Weltmeister wider willen

SPORTPLATZ Eine Goldmedaille bei einer WM zu gewinnen ist im Normalfall ganz schön anstrengend. Intensives Training und sorgfältige Vorbereitungen sind dazu ...

Eine Goldmedaille bei einer WM zu gewinnen ist im Normalfall ganz schön anstrengend. Intensives Training und sorgfältige Vorbereitungen sind dazu nötig, und dann muss man auch noch hoffen, beim Wettkampf einen guten Tag zu erwischen. Dass es ebenso anstrengend sein kann, eine Goldmedaille nicht zu bekommen, bewies in den letzten Wochen der Fall des Norwegers Frode Andresen, der bei der Biathlon-Weltmeisterschaft über 10 km Weltmeister wurde und nun versucht, die Goldmedaille wieder los zu werden.

Schon vor der WM in im Osloer Holmenkollen war der 26-jährige zu den Favoriten gerechnet worden, auch aufgrund seiner ungewöhnlichen Trainingsmethoden. "Hunderte Stunden" hatte er zum Beispiel auf einem wippenden Brett verbracht, während er gleichzeitig die extra für ihn viel kleiner als im Wettkampf gefertigten schwarzen blinkenden Punkte anvisierte. Damit wollte er "die Balance trainieren und sich an schwierige Verhältnisse am Schießstand gewöhnen." Selber rechnete sich Andresen dabei nicht unbedingt zu den Favoriten, "zehn bis zwölf meiner Konkurrenten traue ich zu, Gold zu gewinnen. Meine Chancen liegen aber vielleicht bei 15 Prozent. Vor dem Druck der norwegischen Öffentlichkeit, die bei der WM im eigenen Land Siege erwartete", so erklärte der Wirtschaftsstudent, "fürchte ich mich doch ein wenig. Das macht den Druck so groß".

Trotzdem schaffte es der Sportler, mit einem Vorsprung von zehn Sekunden kam er als Erster ins Ziel. Lange freuen konnte er sich seines Sieges jedoch nicht, denn nach wenigen Stunden stellte sich heraus, dass er sich nicht regelgerecht verhalten hatte. Entgegen aller Vorschriften war Andresens Gewehr vom Start weg geladen gewesen. Unter Punkt 4.2.2.1 des Regelbuches ist es dem Sportler verboten, mit Kugeln in der Kammer oder im Magazin des Gewehres an den Start zu gehen, normalerweise werden die Sportgeräte auch kontrolliert. Erst auf dem Schießplatz darf geladen werden, wobei auch das Einsetzen des Magazins als Laden gilt. "Ich hatte wirklich total vergessen, dass ich das Magazin in der Waffe hatte", sagte Andresen, "und immerhin habe ich so ja auch die Waffenkontrolle glatt passiert. Deswegen dachte ich, alles sei in Ordnung. Natürlich trage ich aber die volle Verantwortung."

Aber für was? Weil niemandem, auch den gegnerischen Trainern, der Regelverstoß aufgefallen war, hatte es zunächst keinen Protest gegen die Wertung des 10-Kilometer-Rennens gegeben. Und für den internationalen Verband IBU gelten verspätete Einsprüche als nicht gestellt, deswegen wurde entschieden, dass Frode Andresen Weltmeister bleibt. Es gab nur eine Verwarnung verbunden mit der Aufforderung an den norwegischen Verband, dem Sportler eine Disziplinarstrafe aufzuerlegen. Aber der norwegische Verband war nicht nur böse mit Frode: "Die IBU hat sowohl Frode als auch die anderen Teilnehmer einer ungeheuren Gefahr ausgesetzt, als sie den Sportler mit einer geladenen Waffe auf die Loipe schickte. Ich will damit Frode nicht reinwaschen, aber ich frage mich natürlich auch, wieso die Funktionäre derart schlecht kontrolliert haben" erklärte Anne Grundness Steien, Vorsitzende der technischen Kommission des norwegischen Verbandes. Denn es sei, wie der Biathlet Ole Einar Bjørndalen beschrieb, zwar nicht gefährlich, während des Laufes eine Kugel in der Gewehrkammer zu haben, weil das Gewehr normalerweise vor dem Schießen erst entsichert werden müsse, "aber wenn man zum Beispiel bei einem Sturz an den Sicherungshebel kommt, dann ist die Waffe plötzlich geladen." Aber auch Bjørndalen konstatierte, dass das regelwidrig bereits geladene Sportgerät kaum einen Zeitvorteil bringen würde.

Frode Andresen reichte es trotzdem. Er wollte plötzlich nicht mehr Weltmeister sein. Er werde seine Goldmedaille an den Zweitplatzierten, den Russen Pavel Rostovtsev, weitergeben, sagte er, musste dann jedoch feststellen, dass er dann trotzdem immer noch offiziell als Titelträger gelten würde. Denn Siegerlisten werden, so erklärte die IBU, auf keinen Fall extra geändert, nur weil jemand nicht mehr dort aufgeführt sein will. Der potentielle Empfänger von Andresens Auszeichnung erklärte zudem: "Ich will Frodes Medaille gar nicht. Er war der Beste in dem Rennen und hat die Medaille verdient. Obwohl er etwas sehr Dummes getan hat. Und davon, die Siegerliste nachträglich zu ändern, halte ich schon überhaupt nichts." Und so muss Frode Andresen eben Weltmeister bleiben.

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