Die Show läuft hinter dem Vorhang

Herrenwitz Während Christian Lindner sich selbst entlarvt, erzählt ein anderer, linker Parteitag vom sexistischen Alltag, der in Parteien jenseits der großen Bühnen vonstattengeht

Sein blonder Dreitagebart funkelt im Scheinwerferlicht, jedes einzelne geschmeidig-glänzende Haar ist tagesschausicher auf seinem Haupt angeordnet: Wenn Christian Lindner auf der Bühne des FDP-Bundesparteitags einen Altherrenwitz macht und sagt, er habe im letzten Jahr mit Linda Teuteberg „300-mal den Tag zusammen begonnen“, dann tut er das vor der Öffentlichkeit. Einerseits ist das besonders schlimm, weil dann auch Linda Teuteberg vor der Öffentlichkeit erniedrigt wird. Andererseits kann dadurch aber die Bundesöffentlichkeit mit Empörung auf diesen Sexismus reagieren. Anders als auf den sexistischen Alltag, der in Parteien jenseits der großen Bühnen vonstattengeht. Und wie der aussieht, das konnte man am Wochenende bei einem anderen Parteitag erfahren: dem der Thüringer Linken.

In der Turnhalle in Sömmerda nahe Erfurt fanden gleich zwei Premieren statt. Die eine im Scheinwerferlicht, die andere nicht. Vor den Fotoapparaten zeigten sich erstmals die beiden Kandidatinnen für den Bundesvorsitz Seite an Seite: die Vorsitzende der hessischen Linksfraktion Janine Wissler und die Thüringer Partei- und Fraktionsvorsitzende Susanne Hennig-Wellsow. Die Presse konnte es nicht abwarten: „Wann kommt die Wissler?“, schallte es auf den Gängen, und dann wurden die beiden Frauen auch schon von Kameras umringt. Weibliche Doppelspitze. Wahnsinn. „Sehen schon gut aus zusammen!“

Die Premiere jenseits der Kameras war für die Entwicklung der Linkspartei womöglich noch prägender. Zum ersten Mal fand auf dem Landesparteitag ein Frauenplenum statt: 45 Minuten wurden die männlichen Delegierten und die Presse ausgeschlossen, nur die Frauen berieten unter sich. Weitere 30 Minuten dauerte das Frauenplenum unter Anwesenheit der Männer an – zur „Sensibilisierung“, wie es im Programm hieß. Auf der Bühne vorne berichteten Frauen von ihren Erfahrungen mit Sexismus in der Partei. Auf der Pressebühne an der Seite lachten die Journalisten über das Format. Nicht lange.

Eine junge Frau stellt sich an das Rednerinnenpult und berichtet von ihrem ersten Parteitag in einem anderen Landesverband. „Noch recht neu in der Partei suchte ich unter mir völlig fremden Genoss*innen ratlos eine Mitfahrgelegenheit zur Unterkunft“, erzählt sie. „Du wiegst doch höchstens 45 Kilogramm, dich kann ich auch ins Hotel werfen“, habe ihr der Hauptamtliche damals gesagt, „klimper einfach ein bisschen mit deinen Augen, dann wird dich der Genosse aus deinem Kreisverband schon mitnehmen.“ Die Stimme der Frau wird zittrig, sie redet trotzdem weiter: „Wenn dich keiner mitnehmen kann, musst du halt mit zu mir kommen.“ Die Frau weint. Und redet weiter. Zeigt auf einen Parteigenossen. „Und dass der hier die ganze Zeit sexistische Sprüche klopft, weiß auch jeder, aber niemand tut etwas.“ Sie setzt sich hin. Vorne, auf die Bühne. Weinend. Die Journalisten sind jetzt still.

Die Linke ist mit 36,4 Prozent Frauen die zweitweiblichste Partei, nach den Grünen mit 41 Prozent. In der CDU machen Frauen nur noch 26,5 Prozent aus, in der FDP 21,6 Prozent und in der AfD 17,8 Prozent. Es sollte klar sein, dass die in Thüringen vorgetragenen Geschichten keine besonderen waren – doch sie sind es jetzt, weil sie erzählt wurden. Denn in Berlin hat sich Lindner selbst entlarvt. In Sömmerda waren es die Frauen, die sich befreit haben.

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