An Türen klopfen

Linkspartei Beinahe wäre sie aus dem Bundestag geflogen. Nun wollen die Genossen ihren Streit beenden. Nur wie?
An Türen klopfen
Janine Wissler legte im Wahlkampf vielversprechende Auftritte hin – ausgezahlt hat sich das noch nicht

Foto: Mike Schmidt/Imago Images

Susanne Hennig-Wellsow hat Geduld. Mit versteinerter Miene steht sie neben dem ZDF-Mikrofon im Festsaal Kreuzberg in Berlin, es ist 18.16 Uhr, seit 16 Minuten zittert ihre Partei um den Einzug in den Bundestag, und es gibt keine Verbindung. Zum ZDF. „Seit zehn Minuten stehen wir jetzt hier“, zischt die Moderatorin in ihr Mikro, neben ihr Hennig-Wellsow: steht. Kein Wimpernzucken.

Eine Stunde zuvor, der Garten der Linken-Wahlparty füllt sich so langsam, sitzt Robert Blättermann am Biergartentisch und scrollt durch seine Nachrichten. „Hier!“, sagt er und zeigt sein Handy, „seht euch das an, diese Euphorie!“ 380 Mitglieder hat die Telegram-Gruppe: Haustürklopferinnen aus dem ganzen Bundesgebiet posten Fotos, erzählen begeistert von Gesprächen.

Eineinhalb Jahre hat Blättermann die Haustürkampagne für die Linke mitorganisiert. 2017 war die Partei an 10.000 Türen. 2021 waren es knapp 180.000: in Köln, Bamberg, Stuttgart, Leipzig, Oranienburg, in Teltow-Fläming. Hennig-Wellsow hat mitgemacht, der Geschäftsführer Jörg Schindler hat auch mitgemacht, er wurde nach einem Gespräch sogar zu einer Hochzeit eingeladen. Die Stimmung war super. Die letzten Wahlumfragen sind es nicht.

Um 18 Uhr stellt sich Blättermann lieber nicht in die erste Reihe. „Ich habe mein Gesicht heute nicht unter Kontrolle“, sagt er. Um 18.01 Uhr fällt ihm tatsächlich alles runter, aus dem Gesicht. Er hält die Hand davor. Die Kameras finden ihn, ganz hinten, Blättermann im Schock.

4,9 Prozent hat die Linke erreicht, nur dank ihrer drei Direktmandate schafft sie es in den Bundestag. Ein Minus von 4,3 Prozent. Beinahe wäre sie rausgeflogen – das war ihrer Vorgängerpartei PDS schon einmal passiert, 2002.

Was ist eine Lifestyle-Linke?

Blättermann geht wieder raus, nimmt sein Smartphone. Freunde schicken ihm einen Screenshot: Blättermanns schockiertes Gesicht in den Nachrichten. Er muss lachen. „Ach, ist ja auch einfach Scheiße!“

„Das meiste haben wir an SPD und Grüne verloren“, raunt es später durch die Grüppchen draußen im Garten, „eine Million Wähler!“ Auf Platz drei der Abwanderung: 370.000 Nichtwähler. Fragt man nach Gründen, bekommt man viele zu hören, aber immer einen zuerst: „Was fast zehn Jahre in dieser Partei schiefgelaufen ist, kann man nicht in wenigen Monaten wiedergutmachen.“ Auf ihre neuen Vorsitzenden lassen sie nichts kommen, Janine Wissler habe als Spitzenkandidatin tolle Auftritte hingelegt. Nein, schuld sei der interne Streit über beinahe jedes politische Thema der vergangenen Jahre. Sahra Wagenknecht wollte eine restriktivere Migrationspolitik, andere forderten offene Grenzen. Katja Kipping wollte mehr Europa, Oskar Lafontaine aus der EU austreten. Jüngere Mitglieder wollten eine radikale Klimapolitik, Wagenknecht beschimpfte sie als Lifestyle-Linke. Untergegangen sei dabei, was alle Lager selbstverständlich einte: der Plan, Hartz IV abzuschaffen, Mindestlohn und Renten zu erhöhen, Mieten zu senken.

Ausgerechnet zu Beginn des Wahlkampfs eskalierte der Streit, als Wagenknecht ihr Buch veröffentlichte – harte Kritik an ihrer Partei. Dann das beantragte Ausschlussverfahren. Schließlich schritt Hennig-Wellsow ein und brachte die Partei bei einem gemeinsamen Auftritt mit den beiden Ausreißern in Weimar wieder zusammen. Ende August. Vier Wochen vor der Wahl.

Zu spät, wie die Wahlkämpferinnen berichten: Die Gespräche seien von dem Streit dominiert gewesen. „Da kommen tatsächlich Lokaljournalisten zu uns an den Infostand und fragen, was eigentlich eine Lifestyle-Linke ist“, seufzt Simon Paun in Köln, genervt von diesen „ewigen Debatten“: „Du kannst ewig über die Leute reden, aber das interessiert die Leute nicht. Jetzt reden wir mit ihnen.“ Der 30-Jährige ist 2018 in die Linke eingetreten, 2021 klopfte er an rund 1.500 Haustüren. Erst musste er sich überwinden, hatte Angst, dass mit der Linken doch sowieso niemand was zu tun haben will. Nun ist er euphorisiert von den Gesprächen, selbst am Montagmittag nach der Wahl. „Da geht es um ganz konkrete Probleme. Thema Nummer eins hier in Köln: die zu hohen Mieten. Nummer zwei: die Klimafrage.“ Darüber habe er mit den Leuten gesprochen, und das habe super funktioniert. Super funktioniert? 6,4 Prozent erreicht die Linke in Köln III, 2017 hatte sie hier noch 12,8 Prozent. „Na ja“, sagt Paun, „häufig war es so: Im Wahlomat wurde den Leuten die Linke ganz oben angezeigt. Aber wählen wollten sie dann trotzdem die Grünen oder die SPD.“ Paun schiebt es auf die Kanzlerfrage, die wählten lieber Annalena Baerbock oder Olaf Scholz, um Armin Laschets CDU zu verhindern.

„Es stimmt, die Kanzlerwahl hat uns den Rest gegeben“, so sieht es auch Tobias Lübbert an der Parteibasis auf der anderen Seite der Republik, Teltow-Fläming, Brandenburg. Auch er wurde wiederholt auf den Streit um das Wagenknecht-Lager angesprochen – von beiden Seiten. „Das hielt sich absolut die Waage: Die sagten mir, bevor ich mit meiner Zweitstimme indirekt Wagenknecht wähle, gehe ich lieber zu den Grünen, und die anderen schimpften: Ich wähle jetzt AfD, weil ihr die Wagenknecht abgeschossen habt. Der eine hat das echt gesagt: abgeschossen!“

„Der Streit muss endlich ein Ende finden“, da sind sich in Berlin-Kreuzberg am Wahlabend alle einig, „wir müssen jetzt endlich den Schuss hören!“ Nur: Wenn auch die Wählerinnenschaft so gespalten ist wie das Spitzenpersonal der Partei, in welche Richtung soll sie den Streit lösen?

„Nach vorne“, sagt Tobias Lübbert und erklärt: „Noch mehr als Sprüche für oder gegen Wagenknecht habe ich das hier zu hören bekommen: ‚Ich habe euch drei, vier, fünf Mal gewählt, und es ist nichts passiert.‘“ Die Ankündigung der Parteispitze, im Bund regierungsbereit zu sein? Habe nicht überzeugen können. Ganz anders sei es beim Landratswahlkampf gelaufen. Seit 2013 hat die Linke Kornelia Wehlan das Amt in Teltow-Fläming inne, und als die Leute sie sahen, hätten sich alle gefreut: „Von 115 Türen wurden 72 geöffnet, und nur eine Reaktion war negativ.“ Die Menschen sprachen mit ihr über den ÖPNV, die medizinische Versorgung. Mehr Busse hat die Landrätin bereits organisieren können. Und das sei gut angekommen. 26,3 Prozent holte Wehlan hier am 26. September.

Bei Lübbert ist kaum Katerstimmung zu spüren an diesem Montag. „Wir müssen den Umbruch in der Partei zuerst auf Kreisebene schaffen, daran arbeiten wir in Brandenburg: jünger und politisch attraktiver werden, verbindlicher. Grüne und FDP sind da schon durch, jetzt sind wir dran.“

18.17 Uhr, Berlin-Kreuzberg, die ZDF-Moderatorin bekommt ihre Verbindung und wendet sich Hennig-Wellsow zu. „Wir haben viele Fehler gemacht, aber wir sind auch bereit, das jetzt gemeinsam zu tragen und unsere Partei neu zu entwickeln“, sagt diese und schafft beinahe ein zuversichtliches Lächeln. „Wo sehen Sie denn diese Fehler?“ – „Wir werden uns damit befassen.“

Später sitzt Hennig-Wellsow auf der Treppe neben der Bühne, ihr Mitarbeiter hat ihr Kartoffelecken, Falafel und Bier gebracht, es ist nach 22 Uhr. „Wir brauchen beide Lager, um stark zu werden“, sagt sie, „denn bei dieser Wahl haben sich beide entschieden, zu gehen: zur SPD für die soziale, zu den Grünen für die Klimafrage.“ Nun aber gehe es darum, Verantwortung zu übernehmen. Überall, auch vor Ort, in den Kommunen, in Initiativen, Nachbarschaften. Im Osten werde die Linke immer älter. Aber es würden auch viele junge Menschen eintreten. Noch nicht genug. „Unsere einzige Chance ist, die Partei von unten neu aufzubauen. Das braucht Ressourcen, das braucht Leute, das braucht Ideen, das braucht Energie. Und das braucht Zeit. Das macht man nicht in einem halben Jahr.“

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06:00 03.10.2021

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