„Afrika braucht die Impfstoffe“

Corona In Deutschland verfallen Biontech, Moderna und Co, im globalen Süden fehlen sie. Anne Jung von Medico drängt im Interview auf die Freigabe der Patente. Doch die FDP stellt sich dagegen
„Afrika braucht die Impfstoffe“
In Ländern wie Kenia spielt auch das junge Alter der Bevölkerung eine Rolle

Foto: Tony Karumba/AFP/Getty Images

Die Meldung aus Kenia platzt in die hiesige Debatte über eine Impfpflicht: Corona sei dort beinahe besiegt, die Durchseuchung liege bei fast 70 Prozent, die Sterblichkeit aber liege unter der von Europa, fast ohne Impfung. Geht es also auch so? Medico International arbeitet seit 40 Jahren zu globaler Gesundheit – Referentin Anne Jung muss mit einigen Mythen aufräumen.

der Freitag: Frau Jung, in Kenia scheint die Coronalage gerade entschärft – trifft die Pandemie also doch nicht die Ärmsten?

Anne Jung: „Afrika wird untergehen“, dieser Mythos war zu Anfang der Pandemie stark – nun entwickelten sich neue Mythen: „Afrika will den Impfstoff gar nicht“, „Afrika ist immun“, ...

Gehen wir sie nacheinander durch. Ist Kenia jetzt immun?

Die Fallzahlen dort sind gerade sehr niedrig. Ob das an der Durchseuchung liegt, lässt sich noch nicht final sagen. Das junge Alter der Bevölkerung spielt ebenso eine Rolle. Es gibt jedoch keineswegs Entwarnung. Was wir seit Beginn der Pandemie beobachten, ist eher eine Verschiebung der Gesundheitskrise: In den reicheren Ländern sterben die Menschen an Corona, in ärmeren Ländern an Hunger und anderen Krankheiten.

Inwiefern bedingt Corona andere Krankheiten?

In Kenia wird etwa Tuberkulose – eine der Massenkrankheiten der Armen – nicht mehr ausreichend behandelt. Gelder werden umgewidmet und viele scheuen aus Angst vor einer Ansteckung die weiten Wege in die Krankenhäuser. Eine abgebrochene Tuberkulosebehandlung ist sehr gefährlich, weil sich hierdurch Antibiotika-Resistenzen bilden können.

Welche Rolle spielen hier Lockdown-Maßnahmen?

Die harte Ausgangssperre wurde in vielen afrikanischen Ländern zu einer Zeit verhängt, als in Deutschland noch Karneval gefeiert wurde. Die Leute mussten aber von den Rändern ins Zentrum kommen, um Handel zu betreiben, der ihr Überleben sichert. Als der Busverkehr eingestellt wurde, hingen die Menschen fest und wurden oft verprügelt oder verhaftet. Bis heute wird der Vorwurf eines Verstoßes gegen Coronamaßnahmen zur politischen Repression genutzt.

Das sind die politischen Folgen. Was ist mit der Wirtschaft?

In den Textilfabriken von Bangladesch hat sich mit der Pandemie das Armutsvirus ausgebreitet – weil in Europa H&M zugemacht hat. In Kenia arbeiten 60 Prozent der Bevölkerung im informellen Sektor, etwa im Straßenhandel. Durch den Lockdown ist dieser zusammengebrochen. Armut führt zu Mangel- und Unterernährung, das schwächt das Immunsystem, Krankheiten nehmen zu. Weltweit waren 2020 bis zu 800 Millionen Menschen unterernährt, ein Zuwachs von fast 150 Millionen zu der Zeit vor Corona.

Was Kritiker der Coronapolitik befürchten – dass deren Folgen schlimmer werden könnten als die Folgen des Virus selbst – trifft auf den globalen Süden also zu?

Das kann man nicht generalisieren. Brasilien etwa gehört, zusammen mit den USA, weltweit zu den Ländern mit den meisten Corona-Toten. Beide wurden von Politikern regiert, die die Auswirkungen des Virus leugnen – und die Anerkennung der Gefahr zur Opposition ihrer Politik deklarierten. Ähnliches gilt für die Klimakrise: In Brasilien herrscht eine Jahrhundertdürre. Flüsse trocknen aus.

Zur Person

Foto: Presse

Anne Jung ist Referentin für globale Gesundheit bei der Hilfsorganisation medico international. Zusammen mit Partnerorganisationen im globalen Süden leistet die NGO Nothilfe und unterstützt langfristig Projekte in der Gesundheitsversorgung

So viel zu dem Mythos „Der Süden wird an Corona untergehen“ – es ist also komplizierter. Was ist dran am Mythos „Afrika will den Impfstoff gar nicht“?

Anders als hierzulande hat die Impfskepsis dort eine historische Basis. In den 1980er-Jahren gab es massive Pharmaversuche an „kolonialen Körpern“. Noch 1996 starben in Nigeria Kinder an einem nicht zugelassenen Antibiotikum von Pfizer. Zuletzt hatte 2020 ein französischer Chefarzt im Fernsehen empfohlen, man könnte die Coronaimpfung ja zunächst in Afrika testen. Das löste international Empörung aus – und vergrößerte die Impfskepsis.

Will „Afrika“ den Impfstoff also tatsächlich nicht?

Doch. Ein Großteil der Bevölkerung und die meisten Staaten im globalen Süden wollen den Impfstoff – und bekommen ihn nicht. Die Impfquote in den 30 ärmsten Ländern liegt bei 0,7 Prozent.

Der Virologe Christian Drosten sagte jüngst, aus ethischer Perspektive sei es geboten, den globalen Süden mit Impfstoffen zu versorgen – bevor im Norden alle eine dritte Impfung erhalten.

Dass wir überhaupt in die Situation gekommen sind, diese ethisch schwierige Debatte aufzumachen, bedeutet politisches Scheitern. Die Impfstoffknappheit ist die Folge politischen Handelns. Die Weltgesundheitsorganisation verwies schon zu Beginn der Pandemie auf ihre gute Erfahrung mit einem offenen Pool für Medikamente aus der HIV-Krise.

Der Medicines Patent Pool wurde 2010 gegründet, um Preise von HIV-, Tuberkolose- und Hepatitis- C-Medikamenten zu senken.

Er war das Ergebnis eines langen Kampfes, während dessen weltweit Hunderttausende Menschen aufgrund der hohen Preise starben. Der Pool senkte die Preise um 90 Prozent, eine flächendeckende Versorgung mit HIV-Medikamenten wurde möglich. Über 100 Länder des globalen Südens fordern dies seit 2020 für Covid-Impfstoffe.

Die Industrienationen blockierten das.

Die Initiative scheiterte, Indien und Südafrika wendeten sich an die Welthandelsorganisation. Mehr als 100 Länder des globalen Südens, die USA und Australien unterstützen das – aber Deutschland blockiert die Aussetzung der Patente weiterhin, mit dem Argument, sie würde nichts bringen.

Der Mythos „Afrika kann Impfstoffe gar nicht produzieren“.

Dieser Mythos ist falsch und rassistisch. Die Möglichkeit, Impfstoffe zu produzieren, gibt es in vielen Ländern: Südafrika, Uganda oder Bangladesch. In Indien wurden schon vor Corona unsere Impfstoffe hergestellt. Diese Länder brauchen einen Technologietransfer und die Aussetzung der Patente. Dann könnten sie produzieren.

Und wir müssten nicht darüber diskutieren, ob die Booster-Impfung moralisch vertretbar ist.

Wir werden gegeneinander ausgespielt, weil die Politik Wirtschaftsinteressen schützt. Hierzulande verfallen Impfdosen, weil die Pharmaunternehmen den Export untersagen! Die globale Impfung würde das Risiko gefährlicher Mutationen verringern – und dass Gesundheitsarbeitende weltweit geimpft werden müssten, ist wohl selbstverständlich. Wir sehen, wie die nationale Begrenztheit von Politik einer global funktionierenden Gesellschaft nicht gerecht wird.

Dabei gab es am Anfang der Pandemie doch eine Art Frühling der globalen Gesundheit, oder?

Ja! 40 Jahre lang galt die Freigabe von Patenten auf essenzielle Arzneimittel als fachwissenschaftliche Debatte – und plötzlich interessierten sich alle dafür! Ich hatte gehofft, dass diese Aufmerksamkeit zu einer Infragestellung kapitalistischer Verwertung von Gesundheit führt, die ein öffentliches Gut sein sollte. Stattdessen wird die Verlängerung der Pandemie mit Millionen Toten billigend in Kauf genommen, um den Kapitalismus unangetastet zu lassen.

Die Grünen haben im Mai die Freigabe der Impfpatente bis zum Ende der Pandemie gefordert. Vielleicht tut sich noch was?

Ich hoffe, der öffentliche Druck wächst, damit sich diese Position auch durchsetzen lässt. Die FDP jedoch ist explizit gegen die Patentfreigabe – und fühlt sich nun bestätigt von Meldungen über die großen Steuereinnahmen an den Biontech-Standorten. In der SPD gibt es Gesundheitsfachleute, die für eine Patentfreigabe sind, schon lange vor Corona.

Vom Ampel-Verhandlungstisch wehte jüngst die Frage herüber, ob das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit abgeschafft werden soll.

Wir hoffen, dass die Ampel-Parteien schnell wieder von dieser Idee Abstand nehmen – die Pandemie zeigt doch, wie dringend Ansätze eines globalen politischen Blicks gestärkt werden müssen. Schon der Wahlkampf zeigte, dass eine Vorstellung von Weltpolitik – jenseits von Handlungsinteressen und Flüchtlingsabwehr – leider kaum mehr existiert.

Auch komisch für eine Gesellschaft, die sich mit der Klimakrise beschäftigt, oder?

In Krisenzeiten gibt es immer eine Doppelbewegung: Einerseits wächst das Empfinden für die globalen Ausmaße der Krise. Gleichzeitig macht gerade dieses Ausmaß Angst, und mit der Angst wächst das Bedürfnis nach Abschottung und Schutz des „Inneren“. Und dann heißt es, in Zeiten der Krise könne man niemanden die globale Verantwortung zumuten. Was wir jedoch auch sehen: Die Spenden und damit die Solidarität mit dem globalen Süden wachsen. In der Bevölkerung ist der globale Blick nicht verloren.

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06:00 24.11.2021

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