Hai-Alarm bei H&M

Ausbeutung Dauerstress für Betriebsräte, Arbeit auf Abruf: Unser Autor kämpft gegen die Praktiken der Mode-Kette hierzulande
Hai-Alarm bei H&M
Der ideale Mitarbeiter stellt keine Fragen und sieht dabei auch noch gut aus

Foto: Krisztina Bocsi/Bloomberg/Getty Images

Es war ein Freitag, der 13. – jetzt im Oktober: Absperrband markierte symbolisch einen Bereich vor der H&M-Filiale in der Spitalerstraße in Hamburg. Den „Vorzeigeladen“ der Mode-Kette, über dem die Büros des für Deutschland zuständigen Managements liegen, haben wir mit unserer Kampagne „Jetzt schlägt’s 13!“ zur „arbeitsrechtlichen Gefahrenzone“ erklärt.

Dass H&M in Bangladesch, Indien, Pakistan und anderen Niedrigstlohn-Staaten über ein Netz aus 1.900 Subunternehmen von brutalster Ausbeutung profitiert, hat sich in Deutschland inzwischen auch bei mode-affinen Jugendlichen herumgesprochen. Progressive Lehrer informieren darüber in der Schule, politisch bewegte Pfarrer im Konfirmanden-Unterricht. Das Image von H&M ist durch die Kunde von der Ausbeutung in Asien inzwischen so weit beschädigt, dass der Konzern neue Marken erfindet oder aufkauft: „&Other Stories“, COS oder Arket. Das erste Geschäft letzterer Marke eröffnete just an jenem Freitag, dem 13., in München; die Stadt gilt als Versuchslabor der neuen H&M-Strategie.

Die Kampagne „Jetzt schlägt’s 13!“ derAktion Arbeitsunrecht, einer Initiative für „Demokratie in Wirtschaft & Betrieb“, richtet den Fokus auf deutsche Verhältnisse: auf Arbeitsunrecht und Union Busting, die systematische Bekämpfung von Betriebsräten und gewerkschaftlicher Organisierung. Seit Freitag, dem 13. März 2015 traf es die Firmen Neupack, Kik, Toys R Us, den Reha-Konzern Median und nun H&M. Unternehmerische Skrupellosigkeit bis an die Grenze zur Menschenverachtung durchzieht meist die gesamte Wertschöpfungskette. Sie macht nicht in Asien halt.

Daran wird gespart

In Containern erreichen die mit Blut, Schweiß, Tränen und Kinderarbeit produzierten H&M-Textilien den Hamburger Hafen. Das Lager in Allermöhe war bei seiner Fertigstellung im Oktober 2007 das größte H&M-Lager weltweit. 2011 organisierte Verdi dort Proteste, weil ein Drittel der 1.500 Beschäftigten Leiharbeiter waren, die für gleiche Arbeit ungleichen Lohn bekamen – 7,51 Euro statt 11,77 Euro pro Stunde.

Es geht weiter mit den Filialen. Gerhard Schöders „bester Niedriglohnsektor Europas“ ist mit 440 Geschäften und 20.000 Mitarbeitern der größte H&M-Standort weltweit. Ein Anwalt, der Arbeitnehmervertreter gegen H&M vor Gericht verteidigt, fasste die Politik des Unternehmens so zusammen: „Betriebsräten versucht man jederzeit aufzuzeigen, dass ihre Arbeit ihnen für ihr persönliches Leben nur Nachteile bringt: keine Aufstockungen von Arbeitszeit, schlechte Schichten, Androhung von Entgeltkürzungen und so weiter. Gleichzeitig drückt man ironisch-scheinheilig aber auch seine Wertschätzung für Betriebsräte aus und versichert, dass etwaige berufliche Nachteile ganz sicher nichts mit der Betriebsratstätigkeit zu tun haben.“

Als juristischer Handlanger der schwedischen Mode-Kette dient die deutsche Arbeitsrechtsabteilung von DLA Piper, geführt von Volker von Alvensleben. Auch er sitzt in Hamburg. DLA Piper ist Gewerkschaftssekretären meist unbekannt, dabei handelt sich um eine der größten Rechtsfirmen der Welt mit 2,5 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz. Dass DLA Piper die „Charta der Vielfalt – Für Diversity in der Arbeitswelt“ unter Schirmherrschaft von Angela Merkel unterzeichnet hat, hindert die Firma nicht, Salven von Abmahnungen und Kündigungsversuchen gegen unliebsame Betriebsratsmitglieder abzufeuern – derzeit gegen Verkäufer aus Tübingen, Bad Godesberg und Leverkusen. DLA Piper setzt auch neue Beschäftigungsmodelle juristisch durch, die aus H&M einen Vorreiter für ungeregelte Arbeitszeit machen: Arbeit auf Abruf, Lohnraub durch Verrechnung von Überstunden auf „Jahresarbeitszeitkonten“, sachgrundlose Kettenbefristung.

Dafür wird geklotzt

Während von Alvensleben hilft, die Lohnspirale in Produktion und Distribution nach unten zu drehen, bewegt sich die Honorarspirale für Dienstleister wie ihn nach oben. 300 Euro pro Stunde gelten in der Branche als Durchschnitt. Anwälte und Steuerberater können im H&M-Fahrwasser durchaus ein Vermögen machen. H&M zahlte an die Wirtschaftsprüfer Ernst & Young im vergangenen Jahr 10,7 Millionen Euro für Beratung, womit auch legale oder bislang nicht justiziable Steuervermeidung über Briefkastenfirmen und Finanzoasen gemeint ist.

Auch bei DLA Piper bleibt genug hängen. So konnte sich das Ehepaar Volker und Claudia eine Burg in Sachsen-Anhalt zurückkaufen, die einst dem Adelsgeschlecht von Alvenslebens gehörte, und zu DDR-Zeiten eine Kindertagesstätte beheimatete. Jetzt laden von Alvenslebens mehrmals im Jahr zur „musikalisch-literarischen Soirée“ in die Burg Oberhof in Ballenstedt.

Während die geselligen Abende Monate im Voraus geplant werden, wissen viele H&M-Verkäuferinnen heute nicht, wann und wie lange sie nächste Woche arbeiten müssen, wie viele Stunden sie nächsten Monat eingesetzt werden, und ob am Monatsende ihr Lohn für die Miete reicht.

Elmar Wigand ist Mitglied des Vorstands von aktion ./. arbeitsunrecht e.V.

06:00 28.10.2017
Geschrieben von

Elmar Wigand

Autor und Sozialforscher. Arbeitet als Berater für Gewerkschaften und Betriebsräte. Vorstandsmitglied + Redakteur der aktion./.arbeitsunrecht e.V.
Elmar Wigand

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