Schwarzer Freitag

Arbeit Und wieder naht der Erste Mai - die Zeit der Festtagsreden unter roten Bannern. Doch wie steht es wirklich um den Wert der Arbeit in Deutschland? Ein Überblick
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Bild: Alexander Hassenstein/Getty Images

Und wieder naht der Erste Mai - die Zeit der Festtagsreden unter roten Bannern. Politiker und Gewerkschaftsbosse werden wie jedes Jahr die Sakkos beiseite legen, ihren proletarischen Redesound aktivieren - sofern im Repertoire vorhanden, und "kämpferische Reden" halten.

Zum unverzichtbaren Baustein der Mai-Reden gehört aber auch, das „Modell Deutschland“ zu preisen. Die weltweit so vorbildliche Einrichtung der Mitbestimmung: Soziale Gerechtigkeit, Ausgleich, Stabilität, Kooperation. Gemeinsam für den Wirtschaftsstandort, guter Lohn für gute Arbeit...

Die Realität sieht leider anders aus, das wissen im hintersten Winkel ihres Bewusstseins selbst hartgekochte SPD-Funktionäre. Doch das Ausblenden unangenehmer Teilbereiche gehört zur Routine der Arbeiterbewegung – auch wenn diese Teilbereiche bereits die Mehrheit der Bildfläche ausmachen.

Die dunkle Seite eines abnehmenden Mondes

Nur noch rund 60% der deutschen Beschäftigten in Deutschland werden nach Tarifverträgen entlohnt. In der Privatwirtschaft sind es nur noch 42%. Tendenz sinkend – je nach Branche mitunter bodenlos fallend. Ebenfalls nur rund 40 % der Beschäftigten der gesamten Wirtschaft kennen einen Betriebsrat. Schätzungsweise. Genaue Zahlen sind unbekannt und damit sind wir mitten im Problemfeld: Die Betriebsratsverhinderung- und zerschlagung ist so gut wie unerforscht, Statistiken sind Mangelware. Staatsanwaltschaften und Arbeitsgerichte behandeln Unternehmerkriminalität in Zusammenhang mit Arbeitsbeziehungen als Kavaliersdelikte, sie erfassen nicht einmal die Anzahl der Anzeigen nach einschlägigen Paragraphen wie §119 BetrVG.

Tarifflucht und betriebsratsfreie Zonen

Allerdings ist unter Sozialwissenschaftlern unbestritten: Weniger als die Hälfte der Lohnabhängigen steht tatsächlich noch unter dem Einfluss der viel gepriesenen „sozialen Marktwirtschaft“. Und auch dieser statistische Wert, der im transatlantischen Vergleich mit dem Großen Bruder USA geradezu traumhaft erscheint, trügt gewaltig. Es wuchern zum einen hunderte von Pseudo-Tarifverträgen, die mit gelben Gewerkschaften wie CGM, Union Ganymed und anderen, die zu dem einzigen Zweck abgeschlossen werden, Lohndumping notdürftig zu bemänteln.

Was die betriebliche Mitbestimmung angeht, so gib es in vielen Firmen Betriebsratsgremien, die von der Geschäftsführung gezielt installiert wurden, deren Wahl von Personalmanagern und Vorgesetzten geschmiert, protegiert und beeinflusst wurde. Und es gibt ein breites Feld von Betriebsräten, die mit Zuckerbrot und Peitsche davon abgehalten werden, entscheidende Bereiche wie Lohngruppen und Arbeitszeiten im Sinne der Beschäftigten anzupacken.

Der verbliebene Kern arbeitgeber-unabhängiger Mitbestimmung und Tarifautonomie in Deutschland dürfte realistisch betrachtet irgendwo zwischen 20-30% liegen. (Der Wert korrespondiert m.E. keineswegs zufällig mit dem Abschneiden der beiden sozialdemokratischen Parteien SPD und Die Linke bei den jüngsten Wahlen.)

Arbeitswelt, Aberglaube & Horror

Der Verein aktion./.arbeitsunrecht hat sich vorgenommen, diese dunkle Seite des Mondes zu erforschen und zumindest in exemplarischen Fällen schlaglichtartig zu beleuchten. Das unregelmäßige Datum Freitag, der 13. schien für einen regelmäßigen Aktionstag geeignet, weil der Tag im Volksaberglauben augenzwinkernd mit Unglück und Blaumachen verbunden ist - und bei Filmliebhabern mit dem Horror-Genre (Jason Voorhees). Ein geeigneter Anlass also, um gegen Horror-Jobs und Anwälte des Schreckens vorzugehen.

Welche Unternehmen am Freitag, den 13. Mai 2016 bundesweit Protest auf sich ziehen, wird derzeit durch eine Online-Abstimmung ermittelt, die bis zum 25. April 2016 läuft.

Brennpunkt Einzelhandel

Mitglieder und Sympathisanten der aktion./.arbeitsunrecht konnten Vorschläge machen. Die überwältigende Mehrzahl kam aus dem Einzelhandel. Auffällig war, dass Tarifflucht von Konzernen oft einhergeht mit der Zermürbung bzw. Verhinderung von Betriebsräten. Die Supermarktkette real,- (Metro, Familie Haniel) ist soeben aus der Tarifbindung ausgestiegen, während sich die US-Konzerne Amazon und Toys 'R' Us vehement gegen Tarifverträge wehren. Alle drei haben renitente Belegschaftskerne mit kampfbereiten Gewerkschaftern.

Noch vor zwei Wochen hätten wir gewettet, dass die Möbelkette XXXLutz das Rennen macht. Sie geht mit überfallartigen Massenentlassungen gegen die Belegschaften ganzer Standorte vor, die aus der Sicht des Managements als untauglich qualifiziert werden. In Mannheim gab es massive Proteste der regionalen Gewerkschaftsbewegung, als 99 Beschäftigte am 1. Februar 2016 von einem Tag auf den anderen wie Hunde vom Hof gejagt wurden. Doch seit die Belegschaft, vertreten von ver.di, auf Abfindungen zu steuert, ist anscheindend die Luft aus dem Dampfkessel gewichen. XXXLutz liegt derzeit nur auf Platz 3.

Gesundheit als Geschäft

Viel nachhaltiges Aggressionspotential ist im Helios-Konzern zu verzeichnen, der in der Abstimmung derzeit auf Platz 2 hinter der Kampfstarken wie phantasievollen Belegschaft von Toys 'R' Us liegt.

Das Helios-Management muss sich mit regionalen Widerstandskernen unter anderem in Bietigheim-Blissingen und Schleswig-Hostein herumschlagen, zudem macht neben ver.di auch der Marburger Bund auf die gruseligen Zustände im Gesundheitskonzern aufmerksam ("Brutale Gewinnmaximierung auf Kosten von Personal und Patienten").

Das patriarchal geführte Familien-Unternehmen Playmobil (Horst Brandstätter, Zirndorf) kämpft verbissen gegen Organisierungsbemühungen der IG Metall. Der Konflikt hat das Zeug zum bundesweiten Skandal, zumal Playmobil als beliebter Spielzeughersteller marketing-technisch gesehen sozusagen im Glashaus sitzt. Leider hat der Fall, in den die Union Busting-Kanzlei Wittig Ünalp verwickelt ist, über Franken und den Freistaat Bayern hinaus bislang kaum überregionale Öffentlichkeit gefunden, was nebenbei auch Fragen zur Strategie der IG Metall aufwirft.

Union Busting-Dienstleister

In einer weiteren Katagorie stehen spezialisierte Anwaltskanzleien und Unternehmensberater zur Online-Auswahl, zu deren Portfolio die Kleinhaltung und Zermürbung von Betriebsräten und Gewerkschaften gehört (Union Busting).

Die größte Unternehmensberatung der Welt, McKinsey, fand hier durch ihr Engagement innerhalb der Deutschen Post/DHL Berücksichtigung. McKinsey-Personal beherrscht inzwischen Schlüsselpositionen des DAX-Riesen und provozierte durch den Bruch von Tarifbestimmungen nicht nur den Poststreik 2015, sondern fiel durch schmutzige Methoden zur Eindämmung des Streiks auf (Lohndumping, Streikbruch, Profitgier).

Die Hamburger Niederlassung des britisch-amerikanischen Rechtskonzerns Hogan Lovells ist mit der „Kündigungen von Unkündbaren“ ebenso beschäftigt, wie mit Counter-Organizing und Gewerkschaftsvermeidung etwa bei amazon oder dem Windanlagen-Hersteller Enercon.

Die Medienkanzlei Bub Gauweiler rund um den ehemaligen Nebenverdienst-Champion des Deutschen Bundestag, Peter Gauweiler (CSU), übernimmt im Zuge von Betriebsratszerschlagungen die Aufgabe, kritische Meinungsäußerungen und Berichterstattung durch Klagen und juristische Drohungen einzudämmen oder zu verhindern.

KNV Logistik Erfurt - Zustände wie anno 1892

Die Kampagne "Jetzt schlägt's 13!" hat zudem einen bislang unbeachteten Fall ans Licht gebracht. Beschäftigte und Ehemalige des Großversands KNV Logistik berichteten in der Kommentarfunktion des Blogs arbeitsunrecht.de über ihre Arbeitsbedingungen. Der Buchhandels-Großlieferant machte 2011 im Westen 900 Arbeitsplätze platt, um ein top-modernes Logistik-Zentrum in Erfurt aus dem Boden zu stampfen, das 2014 eröffnet wurde.

Dort sollen laut glaubhaften Berichten Zustände wie im 19. Jahrhundert herrschen: Geregelter Feierabend ist unbekannt, Schluss ist, wenn der Chef das Kommando gibt. Keine Tarifverträge, kein Betriebsrat; wer mit der kleinen Schar Gewerkschafter sympathisiert, macht sich verdächtig.

Mein örtlicher Buchhändler, die Bunt-Buchhandlung in Köln-Ehrenfeld, reagierte einigermaßen schockiert über meine Berichte von KNV Logistik. Hinter den Kulissen der Buch-Großhandels-Maschinerie exerziert nämlich Porsche Consulting eine brutalisierte schwäbische Form von Kaizen an ostdeutschen Arbeitern und ihren Familien durch. Das passt so gar nicht zum menschenfreundlichen und gemütlichen Image des deutschen Buchhandels und dürfte - so der Ansatz des Schwarzen Freitags - auch die Kundschaft nachhaltig verstören.

Die Kampagne „Jetzt schlägt's 13!“ stellt 7 skrupellose Unternehmen und drei Union Busting Dienstleister aus Deutschland vor | Online-Abstimmung bis zum 25. April.

00:32 13.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elmar Wigand

Autor und Sozialforscher. Arbeitet als Berater für Gewerkschaften und Betriebsräte. Vorstandsmitglied + Redakteur der aktion./.arbeitsunrecht e.V.
Elmar Wigand

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