Wie wollen wir* arbeiten?

Utopien für das Jahr 2048 Visionen für eine Welt von morgen als Ermutigung für die Alltagskämpfe heute (Teil 2).
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Teil 1 fragte: Wie wollen wir* wirtschaften?

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Der Bezirksrat Schöneberg tagt im Kiezbetrieb

Um 9 Uhr beginnen die Bezirksdelegierten ihre Aussprache mit einem gemeinsamen Frühstück. Der Kiezbetrieb Rote Insel hat das Buffet liebevoll hergerichtet. Während die Delegierten sich an den Tischen schon angeregt unterhalten, bereiten fünf fest Mitarbeitende und drei Schulpraktikant*innen, die heute Dienst im Stadtteilzentrum haben, Kaffee, Tee und frischen Obst-Gemüsesaft zu und legen vegane Köstlichkeiten nach, sobald die Platten geleert sind.

Die 13-jährige Laila hat heute Geburtstag, darum hätte sie zuhause bleiben dürfen. Aber sie hat sich gewünscht, auch heute mitarbeiten zu dürfen, weil sie die Atmosphäre dieser Delegiertentreffen so mag, und weil es das letzte Mal ist, dass sie dabei sein kann. Im nächsten Monat ist ihr Praxisjahr vorbei, und dann wird sie – genau anders herum als jetzt, wo sie nur einen Tag in der Woche zur Schule gegangen ist – nur einmal die Woche arbeiten, immer mittwochs. Zu diesen Montagstreffen kann sie dann nicht mehr ins Stadtteilzentrum kommen.

Kiezbetrieb Rote Insel

Alle in der Roten Insel – die Mitarbeitenden, die Schüler*innen und die mithelfenden Nachbar*innen – arbeiten rotierend in verschiedenen Arbeitsbereichen. Das ist freiwillig, und zu Beginn sind manche über Monate in ihrem Arbeitsbereich geblieben. Es hat eine Weile gedauert, bis sich nach und nach immer mehr Leute zugetraut haben, auch mal eine andere Arbeit zu machen. Am leichtesten fiel es den Jugendlichen, vielleicht weil sie sowieso überall eingearbeitet werden mussten. Manchen Erwachsenen fiel es schwer, aus ihrer gewohnten Rolle als qualifizierte Fachkraft ins Ungewisse einer neuen Tätigkeit zu wechseln, und sei es nur für ein paar Tage.

Aber dann ging es plötzlich ganz schnell, als sei eine neue Entdeckungsfreude im ganzen Betrieb ausgebrochen. Plötzlich wichen Unsicherheit oder sogar Angst der Freude daran, etwas Neues auszuprobieren. Plötzlich waren sogar die Einsätze auf der Farm begehrt, die anfangs als anstrengend galten, so dass viele keine Lust hatten, die 45 Minuten Bahnfahrt auf sich zu nehmen. Als jedoch die ersten anfingen, sich für die Fahrt zu verabreden, und als immer mehr Kolleg*innen erzählten, wie viel Freude es ihnen macht, sich draußen an der frischen Luft körperlich zu verausgaben, wurde die Arbeit auf der Farm immer beliebter.

Arbeiten auf der Farm

Manche von den Älteren erinnerten sich, dass sie früher in Fitnessstudios gegangen waren, um sich von den sitzenden Tätigkeiten zu erholen – um wie viel sinnvoller war es doch, auf dem Feld zu arbeiten oder in den Werkstätten zu helfen. Keine*r musste sich überanstrengen und alle konnten sich die Tätigkeit aussuchen, die ihnen angenehm war. Die körperlich anstrenge Arbeit war schon lange auf 4 Stunden am Tag begrenzt worden. Das war eine Empfehlung, es wurde nicht kontrolliert, weil die neue Arbeitsbehörde auf Selbstregulation setzte. Seit es keine Vorgesetzten mehr gab, konnte ja ohnehin keine*r die Arbeitenden zu irgendetwas zwingen. Manche mussten vielleicht vor sich selbst und ihrem Ehrgeiz geschützt werden, aber da achteten die Kolleg*innen meist ganz gut aufeinander und fragten freundlich nach, wenn es schien, eine*r würde sich überfordern. Das Loslassen zu üben schien manchen die schwierigste Übung zu sein.

Auf der Farm war auch die Verwaltung untergebracht. Besonders stolz waren die Kolleg*innen auf ihre Buchhaltung. Die hatten sie im Austausch mit einer befreundeten Genossenschaft in Venezuela organisiert, die sie auch zur Rotation der Tätigkeiten inspiriert hatte. Nun lernten alle voneinander und erklärten sich geduldig, was an welchem Platz zu tun war. Anfangs hatte viele eine große Scheu, ja fast Ehrfurcht vor den Zahlen und trauten sich nicht, in der Buchhaltung mitzuarbeiten. Aber bei den Jahresversammlungen wurden sie nach ihrer Meinung gefragt, konnten beispielsweise über die Gestaltung von Löhnen und die Planung der Produktlinien mitentscheiden. Da war es eigentlich schade, die betriebliche Situation nicht zu durchschauen und mangels tieferer Einblicke nur das abzunicken, was diejenigen, die mehr Ahnung hatten, vorgeschlagen hatten.

So machen sogar Finanzen Spaß

Das Eis brach in dem Jahr – ich glaube es war 2035 – als ein Arbeitskreis von Pädagog*innen und Künstler*innen den Jahresabschluss präsentierte. Plötzlich waren die Umsatzzahlen und Kosten, und die verwirrenden Summen und Salden mit Leben gefüllt. Sie wurden gemalt, gesungen, manchmal sogar getanzt. Zu manchen Zahlen gab es Feedback von Leuten aus der Nachbarschaft, meist Lob, aber mitunter auch Beschwerden. Jede*r konnte nun erkennen, was die Zahlenwerke mit den eigenen Arbeitserfahrungen und dem eigenen Alltag zu tun hatten. Wenn grundlegende finanzielle Entscheidungen getroffen werden mussten, dann wurden die Alternativen mit ihren möglichen Auswirkungen in kleinen Szenen gespielt. Alle konnten mitmachen und sich so in die möglichen Folgen ihrer Entscheidungen hineinversetzen. Daraufhin fragten einige, ob sie nicht vielleicht doch mal, zumindest versuchsweise, draußen auf der Farm in der Buchhaltungsabteilung mithelfen könnten.

Heute sind fast alle – nicht nur in der Buchhaltung, sondern auch in den anderen Arbeitsbereichen – im eigenen Betrieb ausgebildet. Dabei zeigt sich, dass die Schulausbildung so gut wie keinerlei Bedeutung dafür hat, wie gut sich wer in spezialisierte Arbeitsbereiche einarbeiten kann. Noten gab es längst nicht mehr an den Schulen, aber seit die Kinder selbst entscheiden konnten, wie lange sie zur Schule gehen, blieben zwar viele 10 oder mehr Jahre, aber andere zogen es vor, die Welt auf ihre eigene Weise zu erkunden. Eine der Buchhaltungskoordinatorinnen galt in ihrer Kindheit als nicht beschulbar und war zuerst in eine Sonderschule – die gab es damals, 2015 noch – und dann in eine sozialpädagogische Sondermaßnahme gesteckt worden. Als Erwachsene lebte sie einige Jahre auf der Straße und kam dann 2029 als eine der ersten zur Roten Insel, als die gerade neu gegründet war. Sie arbeitete in der Stadtteilküche und entdeckte dort ihre Freude an Zahlen und Kalkulationen, als sie die Mengen für Rezepte und für die Bestellungen und den Einkauf zusammenstellte. Es dauerte nicht lange, bis sie auch in die Buchhaltung kam und dort nach und nach für mehr Transparenz sorgte und viele Kolleg*innen ermutigte, sich diese Arbeit zuzutrauen. Sie hatte auch die Idee gehabt, Künstler*innen in die Präsentation des Jahresabschlusses einzubeziehen.

Fortsetzung ...

* Das undefinierte „wir“ versuche ich normalerweise zu vermeiden. In dieser utopischen Reihe mache ich eine Ausnahme, weil ich beim Schreiben versuche, mich gedanklich ins Jahr 2048 hineinzuversetzen.

Eine Einführung in die Wünsche, Träume und Visionen habe ich am 1. Januar 2021 veröffentlicht.

23:22 15.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

elisvoss

Freiberufliche Autorin, Journalistin, Vortragende und Beraterin zu Solidarischem Wirtschaften und Selbstorganisation in Wirtschaft und Gesellschaft.
elisvoss

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