bis das Virus ausgerottet sei. Die Parole „Schütze dich und deine Nächsten“ war von morgens bis abends in sämtlichen Medien zu hören und zu lesen. Websites und Videokanäle, die das Vorgehen der Regierung in Frage stellten, wurden abgeschaltet.

Fantasie und Subversion

Der öffentliche Raum wurde von der Polizei überwacht, und weil das nicht ausreichte, halfen Soldaten in Uniform aus. Die Stimmung auf den Straßen war bedrückend ruhig und angespannt. Aber die Ordnungskräfte konnten nicht sehen, was in den Häusern und auf den Hinterhöfen passierte. Durch die solidarischen Nachbarschaftsinitiativen waren die Leute zusammengerückt. In den meisten Häusern kannten sie sich, und sie fanden Wege, die verbotenen Informationen über das Virus, aber auch über subversive Aktionen innerhalb kürzester Zeit zu verbreiten. Was wie zufällige Begegnungen auf der Straße, in den Geschäften oder in den Gärten wirkte, war oft geplant und genauestens verabredet.

Es gab Infopunkte, an denen es manchmal ausreichte, sich einen kurzen Satz oder eine Uhrzeit zuzurufen, eine Geste zu machen oder sich einen Zettel zuzustecken. So manche Sätzen, die in Mails oder am Telefon ausgetauscht wurden, hatten eine ganz andere als die offensichtliche Bedeutung. Und dann tauchte sie auf: Die Bürgermeisterin.

Die Bürgermeisterin hatte keinen Namen, und sie war selbstverständlich auch nicht die Bürgermeisterin von Berlin. Die Stadt hatte einen Bürgermeister. Keine*r wusste, wer sie war, und wer es vielleicht doch wusste – irgendwer musste es doch wohl wissen, oder? – schwieg beharrlich. Keine*r kannte sie, aber sie war überall präsent: Auf Flugblättern und Aufklebern – woher kamen die, wo doch alle Druckereien geschlossen waren? – und auch an vielen digitalen Orten tauchte sie auf. Nur schriftlich, es gab keine Tonaufnahmen, Bilder sowieso nicht, nur diese Worte: "Könnt ihr das hören? Es ist der Klang ihrer Welt, die zusammenbricht. Es ist die unsere, die wiederkehrt. ¡Venceremos!"

Fortsetzung ...

Eine Einführung in die Wünsche, Träume und Visionen habe ich am 1. Januar 2021 veröffentlicht.

23:19 29.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

elisvoss

Freiberufliche Autorin, Journalistin, Vortragende und Beraterin zu Solidarischem Wirtschaften und Selbstorganisation in Wirtschaft und Gesellschaft.
elisvoss

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