Ellhard Behrends

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RE: Deutsches Interesse | 27.05.2010 | 23:10

Mir kommt die Erinnerung an die „Bonner Republik“ etwas zu wehmütig daher, als wäre damals bereits die Artikulation nationaler Interessen noch etwas „Anrüchiges“ gewesen. Im Weißbuch 1983 heisst es:
„Die Bundesrepublik Deutschland hat von den EG-Mitgliedsstaaten das größte Außenhandelsvolumen und ist stärker in den Welthandel verflochten als andere westliche Industriestaaten. ... Krisenhafte Entwicklungen in der Dritten Welt können deshalb unmittelbar auf uns zurückschlagen. Unser Wohlstand und unsere Sicherheit sind in zunehmendem Maße von der Stabilität in der Dritten Welt abhängig. Die Vereinigten Staaten und andere Verbündete, die dazu in der Lage sind, bemühen sich daher um den Schutz der lebenswichtigen Handelswege und Rofstoffquellen gegen Übergriffe Dritter ...“
Der damalige Verteidigungsminister hieß Manfred Wörner, der damalige Kanzler hat uns ja angeblich die Deutsche Einheit gebracht. Und seitdem sind wir zu solchen militärischen Aktionen wieder selbst „in der Lage“.

RE: Agenda 2010, die Fortsetzung | 17.01.2010 | 23:13

Die Sündenbock-Rolle, die heute die Hartz-IV-Empfänger spielen, spielten vor wenigen Jahren noch die Sozialhilfe-Empfänger. Das populistische Stereotyp, Arbeitspflicht gegen vermeintliche Faulheit der Hilfeempfänger, ist gleichgeblieben; das charakterlose politische Personal in der Ankläger-Rolle weitgehend auch. Im August 2001 wollte Ministerpräsident Koch die Zahl der Sozialhilfeempfänger in Hessen per Arbeitsverpflichtung halbieren. Der ihn jetzt kritisierende Sigmar Gabriel antwortete damals als Ministerpräsident Niedersachsens: „Der Vorschlag von Roland Koch zur Kürzung der Sozialhilfe bei Arbeitslosen, die eine Aufnahme von Arbeit verweigern, ist ein alter Hut und wird in Niedersachsen bei unseren Kommunen längst praktiziert“ (Staatskanzlei, 7.8.01).
Gabriels Vorgänger im Amt war bekantlich Gerhard Schröder. Der hatte, um seine Bemühungen, Kanzlerkandidat der SPD zu werden, zu unterstreichen, 1997 einen wirtschaftspolitischen Leitantrag vorgelegt. Darin wird Sozialhilfeempfängern einerseits ein höherer Zuverdienst in Aussicht gestellt, andererseits gesetzlicher Druck angedroht, ihnen angebotene Arbeitsplätze anzunehmen. Der damalige SPD-Parteivorsitzende, Oscar Lafontaine, war ganz auf Linie und unterstrich, dass alle diejenigen, die eine zumutbare Arbeit ablehnen würden, ihren Anspruch auf Unterstützung „verwirken“ würden (SZ, 14.10.97). Einige Jahre später erklärte der inzwischen zum Kanzler gewählte Schröder: „Es gibt in dieser Gesellschaft kein Recht auf Faulheit“ (Mannheimer Morgen, 10.2.2001).
Das ließe sich, zwar nicht endlos, aber doch eine ganze Weile fortsetzen. Diese Scheibe wird immer wieder aufgelegt und abgedudelt, die ist so alt wie der Kapitalismus. Christoph Sachße und Florian Tennstedt vermerken für die Situation in deutschen Städten im 16. Jahrhundert: „Nur wer in der Stadt beheimatet und arbeitsunfähig oder unverschuldet arbeitslos war, konnte Unterstützung beanspruchen“. Und für die im 17. und 18. Jahrhundert entstehenden Zucht- und Arbeitshäuser: „Die Disziplinarfunktion der Anstalten zielte keineswegs nur auf die faktischen Insassen, sondern stets vor allem auch auf die potentiellen Züchtlinge und arbeitsfrommen Untertanen draußen“. (Soziale Sicherheit und soziale Disziplinierung, S. 15, 21f.)
Die „draußen“ sind heute diejenigen, die „drinnen“ sind, im Arbeitsprozess. Aber die sind „vor allem auch“ gemeint. Die sollen die Angst vor Hartz IV verinnerlichen. Denn auch wenn es für die Finanzeliten schon wieder und weiter bergauf geht, so müssen jene die Zeche der Banker und Spekulanten doch noch abzuarbeiten versuchen. Schön ruhig bleiben, heißt also die Devise: nach oben führt sowieso kein Weg, aber das mögliche Abrutschen in Hartz IV soll gegen sogenannte „soziale Unruhen“ immunisieren.

RE: Wo die Götter wohnen | 31.12.2009 | 19:42

Lieber Michael Jäger, besten Dank für die Antwort. Ich habe die Kritik der ästhetischen Urteilskraft nie konsequent durchgearbeitet (den darauf folgenden Teil der teleologischen in Verbindung mit der KrV schon eher), habe auch jetzt nur punktuell geschaut, was zur Klärung beitragen könnte.
Grundsätzlich scheint es mir so zu sein, dass Kant die Wahrnehmung des Schönen (des Kunst- und des Naturschönen!) auf der Basis des interessenlosen Geschmacksurteils bestimmt: „Schön ist das, was in der bloßen Beurteilung (...) gefällt. Hieraus folgt von selbst, daß es ohne alles Interesse gefallen müsse. ... Das Schöne bereitet uns vor, etwas, selbst die Natur, ohne Interesse zu lieben.“ (KU, B 114f.)
Später, im § 42, diskutiert Kant dann unter der Überschrift „Vom intellektuellen Interesse am Schönen“ den möglichen Zusammenhang eines wahrgenommenen Naturschönen mit der dem wahrnehmenden Subjekt verinnerlichten Moral. Das intellektuelle Interesse an der schönen „Gestalt einer wilden Blume, eines Volgels, eines Insekts usw.“ (B 166) bezieht sich zum einen auf die „schönen F o r m e n der Natur“ (nicht die empirisch wirkenden Reize), zum anderen auf ihr Dasein („ohne daß ein Sinnenreiz daran Anteil hätte). Das intellektuelle Interesse ist das „unmittelbare Interesse“ der Vernunft, obgleich es sich auf empirisch gegebene Gestalten der Natur bezieht. In diesem Zusammenhang erinnert Kant an der „Vermögen einer intellektuellen Urteilskraft, für bloße Formen praktischer Maximen“ (B 168). Die Vernunft habe ein intellektuelles Interesse (!), dass ihre Ideen „auch objektive Realität haben, d. i. daß die Natur wenigstens eine Spur zeige, oder einen Wink gebe, sie enthalte in sich irgend einen Grund, eine gesetzmäßige Ü b e r e i n s t i m m u n g ihrer Produkte zu unserm von allem Interesse unabhängigen (!) Wohlgefallen“ (B 169; Hervorh u. Ausrufezeichen von mir).
Noch weiter im Text, im § 59, wird das Thema unter der Überschrift „Von der Schönheit als Symbol des Sittlichkeit“ methodisch vertieft.
Im Netz habe ich diese Replik von Christian Thies gefunden: „Kant mag recht haben, dass die unerwartete Gunst der schönen Natur empfunden werden kann als Hinweis darauf, dass wir in diese Welt passen. Aber mit Seel möchte ich behaupten, dass die ästhetische Erfahrung der schönen Natur uns nicht die Hoffnung auf eine moralische Weltordnung vermittelt, sondern den Ausblick auf ein irdisches Glück. Eine Landschaft, die von mir als schön erfahren wird, ist einfach der exemplarische Ort eines glücklichen Augenblicks - und damit Zeichen für die Möglichkeit eines gelungenen Lebens.“ (www.uni-rostock.de/..) Einer solchen Kritik könnte ich mich eher anschließen als Deiner Interpretation, nach der im Naturschönen dann gleich „Gott“ vorscheinen soll.
Aber es geht hier ja auch gar nicht darum, wer persönlich recht behält, sondern was uns sachlich weiterbringen kann. Und da halte ich sowohl Dein Insistieren auf Bloch als auch auf Kant für richtig! Anregend fand ich die Lektüre eines Beitrags von Hans-Ernst Schiller, Kant in der Philosophie Ernst Blochs.

RE: Wo die Götter wohnen | 28.12.2009 | 19:12

Die Wahrnehmung des Naturschönen, das sich dem subjektiven (interesselosen!) Geschmacksurteil verdankt, soll die Hoffnung darauf motivieren (!), dass „gute Taten“ nicht folgenlos bleiben? Kant ? Und im Naturschönen soll Gott „vorscheinen“? Kant?
Über eine nähere Quellenangabe, wo in der Kritik der Urteilskraft dies so oder ähnlich von Kant behandelt wird, wäre ich dankbar.

RE: Flick, Filbinger, Ceaușescu | 26.07.2009 | 23:29

@ M1xP1yne
Ich habe doch ausgeführt, dass Kritik an der Politik Israels nicht zu beanstanden ist. Ich bin wie Sie sogar der Meinung, dass sie notwendig ist.
Der Punkt ist, dass sich mir der Eindruck aufdrängt, dass eine Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch den deutschen Staat, dem ganzen eine andere Dimension gibt (ich denke, ich muss es nicht noch einmal erklären).
Das ist meine persönliche Meinung

RE: (15) Nicht mehr beengt | 26.07.2009 | 23:14

@ Michael Jäger, 26.7., 17:54
Ich denke, Aristoteles war der erste, der die Antinomie Endlichkeit-Unendlichkeit ganz „pragmatisch“ aufgelöst hat, indem er der Wirklichkeit des Seienden ein nur potentiell Unendliches gegenüber stellte, das in den Verfahren der Additivität und Teilbarkeit ihren Platz hat. Erst in der Spätantike folgte einer Verbindung des Unendlichkeitsbegriffs mit dem Gottesbegriff.
Der von Bloch geschätzte und Bruno vorhergehende Nikolaus von Kues fragt in diesem Kontext, ob Gott überhaupt d en k b a r sei? In einem schönen Beitrag des Theologen Gerhard Staguhn heisst es dazu: „Wenn es also um Gott und nicht um einen Götzen geht, steht man vor dem unlösbaren Problem, mit dem Verstand etwas erfassen zu wollen, das jenseits des menschlichen Verstands liegen muss.“ Aber er findet einen Fingerzeig auf Gott in der Mathematik: „Der ‚unendliche’ Kreis würde mit der Geraden zusammenfallen. Diese unendliche ‚Figur’, in welcher der Gegensatz von Kreis und Linie aufgehoben wäre, wird für Cusanus zum Symbol für die Unendlichkeit Gottes.“ Nikolaus von Kues, der zuerst antike Philosophie, Mathematik und Astronomie, danach (!) Theologie studierte, definiert Gott als das aktual Unendliche. So wird die Antinomie mit Hilfe der Mathematik letztlich theologisch aufgelöst.
Mein Hinweis auf Aristoteles bedeutete in erster Linie, dass auch bei Bruno letztlich die antike Philosophe die Voraussetzungen seines Denkens ermöglichte (er nimmt zu Beginn der von Ihnen ausschnittweise zitierten Stelle direkt Bezug auf Aristoteles, wenn auch in einem anderen Zusammenhang).
Was sich für mich aus dieser noch recht offenen Diskussion (auch und gerade im Zusammenhang mit Marx) im Augenblick ergibt, ist eine erneute Lektüre von Sohn-Rethel und R.W. Müller. Soweit die Zeit und abendliche Kondition dazu noch ausreichen.

RE: Flick, Filbinger, Ceaușescu | 26.07.2009 | 19:25

@Titta M1xP1yne
Was ist der Vorgang?
Jede Verleihung ist eine politische Botschaft

Richtig, jede Verleihung ist eine politische Botschaft.
Aber wenn es um deutsche „Botschaften“ an Israel geht, kann auch heute niemand so tun, als gäbe es keine deutsche Geschichte und daraus resultierende Verantwortlichkeiten. Was heißen soll: Wenn ein Bürger eines beliebigen Staates oder gar eine Frau jüdischer Abstammung, die Politik Israels kritisieren, ist das etwas anderes als wenn dies Deutschland als Rechtsnachfolger des NS-Systems tut. Das ist hier natürlich nur immanent der Fall. Aber deshalb impliziert diese Verleihung für mich eine politische Botschaft, die, gelinde gesagt, heikel ist. (Das ist der „Vorgang“.)

RE: Flick, Filbinger, Ceaușescu | 26.07.2009 | 16:59

Ich habe das ungute Gefühl, dass der offene Brief und diese Debatte am Kern des Themas vorbei gehen: einer Kritikerin Israels (der ich die Legitimation dazu nicht absprechen will) wird das d e u t s c h e Bundesverdienstkreuz verliehen. D a s i s t e i n e p o l i t i s c h e B o t s c h a f t !
Und ob man Giordano persönlich mag oder nicht, interessiert überhaupt nicht. Dass er gegen diese Verleihung protestiert, ist für mich nachvollziehbar: trotz der aufgelisteten Verdienstkreuzträger, die die Verleihung natürlich nicht verdient haben. Und dass er auch schon bei der Verleihung an ihn selbst, dagegen hätte protestieren können, ändert nichts an dem Vorgang, der jetzt stattgefunden hat.

RE: (15) Nicht mehr beengt | 25.07.2009 | 23:39

Die wissenschaftlich-technischen Utopien z.B. eines Leonardo da Vinci sind ein Aspekt der aufkommenden Moderne. Dieserart Utopien entstehen auch heute noch (Weltraum-, Genforschung etc.). Möglich geworden wohl auch z. B. durch die Gedanken eines Giordano Bruno (die es ohne Aristoteles so kaum gegeben hätte, usw.).
Dass nun der gegen jeden konkreten Inhalt (Gebrauchswert) völlig gleichgültige Prozess der Kapitalakkumulation ab einem gewissen Zeitpunkt parallel dazu verläuft, scheint unbestritten. Aber handelt es sich bei diesem blinden, selbstbezüglichen Verwertungsprozess um d i e s e l b e Bewegung?
Natürlich basiert dieser Prozess auf den geografisch jeweils vorherrschen Bedingungen von Natur und Kultur, ohne die er gar nicht möglich wäre. Und er „kolonialisiert“ diese zugrunde liegende Lebenswelt (und den Forschungsprozess) bekanntlich mehr und mehr. Im Text (Ende Pkt. 5) wird der Übergang vom traditionellen Unternehmer zum Kapitalisten thematisiert, in den Medien wird wieder das Leitbild vom „ehrbaren Kaufmann“ beschworen und dem Spekulanten gegenüber gestellt.
Aber diese für den Kapitalismus wesentliche „Bewegung“, so scheint es mir jedenfalls, ist nicht identisch mit der Entwicklung des wissenschaftlich-technischen und gesellschaftlichen Fortschritts überhaupt. Sonst wäre das Prinzip Hoffnung tatsächlich nichts als Illusion und die Gedanken über „Die andere Gesellschaft“ könnten wir uns schenken.

PS: Bloch kritisiert Brunos Unendlichkeitsbegriff übrigens im Prinzip Hoffnung auf den Seiten 994f.: nämlich seine Abgeschlossenheit (!) gegen die Zukunft hin.

RE: Gehörig verrechnet | 25.07.2009 | 13:45

heute bekennt meadows im interview, sie hätten sich seinerzeit gehörig verrechnet. das krisen- und katastrophenstadium sei wesentlich früher anzusetzen. schon in den kommenden jahrzehnten werde es weltweit einschneidende veränderungen geben.
doch der vordenker der hochrechnungen und computersimulationen erklärte nicht, wie es zu dem schwerwiegenden rechenfehler gekommen war.

„heute bekennt Meadows ...“ Hier und heute ist nur von der Studie aus 1972 die Rede, dass zwanzig Jahre danach, also 1992 „Die neuen Grenzen des Wachstums“ (Meadows/Meadows/Randers) erschienen sind, bleibt außen vor. Ich zitiere mal aus dem Vorwort:
„1971 sah es so aus, als werde man erst nach einigen Jahrzehnten die materiellen Grenzen für die Nutzung vieler Rohstoffe und der Energie erreichen. 1991 aber zeigten die Computerläufe und die Neubewertung der Daten, daß die Nutzung zahlreicher Ressourcen und die Akkumulation von Umweltgiften bereits die Grenzen des langfristig Zuträglichen überschritten haben ... Das war nicht allzu überraschend. ... Wir wußten Bescheid über die chemischen Veränderungen in der Ozonschicht und kannten den Treibhauseffekt. ... Allerdings ... hatten sich diese Eindrücke noch nicht zu dem neuen Befund geformt: Die Menschheit hat ihre Grenzen überzogen.“
Die „neuen Grenzen“ werden nicht mehr von der Reichweite der verfügbaren Ressourcen, sondern der Tragfähigkeit der Ökosysteme gezogen. Ich vermute, dass es eher ein Denkfehler als ein Rechenfehler war: die Komplexität wurde unterschätzt.
Der Hinweis auf den militärisch-industriellen Komplex ist natürlich trotzdem richtig und wichtig. Zumal es hier um mehr als nur die reine Rüstungsproduktion geht. Nicht zuletzt die militärische Sicherung „unserer Interessen“ (Rohstoffe etc.) in der Welt ist Teil dieses Komplexes. Das wäre sicherlich ein Kandidat für ein weiteres Wochenendthema, wenn die Redaktion die Wahl denn treffen würde.