Die Angst hat die Seite gewechselt

Sprache Unsere Autorin bekam als Schülerin noch Punktabzug für das Gendern. Dass jetzt die rein männliche Form bestraft wird, weckt heimliche Freude
Ausgabe 41/2021
Was man nicht vergessen sollte: Auch im Kapitalismus muss sich so mancher die Zahnbürste teilen
Was man nicht vergessen sollte: Auch im Kapitalismus muss sich so mancher die Zahnbürste teilen

Foto: Steinach/IMAGO

Soso, an der Ludwig-Maximilians-Universität München werden Studierende also mit Punktabzug bestraft, wenn sie nicht gendern? Ich wünschte, da würde sich Protest in meinem liberalen Herzen regen! So von wegen: Jede sollte schreiben dürfen, wie sie will. Nur: Da ist kein Protest. Nur Genugtuung. Und das kam so:

Wir schrieben das Jahr 2003, erstes Proseminar, letzter Kurstag, ich packte meine Notizen ein und fragte meine Tischnachbarinnen leise: Wie macht ihr das, gendert ihr? Sie schauten betreten auf den Boden. Hmm. Na ja. Weiß nicht. Würde gerne. Aber ... Ja, sagte ich. Geht mir auch so. Lieber nicht. Nicht, dass wir noch Punktabzug kriegen deshalb. Es war unser erstes Semester an der großen Universität, die richtige, ernsthafte Wissenschaft also. Hier von Soziolog*innen schreiben? Von Sozialhilfe-Empfänger*innen? Von Studienteilnehmer*innen? Lieber nicht. Die Angst saß uns im Nacken. Die Angst aus der Schule.

Damals, 2002, Geschichtsklausur, kurz vor dem Abitur: Der Lehrer hatte angekündigt, dass er vom Gendern nichts halte. Derselbe Lehrer, der seine Ablehnung des Kommunismus mit den Worten erklärte: „Da muss man alles teilen! Auch die Zahnbürste! Wollt ihr etwa eure Zahnbürste teilen?!“ Das generische Maskulinum war für ihn genauso selbstverständlich das einzig richtige System wie der Kapitalismus. Aber ich genderte. Ich glaube, damals noch mit Binnen-I: BäuerInnen. Es gab Punktabzug. Das weiß ich noch genau: 12 Punkte statt 13 Punkte. Eine Zwei statt einer Eins. Ich regte mich bei meiner Freundin auf. Aber ich protestierte nicht. Denn ich wusste, dass sich in meinem Kurs fast alle einig waren: Generisches Maskulinum, da sind alle mitgemeint. In der nächsten Geschichtsklausur genderte ich nicht mehr.

Zurück zum Jahr 2003, erste Proseminararbeit: Auch hier genderten wir nicht. Erst als wir feministische Studierende aus den höheren Semestern kennenlernten, wagten wir es. Es gab Diskussionen. Auch Punktabzüge, bei einigen Dozierenden. Es gab Streit. Nach und nach setzte sich das Gendern durch, über die Jahre. Zumindest an manchen Universitäten. Wenn ich jetzt lese, dass manche Dozierende das generische Maskulinum in ihren Kursen mit Punktabzug bestrafen – ja, dann wünschte ich, ich könnte sagen: Nein, man sollte das Gendern nicht erzwingen! Aber mein 18-jähriges, mit Punktabzug bestraftes Ich klatscht dafür gerade einfach zu laut in die Hände, es hüpft, applaudiert und ruft: Ha! Endlich! Die Angst hat die Seite gewechselt.

Will jetzt noch jemand meine Zahnbürste mit mir teilen?

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Geschrieben von

Elsa Koester

Stellvertretende Chefredakteurin, verantwortlich für Online

Elsa Koester wuchs als Tochter einer Pied-Noir-Französin aus Tunesien und eines friesischen Deutschen in Wilhelmshaven auf. In Berlin studierte sie Neuere deutsche Literatur, Soziologie und Politikwissenschaft. Nach einigen Jahren als selbstständige Social-Media-Redakteurin absolvierte sie ihr Volontariat bei der Tageszeitung neues deutschland. Seit 2018 ist sie Redakteurin für Politik beim Freitag. Zudem ist sie als Schriftstellerin tätig: Ihr Romandebüt „Couscous mit Zimt“ erschien 2020, der zweite Roman „Im Land der Wölfe“ erscheint im August 2024. Nachdem sie ab 2020 für Wochenthema und Titelseite des Freitag zuständig war, ist sie seit Mai 2024 stellvertretende Chefredakteurin und verantwortlich für die Online-Ausgabe.

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