Auf katalanischem Boden

Vorreiterrolle Katalonien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse. An seiner Kultur und Sprache lässt sich der schwierige Versuch einer europäischen Region studieren, ihren Platz zwischen Nationalismus und Globalisierung zu behaupten

Offene Grenzen, blühender Regionalismus und der schleichende Anfang vom langen Ende der Idee von der Nation als fest gefügtem Kern bestimmen heute weitgehend das Europabild. Bildet Katalonien - das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse - vor diesem Hintergrund die Ausnahme oder die Regel? Was ist eigentlich das Exzeptionelle an der Region Spaniens, die seit der Verfassung 1978 den Status "Autonome Provinz" besitzt?

Kataloniens außergewöhnliche Geschichte veranlasste den französischen Historiker Fernand Braudel bereits 1949 in seinem Opus Magnum über den Mittelmeerraum dem Land große Aufmerksamkeit zu widmen. Für sein Konzept der Méditerranée, das die Geo-Historie - die Geschichte der Täler, Gebirge, Küste, des Klimas, der Land- und Seewege und ihrer Menschen - ebenso wichtig nimmt wie die Ereignisgeschichte, spielt Katalonien eine Schlüsselrolle. Beispielhaft für die Besonderheit Katalonien ist auch die außergewöhnliche Geschichte seiner Hauptstadt: Barcelona.

Barcelonas Vorreiterrolle

Heute gilt sie wieder als die heimliche Hauptstadt Spaniens. Die Stadt, die in der Moderne vier Mal neu gebaut wurde, lag immer wieder mit der Nase vor Madrid. Das erste Mal Mitte des 18. Jahrhunderts als Barcelona mit seiner prosperierenden Industrie, erfolgreichen Kaufleuten und Händlern heimlich die erste Geige spielte im Königreich, zumal auch architektonisch. Das zweite Mal zur Weltausstellung 1888. Die Stadt demonstrierte Weltoffenheit: 1903 gewann ein französischer Architekt die Ausschreibung zur Stadterweiterung. Barcelona sollte zum Paris des Südens werden, also avancierte Schönheit zum Schlüsselkriterium. Intellektuelle Kreise glaubten fest an die Unabhängigkeit, dabei verfügte die Stadt bis 1914 nicht einmal über eine eigene Verwaltung. Das ambitionierte Projekt, eine zivilisierte Stadt mit Museen, Bibliotheken, Forschungszentren zu entwickeln, schürte bestehende Interessenkonflikte zwischen Bürgern und Arbeitern. Es kam zu heftigen, bewaffneten Konfrontationen. Barcelona galt von nun an als Zentrum der Anarchie. 1929 im Zuge der zweiten Weltausstellung wurde die Stadt zum dritten Mal umgebaut: Nüchternheit, größere und bessere Ausstattung, die Verbannung des Modern Style mit seiner Farbigkeit, Reliefs und Ornamenten standen auf der Tagesordnung. Selbst die Arbeiten des ruhmreichsten Sohnes Barcelonas, Antoni Gaudí, waren heftigen Angriffen ausgesetzt. Das vierte Mal für die Olympischen Spiele 1992, doch dazu später.

1931, beim Fall der Monarchie, spielte Barcelona wieder die Rolle des Vorreiters. Hier und nicht in Madrid wurde die Zweite Republik zuerst ausgerufen. Das Versprechen 1932/33 Katalonien Autonomiestatus zu gewähren, löste die republikanische Regierung allerdings nicht ein. Die Frage bleibt bis heute ein neuralgischer Punkt für Katalanen. Das gilt auch für die Sprache. Viele Katalanen erleben es bis heute als existenzielles Dilemma, wenn katalanische Literatur auf Spanisch verfasst oder ihre Kultur auch von spanischsprachigen Autoren vertreten wird, wie jetzt bei der Buchmesse. Die ethische Malaise reiche bis weit in die Post-Franco Ära, erklärt der katalanische, an der Stanford University lehrende Literaturwissenschaftler Joan Ramon Resina. Schlüssel zum Verständnis der Konflikte und Polemiken sei, dass die Macht des katalanischen Nationalismus total überschätzt werde. Über die Schizophrenie katalanischer Politik, die mit der Einführung des Katalanischen per Gesetz und mit allerlei Verbalradikalismus eine unergiebige Politik der Konfrontation betreibt, schrieb Juan Marsé 1990 seine wunderbare, ironisch-sarkastische Satire: Der zweisprachige Liebhaber.

Ihren Höhepunkt und internationale Anerkennung erreichte die katalanische literarische und kulturelle Produktion in den 1930er Jahren. Obwohl Katalanen eine Minderheit bildeten, stellten katalanische Publikationen vor dem Bürgerkrieg (1936-39) ein Drittel der gesamten literarischen Produktion Spaniens. Mit der Besetzung Kataloniens durch Francos Truppen war alles zu Ende. Deutschland leistete einen entscheidenden Beitrag, um Katalonien auf der Landkarte quasi auszuradieren. Barcelona und nicht Guernica ist die von der Legion Condor am häufigsten und heftigsten bombardierte Stadt Spaniens. Bis heute blieb eine offizielle Entschuldigung seitens deutscher Regierungen aus.

Das Wunder

Von 1936 an sind katalanische Sprache, Literatur, Zeitungen, Verlage verboten. Francos Politik folgt der Logik regelrechter Ausmerzung. Bedeutende Autoren gehen ins Exil, Mercè Rodereda flüchtet in die Schweiz, andere in die USA, nach Mexiko. Unter den Bedingungen massiver Repression, des Mundtot-Machens, der Verfolgung, ist es ein Wunder, dass katalanische Literatur und Kultur überlebte. Zwar wurde 1946 offiziell das Verbot, katalanische Bücher zu drucken, aufgehoben, doch in der Praxis der Zensur konnten katalanische Texte erst nach Francos Tod 1975 veröffentlicht werden.

Der Übergang zur Demokratie, die transición der achtziger Jahre, bescherte katalanischer Literatur einen Boom. Romane, Erzählungen, Gedichte kamen aus den Schubladen ans Tageslicht, neue Texte entstanden. Doch mangels Orientierung, bedingt durch die traumatischen Erfahrungen jüngster Vergangenheit und durch negative Kritiken in spanischsprachigen Zeitungen, entstand bald der generelle Eindruck, das Lesepublikum fühle sich mit Katalanisch nicht wohl und lese lieber in spanischer Übersetzung. Kein Wunder, dass eine Reihe international anerkannter katalanischer Autoren beschloss, ihre Texte gleich auf Spanisch zu schreiben. Eine rechts-konservative Plattform aus Institutionen, Gremien und Medien versuchte erfolgreich, das Katalanische aus der Sphäre der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen, fast wie zu Francos Zeiten. Der wiederholte Versuch, den katalanischen Dichter Salvador Espriu in den achtziger Jahren als Nobelpreiskandidaten zu lancieren, blieb erfolglos, da keine Übersetzungen vorlagen. Kenner der Szene beklagen, dass die Politik bis heute, trotz katalanischer Institutionen zur Förderung der Literatur, Übertragungen in oder aus dem Katalanischen regelrecht blockiere.

Spannender als Katalonien auf die Rolle der Ausnahme oder Regel festzuschreiben, ist das Land als symptomatischen Fall einer wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Dynamik zu betrachten, deren Zukunft offen bleibt. Seit den achtziger Jahre bildete sich mit der Euphorie der transición ein offizieller katalanischer Diskurs heraus, der katalanische Kultur propagierte und zugleich vereinnahmte. Bei der Definition katalanischer Kultur galt das Territoriale als einziges Kriterium. Alles, was auf katalanischem Boden produziert würde, sei katalanisch, lautete die Devise. In der Regionalpolitik setzt man wieder ganz auf Weltoffenheit. Barcelona veranstaltet internationale Events, zum Beispiel das Literaturfestival Cosmopolis. Zu Diskussionsveranstaltungen mit internationaler Besetzung wurden 2006 nur spanische Autoren eingeladen. Katalanische Schriftsteller hingegen blieben in einer einzigen offiziellen Veranstaltung zu katalanischer Literatur und Kultur unter sich. Sie zogen das Fazit: Ghettoisierung statt Dialog und Austausch.

Ein symptomatischer Fall

Für die Olympischen Spiele 1992 erfand sich Barcelona zum vierten Mal neu. Die im Krieg völlig zerstörte, graue, traurige Stadt, die in den fünfziger bis siebziger Jahren als Spekulationsobjekt gedient, ihre Plätze, Freiflächen eingebüßt hatte, wurde neu gebaut. Mit den Geldern der Olympiade ging der Um- und Neubau Barcelonas weiter. Die Friedensveranstaltung Forum der Kulturen im Jahr 2004 war Vorwand, weitere Urbanisierungsmaßnahmen vorzunehmen, bei der historisch bedeutungstragende Orte verschwanden. So wurde zum Beispiel ein Platz auf dem Hunderte Menschen im Bürgerkrieg erschossen wurden, durch ein neues Gebäude völlig verbaut.

Heute weist die Altstadt Barcelonas die größte Dichte an Weltklasserestaurants auf: eine Folge der Entdeckung des katalanischen Starkochs Ferran Adriá. Junge Modelabels wie Sarah wurden in den letzten Jahren aus der Taufe gehoben. Alteingesessene Modehäusern wie Armand Basi mischen mit neuen Linien in der Mode-, Design- und Lifestylebranche international ganz oben mit. Die erfolgreichste Messe für junge Mode Bread findet in Barcelona gleich zweimal jährlich statt. Kurz gesagt: Kataloniens Regierung im Verein mit einheimischen und internationalen Investoren ist heute in der Lage, alles zu kaufen. Woody Allens Präsenz zum Filmdreh jüngst in Barcelona ist da ein Klacks. In letzter Zeit sind Modellviertel für anspruchsvoll-elitäre Norm-Europäer entstanden. Die Stadt zieht die junge aufstrebende professionelle Elite Europas an zum Studium, Arbeiten und Leben. Ausschlaggebend ist das neu gebaute Zentrum für Zukunftstechnologien: Biomedizin, Informatik, Kommunikation und Energiewirtschaft. Die Kulturpolitik setzt auf den Imageerfolg einer europäischen Mega-City auf katalanischem Territorium. Doch die katalanische Kultur, so stellten katalanische Schriftsteller nüchtern fest, führe allenfalls noch ein Nischendasein. Sind sie Nostalgiker? Ob heute der Neubeginn oder das endgültige Ende einer katalanisch-mediterranen Lebenskultur eingeläutet ist, bleibt vorerst offen.


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