Was ist uns unser Wohlstand wert?

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Wir sind an einem Punkt der Entwicklung angelangt, bei der es fast überall auf der Welt unmöglich ist, jenseits der Mechanismen des öknomischen Systems, an der jeweiligen Gesellschaft teilzuhaben, geschweige denn Erfolg. Dabei geht es nicht mehr darum, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und sich wie seiner Familie ein gutes und unbeschwertes Leben zu ermöglichen oder aber wirklich etwas werthaltiges zu schaffen und zu erreichen. Fast alle Handlungen unterliegen mittlerweile einem potenziellen Mehrwert und werden danach beurteilt, ob sie einen systemrelevanten (nachgefragten, gewünschten) Mehrwert erzeugen oder nicht. Die Summe aller einflussnehmender Kräfte, hat dazu geführt, dass ein gesamtwirtschaflticher potenzieller Mehrwert notwendig geworden ist, damit die gesamte wirtschaftliche (und damit auch gesellschaftliche) Struktur getragen werden kann. Personen, Gemeinschaften und Staaten werden aufgrund ihres systemrelevanten potenziellen Mehrwertes in eine „Rolle“ erzogen, gedrängt und gezwungen, die nur dem Funktionieren innerhalb des Systems dient! Allein diejenigen die am besten an das System angepasst sind bzw. das Schaffen, was am besten in dem System funktioniert, profitieren von diesem. Sei es durch ein relatives Maß an Freiheit, Wohlstand und Macht.

Wird es in dieser globalisierten Welt aber nicht immer deutlicher, dass diese Mechanismen nichts mehr mit Demokratie zu tun haben? Mechanismen, die auf der untersten Ebenen beständiges Leid produzieren und in den Obersten bestandslose Werte verkaufen, die die Selbstentfremdung des Menschen in einem Ausmaß vorangetrieben haben, bishin zu eben jener unkreativen und unbewussten aber dafür berechenbaren und produktiven „Masse“, die jegliches Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt verloren hat. Wird es nicht immer deutlicher, dass die Wirtschaft nur unter Vorbehalt ein geeigneter Motor für die gesellschaftliche Entwicklung ist, will man, dass diese auf demokratischen Werten beruht?

Um den Geschehnissen Rechnung zu tragen, müssen wir uns dringender denn je fragen, ob der gegenwärtige Kapitalismus mit den Idealen der Demokratie vereinbar ist. Vor allem wir, die „Profiteure“ der Strukturen des Systems, müssen uns bewusst machen, dass die Politik offensichtlich nur noch nach einer Doktrin der systemrelevanten Notwendigkeit handelt, ganz egal ob dadurch demokratische Werte oder Menschenrechte verdrängt und verletzt werden.

Da die Wirtschaft die tragende Säule unserer Gesellschaft und unseres Lebens geworden ist, stellt sich mir die Frage, was passiert, wenn diese Säule einzustürzen droht. Was hat mehr Gewicht, die demokratischen Werte, die wir in aller Welt so hoch halten, oder aber unser bestehendes System, dass uns an dem produzierten Mehrwert teilhaben lässt. Für was werden die Menschen kämpfen, wenn beides zu Disposition steht? Ist es in dieser komplexen Wirklichkeit überhaupt möglich, sich für beides gleichermaßen einzusetzen und entlarvt sich die Scheinheiligkeit und der totalitäre sowie chauvinisitische Ansatz des Systems nicht selbst, wenn es den Einzelnen und die Gesellschaft in einen inneren Konflikt entlässt, der sich aus der Notwendigkeit zur Selbsterhaltung bzw. zur Erhaltung sowie Vermehrung des eigenen Wohlstandes und der Wahrung und Schaffung demokratischen Werte ergibt?

Obwohl wir im letzten Jahrhundert das furchtbarste Beispiel einer Folge dieses Konfliktes erlebt haben, hat sich an den Prozessen, die zum Aufkommen des Nationalsozialismus geführt haben, nicht viel geändert. Ich will damit nicht sagen, dass uns eine Entwicklung in dieser Tragweite wieder bevorsteht, jedoch müssen wir uns eingestehen, dass schon jetzt radikal-nationalistische Tendenzen in dem politischen Handeln sehr vieler Staaten zu erkennen sind. Die vorrangigen Impulse denen unser Handeln unterliegt, sind die Wahrung, Stärkung und Befriedigung der eigenen Interessen. Ideale und Werte finden in der Urteilsbildung was Recht und Unrecht ist, keinen bzw. nur noch einen sehr kleinen Platz.

Damit wir nicht eine weitere Radikalisierung der Politik erleben und uns nicht den damit verbundenen sowie unkalkulierbaren politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen aussetzen , müssen wir grundsätzlich darüber diskutieren, wo eine rote Linie zu ziehen ist, hinter der unrechtes Handeln, aufgrund seiner Notwendigkeit nicht mehr legitmiert wird und ob diese nicht schon lange und weit überschritten wurde.

Wer glaubt, dass der global ausgeprägte Kapitalismus gesellschaftlichen Fortschritt erzeugt hat, der irrt sich. Auch wenn es noch nie so vielen Menschen so „gut“ ging wie heute, ging es in absoluten Zahlen noch nie, zu keiner Zeit, so vielen Menschen (von Lebewesen ganz zu schweigen) so schlecht (die vorwiegend psychischen Leiden der Menschen in den Industrieländern eingeschlossen). Vielmehr ist ein gesellschaftlicher Überbau entstanden, der davon profitiert, dass andere die Last ertragen, die dieser erzeugt. Das was wir als Fortschritt betrachten, ist nur ein immer weiter anwachsender Berg voller Möglichkeiten und den daraus resultierenden Verbindlichkeiten Ein Berg, der heute so hoch und die Last so schwer ist, dass wir ihn weder vor noch zurück bewegen können. Jedoch ist das Potenzial einer nur nach oben gerichteten Anhäufung begrenzt. Der Berg wird instabil und bricht irgendwann zusammen. Zumindest das sollten wir aus der Geschichte vergangener Zivilisationen gelernt haben.

Das Ende des Kapitalismus zu verlangen, wäre aber von unserem jetzigen Standpunkt aus und aufgrund der Umstände realitätsfremd. Jedoch müssen wir die Gesellschaft aus den Fängen der Notwendigkeit des wirtschafltichen Systems befreien und die wirtschaftlichen Interessen Aller innerhalb einer demokratischen Grundordnung verankern. Andererseits kommt diesen Interessen eine immer größer werdendes Gewicht zuteil, was im schlimmsten Fall zu einem vollständigen Zusammenbruch der Gesellschaft und oder Krieg führt.

Wir brauchen einen Diskurs, an dessem Ende klar definiert wird, was die Werte sind, auf denen sich unsere Gesellschaft stützen soll und denen sich die Wirtschaft fügen muss. Wo sogar wirtschaftliche Nachteile zugunsten der Einhaltung demokratischer Wertvorstellungen hingenommen werden können.

Ist die Antwort auf die Eingangsfrage, die, dass wir die von mir beschriebene Umstände für die Erhaltung, Verteidigung und Erweiterung unserer Privilegien in Kauf nehmen, so finde ich, sollten wir das Kind wenigstens beim Namen nennen und nicht so tun, als wären wir die Vertreter und Lehrer der Demokratie. Wir sind die Nutznießer einer über Jahrehunderte hinweg in Stein gemeißelten Ungerechtigkeit, die wir um unserer Selbst und der bestehenden Strukturen Willen hinnehmen und legitimieren. Wer viel hat, hat auch viel zu verlieren und dabei gleichzeitig die Möglichkeit sich dagegen zu Wehr zu setzen. Eine Verschärfung dieser Problematik sehen wir in der sich zuspitzenden und auf die Politik übergegangenen, Wirtschafts- und Finanzkrise.

Wollen wir nicht, dass sich die Geschichte wiederholt, sind wir gezwungen unseren Wohlstand zumindest zum Teil zur Disposition zu stellen. Schauen wir aber weiterhin nur zu und handeln der systemischen Notwendigkeiten entsprechend, braucht sich niemand, auch hier in Europa nicht, wundern, finden wir uns auf einmal in Umständen wieder, die nach dem letzten Jahrhundert keiner mehr für möglich gehalten hat.

22:01 14.09.2012
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Geschrieben von

elpres

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