Die Stadt ist grün und blau

Görlitz Klima, Strukturwandel, Migration: Im äußersten Osten verdichten sich die Konflikte der Gegenwart. Ein Jahr am Rande Sachsens
Die Stadt ist grün und blau
Die einen dienen Gott, die anderen der Polizei: Görlitz, Stadt der Türme

Foto: Charlotte Sattler für der Freitag

Drrrr, macht der Turm. Durch sechs schwarze Kameras blickt er sich um, auf der Görlitzer Altstadtbrücke, der Kameraturm blickt nach Polen rüber, nach Norden und Süden die Neiße entlang, Videoüberwachung, draußen nehmen die Kameras alle Farben auf, blau, grün, rot, drin: schwarz, ich stelle mich direkt vor ihn, na komm schon, Turm, nichts, nicht einmal mein Gesicht spiegelt er zurück, drrr, die Passanten gucken mich an, wie ich den Turm angucke, der mich anguckt, ich strecke ihm die Zunge raus, rot, 96 Stunden lang wird meine Zunge gespeichert, dann gelöscht, es sei denn, meine Zunge baut in dieser Zeit irgendeinen Mist. Die Glocken in der Altstadt schlagen sieben vor vier. Ich muss los. Ich rede gleich mit Norman Knauthe. Ich rede nicht mit Rechten. Vor Görlitz dachte ich das. Aber gleich rede ich mit Norman Knauthe, und Norman Knauthe ist bei der AfD Görlitz. Drrr, macht der Turm. Ach, halt die Klappe.

Drei Monate zuvor gibt es keinen Kameraturm auf der Altstadtbrücke – das heißt, es gibt ihn schon, aber nur Form von Wahlkampf-Sicherheitsgeflüster. Wahlkampf ist im Görlitz des Jahres 2019 der Normalzustand: Im Mai wird hier nicht nur das Europaparlament gewählt, sondern auch der Stadtrat und der neue Oberbürgermeister. Im Juni geht es bei der Bürgermeisterwahl in die zweite Runde. Und am 1. September steht die sächsische Landtagswahl an. Anstelle des Kameraturms prangt im Mai auf der Brücke also ein gigantisches Bild von Franziska Schubert, drüben von der alten Dreiradenmühle in Polen strahlt die grüne Oberbürgermeisterkandidatin herüber. Und während sie dort strahlt, sitzt sie, natürlich in Normalgröße, in einem Restaurant am Obermarkt, von der Altstadtbrücke die Neißestraße hoch, „Wahnsinn!“, schwärmt Franziska Schubert, „erst verdoppelt sich unser grüner Kreisverband, dann dieses tolle Transparent, und dann kommt der Robert Habeck her, Wahnsinn!“, sie lehnt ihren Kopf an die Schulter der Frau neben ihr, es ist Annett Jagiela, ihre Wahlkampfmanagerin, „das ist nicht meine Mitarbeiterin, das ist meine beste Freundin!“, die Augen der beiden Grünen sind weit aufgerissen, sind auf einem Trip, einem grünen Trip.

Natürlich sind sie das. Die Grünen stehen vor der Europawahl laut Umfragen bei 18 Prozent, angehende Volkspartei. Munkelt man. Und sogar in Görlitz – im Osten! – haben sie es geschafft, als Gegner einer erstarkten AfD ernstgenommen zu werden. Das zieht Journalistinnen aus der ganzen Republik an, denn mal ehrlich, wo sieht man die Spaltung der Gesellschaft so deutlich vor sich? Grün gegen Blau! Franziska Schubert gegen Sebastian Wippel! Kosmopolitin gegen Autoritären! Perfekte Kulisse für den großen Showdown.

Franziska Schubert und Annett Jagiela kommen gerade von einer Veranstaltung zur Klimaanpassung in Görlitz, der Plan: Für mehr CO2-Bindung Bäume pflanzen; gegen den Hitzesommer Wasserflächen anlegen; zur Förderung nachhaltiger Landwirtschaft in der Region EU-Gelder ergattern. Die Landtagsabgeordnete weiß, wovon sie spricht, und die Leute hören ihr zu, „weil sie so eine Grüne nicht gewöhnt sind“, sagt Schubert, und zählt ihre Besonderheiten auf, drei Finger werden es: „Finanzexpertin. Fleischerstochter. Katholikin.“ Hinter der Kandidatin stehen nicht nur die Grünen, sondern ein breites Bündnis, zu dem auch SPD und zwei Wahlvereinigungen gehören.

Zum Beispiel Bürger für Görlitz. Die Liste haben junge Leute gegründet, die in der Stadt etwas bewegen wollen. Wie Danilo Kuscher. Er steht vor dem Kühlhaus, unten in Görlitz Weinhübel, grün ist es hier im Mai, unverschämt grün. Kuscher hält in der Hand ein Käsebrot, „sorry, ich bin nicht zum Frühstücken gekommen“, zwischen den Gebäuden auf dem Industriegelände sprießen die Halme, Marienkäfer, Rasenmäher, drrr. In den Werkstätten sollen Kreativarbeiter ihre Stände bauen, für Messen etwa. In die Ateliers sollen Künstler einziehen, oben schlafen, unten Kunst. Auf der Wiese sollen Touristen ihre Zelte aufbauen. „Und im Pavillon“, Kuscher stakst durch das Gras mit seinen meterlangen Beinen, „im Pavillon sollen sie sich alle treffen, die Camper, die Kreativen, die Künstler, hier sollen sie sitzen, grillen, ins Gespräch kommen, es soll etwas Neues entstehen aus dieser Begegnung.“ Biss am Käsebrot. Wie es da hängt, das Sofa, über dem hölzernen Boden schwebend. Man mag sich setzen. Kuscher kann sein Handwerk, gelernter Schweißer, Zugwaggons hat er gebaut, Bombardier übernahm ihn nach der Ausbildung aber nicht, niemanden aus seinem Jahrgang. Er wurde Elektriker, versuchte andere Jobs und fand dann auf der Suche nach einer Techno-Location dies hier: das riesige, leer stehende Kühlhaus, 1954 in der DDR gebaut, 1993 in der BRD stillgelegt, voller Schutt, dreckig, Fenster kaputt, alles kaputt. Jetzt nicht mehr. Jetzt gibt es ein Fotolabor, eine Siebdruckwerkstatt, einen BMX-Raum. Der alte Maschinenraum wird nun mit Techno gefüllt. Und die Gurte, die einmal Butterstapel zusammenhielten: an denen baumelt jetzt das Begegnungs-Sofa.

Frühjahr 2019, Görlitz blüht. Nach der Wende verlor die Stadt innerhalb weniger Jahre ein Viertel der einst 80.000 Einwohner, doch 2008 zogen erstmals mehr Menschen in die Stadt, als weggingen. Seither wird um jede Bewohnerin gekämpft. Startups wurden gegründet, ein Co-Workingspace in der Innenstadt und das vegane Café Herzstück entstand, in dem Nancy Scholz den leckersten glutenfreien Kuchen der Republik bäckt, mit Goldstaub verziert, manchmal auch mit Einhörnern. „Die haben mir alle abgeraten“, erzählt Scholz, „vor der Gründung, da war ich 24 Jahre alt. Ein veganes Café in Görlitz? Dafür gebe es keine Kundschaft, sagten die Beratungsstellen, in einem Jahr wäre ich pleite, spätestens.“ Das war vor sechs Jahren. Heute ist Nancy Scholz 30, hat zehn Mitarbeiter und macht die Prüfung zur Ausbilderin. Eine neue Günderzeit. Will man munkeln.

„Hier regiert die AfD!“

Wäre da nicht diese AfD. Nicht, dass deren Oberbürgermeisterkandidat etwas gegen Projekte wie das Kühlhaus hätte, im Gegenteil. „Da haben Leute aus dem Nichts heraus, ohne Förderung, richtig was geschaffen. Auch für die Stadt“, das hat Sebastian Wippel gesagt, im Wahlkampf, auf Youtube. „Auch wenn diese Leute vielleicht nicht unbedingt meine Fans sind: Ich finde das Kühlhaus ein klasse Projekt.“ Wenn Sebastian Wippel so etwas findet, dann passiert etwas in Danilo Kuschers Gesicht. Dann ziehen sich zwei Furchen durch seine Wangen, von oben nach unten, blaue Furchen. Wippel, sagt die Sächsische Zeitung, könnte laut Umfrage 28 Prozent bekommen. „Wenn Görlitz blau regiert wird“, Kuscher weist mit seinem Arm auf sein Werk, „erzähl mir mal: Welcher Künstler kommt denn zur Inspiration in eine blaue Stadt?“

Danilo Kuscher kann sein Handwerk. Angst hat er nur vor einer blau regierten Stadt

Foto: Charlotte Sattler für der Freitag

Es ist also der 23. Mai, drei Tage vor der Europawahl, drei Tage vor der Görlitzer Bürgermeisterwahl, und am Abend strömt Danilo Kuschers schlimmster Alptraum die Straßen entlang, plaudernd, lachend ziehen sie am ersten sonnendurchfluteten Abend zur Kulturbrauerei. Die Bundes-AfD lädt zum Wahlkampfabschluss, denn wenn es schon eine Stadt gibt, in der ein blauer Kandidat Bürgermeister werden könnte, feiert man hier, und so kommt Europa-Spitzenkandidat Jörg Meuthen nach Görlitz. Gastgeber Wippel spricht zuerst, Sauberkeit und Ordnung, sagt der Polizist, Applaus. Industrie, Wissenschaft, Tourismus, sagt er: keine Reaktion. „Jedenfalls nicht wie Düsseldorf oder Frankfurt am Main“, versucht Wippel es wieder, Volltreffer, der Saal dröhnt, „Franziska Schubert und ihr grüner Stuhlkreis“, prust, „die Journalistinnen aus Berlin Kreuzberg“, uahaha, einige Männer drehen sich um, „pfui!“, „linke Trullas“ wird am Abend noch gesagt, und „Klimareligiöse“, dann: „kulturelle Vielfalt“, „Widerstand!“, ruft ein Mann im roten Pulli, „Hier regiert die AfD!“, dröhnt der Saal los, blitzende Augen, verschränkte Arme, der Mann dreht sich um, wieder, und dann wieder, Muskeln treten hervor, dicke Arme jetzt: „Zeit, dass du gehst“. Ich gehe.

In Wahrheit ist der Käfer bunt. Nancy Scholz sieht die Welt nicht schwarz-weiß

Foto: Charlotte Sattler für der Freitag

Dann ziehen sie wieder von dannen, die 400 AfD-Fans ziehen sich zurück in ihre Stadtteile, in der Innenstadt wohnt kaum ein Blauer, und so merkt dort auch niemand, dass sie überhaupt da waren, Nancy Scholz nicht und Franziska Schubert nicht und Annett Jagiela auch nicht. Nur: dann merken sie es doch. Nämlich am 26. Mai, als es blau wird im grünen Café Kugel, alle starren sie an die Wand, das Bündnis um Franziska Schubert, denn auf der Wand ist Görlitz himmelblau. „Uaargh“, macht es aus Danilo Kuschers Hals. 32,4 Prozent hat die AfD bei den Europawahlen in Görlitz bekommen. Und in der ersten Runde der OB-Wahl? Bekommt Sebastian Wippel 36,4 Prozent. Franziska Schubert 27,9 Prozent. „Daran ist nur die CDU schuld“, murmelt Wahlkampfmanagerin Annett Jagiela, die „verdammte CDU“ hat sich dagegen gesperrt, Franziska Schubert im Wahlbündnis zu unterstützen, Octavian Ursu von der „verdammten CDU“ hat allerdings ganze 30,3 Prozent bekommen. Danilo Kuscher hält sich die Wangen. „Bei meinen Eltern auf dem Dorf“, sagt er, „da wählen sie alle AfD, das weiß ich. Aber wer wählt die denn hier in der Stadt?“

Vom Bürger zum Politikum

„Ich kenne einen“, sagt eine im Hof des Café Kugel, es ist Mandy Kriese, „Kriese mit ie, der Name ist aber nicht Programm“, Mandy Kriese ist beim BUND und hat zum ersten Mal für Franziska Schubert Wahlkampf gemacht, „weil man sich jetzt doch einfach engagieren muss“, und sie kennt da einen, „der Vater von der besten Kita-Freundin meiner Tochter, der ist bei der AfD, und der ist auch im Bogenschießen-Verein, in den mein Sohn jetzt will, zweimal Norman Knauthe in meinem Leben, und wie soll ich jetzt mit dem reden?“

Drrr, macht der Turm auf der Altstadtbrücke also drei Monate später, am 1. September. Inzwischen ist der CDU-Mann Octavian Ursu mit den Stimmen von allen, die eine blau regierte Stadt verhindern wollten, zum Oberbürgermeister gewählt worden – auch von Grünen und Linken. Als erste Amtshandlung begrüßte Ursu die Installation des Kameraturms auf der Altstadtbrücke: „Ich bin überzeugt davon, dass wir die organisierte Kriminalität nur mit enger grenzüberschreitender Kooperation und mit modernster Technik bekämpfen können.“ Unter dem Turm die Neiße schleppt sich bei 35 Grad müde und schlammig zwischen Deutschland und Polen entlang, und die Görlitzer sind zum dritten Mal in diesem Jahr zur Wahl aufgerufen: Nach der Europa-, Stadtrats- und zwei Runden Oberbürgermeisterwahl geht es nun um den sächsischen Landtag. Drrrr, macht der Turm, schlappes Grün fängt er an den Ufern der Neiße ein, die Bäume lassen ihre Blätter hängen, saftgrün nur noch die Palmen oben auf dem Marienplatz, „ich werde die Braunkohle verteidigen bis zur letzten Schippe“, hat hier gestern Sebastian Wippel unter den Palmwedeln verkündet, wieder Wahlkampf, diesmal: als Direktkandidat für den sächsischen Landtag, diesmal: nicht in der Kulturbrauerei, sondern auf dem zentralen Platz von Görlitz.

Nun aber ist der Marienplatz leer, leer und glühend, durch die Einkaufsstraße weht ein heißer Wind, und im Café Zentral treffen sich Grün und Blau, also: Mandy Kriese und Norman Knauthe. Letzterer ist gerade zum Politikum geworden, auf der konstituierenden Sitzung des Görlitzer Stadtrats wurde der Justizvollzugsbeamte als sachkundiger Bürger in den Ausschuss für Umwelt und Ordnung gewählt. Nun ist Knauthe nicht nur Mandy Krieses Sorge – nun hat Mirko Schultze, Landtagsabgeordneter der Linken, ein Foto getwittert. Es ist Norman Knauthes Foto von seiner Pistole, „Home defense low level“, mit dem Kommentar hatte Knauthe es auf Facebook gepostet, 2017. 2019 interessiert es die sächsische Politik: Ein Waffennarr wird in den Görlitzer Stadtrats-Ausschuss gewählt, wohl auch mit Stimmen der CDU. Wieder: Journalisten in Görlitz, Story diesmal nicht: Grün gegen Blau!, Story diesmal: Schwarz-blaue Zusammenarbeit in Sachsen!

Stehen. Atmen. Abdrücken

Wir reden also*. Der Rechte, die Grüne und die Journalistin aus Berlin Kreuzberg, wir reden über das Sportschießen, er könne dabei abschalten, sagt Knauthe, „eine Übung für Körper und Geist: Stehenbleiben. Atmen. Abdrücken“, „Fakt ist“, sagt er, „wenn ich zuhause bin mit meiner Tochter und da stehen drei Typen im Haus und bedrohen uns, habe ich das gesetzlich verbriefte Recht, mich angemessen zu verteidigen.“ Wir reden über seine Arbeit als Justizvollzugsbeamter im Görlitzer Gefängnis, über Gefangene aus Syrien, die sich selbst verletzen. Wir reden darüber, wie sie sich kennengelernt haben, auf der Bürgerratsversammlung für das Zuckerfest 2018, sie dafür, er dagegen, Flyer wurden verteilt, auch von Sebastian Wippel: „Syrien vermisst euch.“ Wir reden und reden zwei Stunden lang, wir werden empört und laut und genervt und leise, wir wollen nicht über Migration reden und reden doch über Migration, dann noch einmal, und dann noch einmal, und erst später wird uns auffallen: über die Klimakrise reden wir gar nicht. Es gibt Apfelschorle und Latte Macchiato.

18 Uhr. Mandy Kriese fährt ins Café Kugel, grüne Wahlparty. Wir sind alleine. Und es passiert etwas. Ich frage Knauthe nach seinen Sympathien für die rechtsextremen Identitären. „Ich habe T-Shirts von Phalanx Europa. Zum Beispiel Reconquista...“, sagt er, und da, seine Augen. Rache. Lust. „Ach die findest du geil, hä? Wie deine Augen sprühen, krass, das findest du richtig geil, Europa zurückerobern...“ – „Na und?“ Ich könnte ihm ins Gesicht spucken. Ich könnte ihm die verdammte Apfelschorle über den Kopf schütten. Ich könnte ihn als scheiß Faschisten beschimpfen. Nichts davon mache ich. Ich schaue ihm in die Augen. Und sage: „Das macht mir Angst.“ 27,5 Prozent holt die AfD in Sachsen. 37,9 Prozent holt sie in Görlitz.

Drrr, macht die Küchenuhr, der Sekundenzeiger tickt nicht, drrr bewegt er sich auf die zwölf zu, mein Kopf auf dem Tisch, noch immer Wahlabend, das Radio läuft, die Sprecherin erzählt von Waldbränden und Borkenkäfern, drrr, ja, so fühlt es sich an, Borkenkäfer krabbeln unter die Haut, den Nacken hoch, mein Kopf kann nicht mehr, Franziska Schuberts Kopf konnte auch nicht mehr, leer war das Café Kugel diesmal, enttäuschte Grüne, zweistellig wollten sie in Sachsen, nur 8,6 Prozent bekommen sie, an der Wand wieder Görlitz, schwarz-blau diesmal, Michael Kretschmer hat seinen Wahlkreis gegen Wippel verteidigt, wohl auch mit Stimmen der Grünen, taktische Wahl, Franziska Schubert holte nur 7,2 Prozent der Erststimmen, vorbei der grüne Trip, „ist okay“, sagt sie, „ist ja einer der blauesten Wahlkreise hier“, ich notiere das. „Grüner Weg durch schwarzes Land ist lang“, ich notiere das, „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“, ich notiere das. „Sie sehen aber auch müde aus.“ Ich blicke hoch. „Norman Knauthe“, sage ich, „Stehenbleiben. Atmen. Abdrücken“, sage ich, „Fakt ist eins“, und: „das gesetzlich verbriefte Recht, mich zu verteidigen.“ Da kann Franziska Schubert nicht mehr, „hat der denn keine Alarmanlage?“, sie legt ihre Stirn auf den Tisch, „Spiegelneurose“, sagt sie, „man nimmt als Gegenüber all die negativen Gefühle in sich auf. Den Hass. Die Angst“. Dann: Franziska Schubert draußen vorm Café, fast alle gegangen, Annett Jagiela noch da, Wahlkampfmanagerin, beste Freundin, Schubert lehnt an der Mauer, Jagiela legt ihr die Hand auf die Schulter, Schubert zieht weg, „jetzt nicht anfassen“.

Drrr, nicht anfassen, kribbelt es unter meiner Haut, 37,9 Prozent, denke ich, blau, Kopf auf dem Küchentisch, diese Reportage entgleitet mir, denke ich, was, wenn Berlin gar nicht das Zentrum ist und Görlitz die Peripherie? Was, wenn es sich genau andersherum verhält? Draußen die Uhr des Mönchturms schlägt sieben vor zwölf.

Sieben vor zwölf. Jede Görlitzerin kennt diese Geschichte, die Geschichte von den Glocken im Mönchsturm. Es war 1527, Görlitz lag nicht am Rand Sachsens, sondern war das böhmische Tor zu Schlesien, blühender Tuchhandel, aber gespaltene Stadt, damals schon, die lutherischen Tuchmacher planten den Aufstand gegen den katholischen Stadtrat. Im Hof einer kleinen Gasse versammelten sie sich, um Mitternacht wollten sie den Rat überfallen. Sie wurden jedoch verraten, und der Stadtrat ließ die Turmuhr sieben Minuten früher schlagen, um die Tuchmacher bewaffnet hinauszulocken und von der Nachtwache erwischen zu lassen. Sie wurden hingerichtet. Die kleine Gasse heißt seitdem „Verrätergasse“, die Glocke des Mönchturms schlägt seither um sieben Minuten vor.

1527 scheiterte in der Verrätergasse ein Aufstand gegen den Stadtrat

Foto: Charlotte Sattler für der Freitag

Sieben vor zwölf am Rande Sachsens, Sommer 2019. Im Görlitzer Stadtrat stellt die AfD jetzt die stärkste Parteifraktion. Der Oberbürgermeister regiert gegen sie, mit den Stimmen aller anderen Fraktionen. Ist die Geschichte hier zu Ende? Das wäre sie wohl, wenn es sich um eine Story handelte. Es ist aber keine Story. Es ist Görlitz, und in Görlitz folgt auf den Sommer der Herbst.

Rahmenkleingartenordnung

Herbst 2019. Über der Neiße erhebt sich ein feiner Nebel, der Kameraturm würde nichts als Grau erfassen, wenn er seine schwarzen Augen drehen würde, tut er aber nicht, Stille, kein drrr, er hält seine Kameramodule still, er ruht aus, der Turm, für Januar. Denn ab dem 1. Januar 2020 darf er automatische Gesichtserkennung, nach dem neuen sächsischen Polizeigesetz.

Es ist also November, die Waldbrände sind nach Australien gewandert, Franziska Schubert führt in Dresden Koalitionsverhandlungen mit CDU und SPD, und bei Nancy Scholz im Café Herzstück gibt es glutenfreien Apfelkuchen. Apfel und Zimt, Zucker und Margarine, und noch etwas, ich komme nicht drauf. Auf dem Kuchen ist Goldstaub, auf dem Milchschaum ein Gesicht aus Zimt, und an der Wand hängt ein neues Bild. Von einem Käfer, ein schwarzer Käfer auf einem weißen Blatt, kennt Scholz das Lied? Von Chicorée, DDR 1984? Kennt sie nicht, es geht so: „Das Blatt schlägt man ab, den Käfer latscht man platt, ’n Käfer auf’m Blatt, was ist das schon?“

Nancy Scholz setzt sich kurz, viel Zeit hat sie nicht, „kümmert ihr euch um die Musik, ihr Lieben?“, ruft sie den Mitarbeiterinnen zu, sie nimmt ihre Notizen auf den Schoß, „meine Prüfung zur Ausbilderin ist im Dezember“, erzählt sie, „läuft prima, aber manchmal prallen immer noch Welten aufeinander“, zum Beispiel letztens, als sie einen Antrag stellte in einer Behörde, sie hatte sich im Formular verschrieben und die Stelle getippext, und das fand der nicht gut, der Mann bei der Behörde, das Tippex. Nancy Scholz lächelt, „ich verstehe ja“, sagt sie, „dass es in einer Behördenwelt ein Problem ist, Tippex auf dem Formular, aber in meiner nicht, mein Café funktioniert ja gerade deshalb so gut, weil es bunt ist.“ Sie regt sich nicht auf. Tippex auf dem Formular, man muss eben zwei Welten zusammen bringen, wie immer in Görlitz, Nancy Scholz dreht sich um, „könnt ihr bitte den Kuchen aus dem Ofen holen? – Vielleicht täte es allen mal ganz gut, ein bisschen zu tippexen“, sagt sie, ich sehe ihn vor mir, den Mann in der Behörde, nachts, allein, auf einem Berg von Papier und richtig viel Tippex, eine Orgie, Nancy Scholz steht auf, um Cappuccino zu machen, „es ist wie der Käfer, den ich gemalt habe. Er sieht schwarz aus von hier, aber wenn man ihm nahe kommt, schimmert er blau und golden. Man muss miteinander reden, um sich zu sehen. Auch über Tippex.“

Mandy Kriese muss allerdings nicht mehr mit Norman Knauthe reden. Denn der ist umgezogen, raus aus der Innenstadt, seine Tochter geht jetzt nicht mehr in eine Kita mit ihrer Tochter, und auch vom Bogenschießen ist ihr Sohn abgekommen, eine knauthelose Welt hat die Grüne wieder. Sie sitzt auf einer Veranstaltung ihrer BUND-Ortsgruppe, wieder im Café Kugel, an der Wand diesmal nicht die blaue Wahlkarte, sondern Tipps für einen wilden Garten, der Bienen und Käfer anlockt: Die Wiese einfach stehen lassen, Steinhügel bauen, im Zaun ein Loch lassen, damit die Igel durchkommen, rund 30 Görlitzer notieren sich das. Und wenn die Schrebergarten-Nachbarn sich über die ungemähte Wiese beschweren? Der Referent verweist auf die Rahmenkleingartenordnung Sachsen, Punkt 2,7, da steht es: „Die heimische Flora und Fauna sowie Nützlinge sind durch alle geeigneten Maßnahmen zu fördern und zu schützen.“

Während der BUND also über die Rettung von rund 550 Wildbienenarten diskutiert, sitzt Danilo Kuscher für die Bürger für Görlitz im Stadtrat, zweite Sitzung. Ursu hat eine neue Sitzordnung durchgesetzt, früher: Sitzreihen hintereinander, jetzt: U-Form. Die AfD will prüfen, ob der Stuhlkreis den Brandschutzbestimmungen genügt, uaargh, da sind sie wieder, die blauen Furchen, auf Danilo Kuschers Wangen. Ursu stellt den Plan vor, öffentlichen Alkoholgenuss auf dem Marienplatz zu verbieten. Und die Gesichtserkennung ab 2020 zu nutzen. Die AfD findet das gut, uaargh.

Danilo Kuschers Kehle braucht jetzt Alkoholgenuss, und den bekommt sie im Café Hotspot, am nächsten Abend. Es ist die Nacht zum 9. November, und sie sind alle hier, noch ein Café in der Innenstadt, hier gibt es ein Konzert, Danilo Kuscher kommt, Nancy Scholz kommt, aber wer nicht kommt, ist Norman Knauthe, nie würde er seine Tochter hierher lassen, hat er gesagt, „aus präventiven Gründen“, das Hotspot gilt als interkultureller Treff.

„Ihr könnt ganz schön laut schreien, aber seid ihr das Volk?“, die Band legt los, Buschfunk heißt sie, Querflöte, Gitarre, Klavier, Dreadlocks, Piercings, Bier. Würde gerne Norman Knauthe ein Foto schicken, „und das hier besorgt dich?“ Klicke auf Kontakte, klicke auf Norman Knauthe, AfD Görlitz. Klicke wieder weg. Nein. Sonst kommt der noch, drrr. Danilo Kuscher bestellt sich ein Bier. Nancy Scholz bestellt sich einen Tee. Ihr Käfer im Café Herzstück klebt jetzt allein auf seinem Blatt, was ist das schon.

Dem Mann bei der Behörde hat Scholz gesagt, dass sie ihm das Formular in jeder Farbe neu ausdrucken kann, die er will. Er wollte schwarz auf weiß.

Elsa Koester ist Redakteurin des Freitag. Sie fuhr 2019 sechsmal nach Görlitz, um das Wahljahr dort zu verfolgen. Im Freitag 51/2019 druckten wir ihr Gespräch mit dem AfD-Mann Norman Knauthe und der Grünen Mandy Kriese; es ist nun auch unter freitag.de zu lesen

06:00 28.12.2019

Ausgabe 14/2020

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