Die Zukunft im Sack

Weihnachtsfeier Bei einer Berliner Initiative bringt der Weihnachtsmann den Angestellten ein außergewöhnliches Geschenk. Klar ist: Karl Marx hat er nie gelesen
Die Zukunft im Sack
Statt Hammer und Sichel bringt der Weihnachtsmann in Neukölln befristete Verträge

Foto: imago/ZUMA Press

Eine Initiative in Berlin, gut 15 Mitarbeiter, finanziert aus verschiedenen Fördertöpfen, feiert Weihnachten. Ein Fest, wie es in Zeiten der Prekarität so aussieht: die einen haben ihr Gespräch mit der Chefin schon gehabt und wissen, dass ihr Vertrag noch mal um ein Jahr verlängert wird. Andere hatten leider Ärger und haben zwar noch mal einen Vertrag bekommen, aber um einige Stunden – und damit auch um einige Euro Gehalt – gekürzt. Und wieder andere hatten das Gespräch noch nicht, nippen an ihrem Bier und halten fröhlichen Smalltalk mit dieser Frau, die ihre Zukunft in der Hand hält. Oder: im Sack.

Die Wichtelgeschenke sind schon ausgetauscht, die Freigetränke ausgetrunken, die Chefin hat über das kommende Jahr gesprochen – viel erreicht, viel liegt vor uns, aber alle zusammen, großartiges Team, vielen Dank –, die Karaoke-Maschine steht bereit, da kommt der Weihnachtsmann. Unter seinem weißen Rauschebart blitzt das Gesicht eines Vorgesetzten hervor, „hohoho“, ruft er, „es gibt Geschenke!“, und gibt jedem seiner Angestellten eine Päckchen aus dem Sack heraus. „Was ist es denn?“, fragen die Mitarbeiterinnen aus den anderen Projekten ihre Sitznachbarn und lugen über die Schultern, „was bekommt ihr denn?“ Die Beschenkten machen große Augen. Denn: aus dem Sack kommt der Arbeitsvertrag für das kommende Jahr. "Das Geschenk ist mein Arbeitsvertrag", murmelt die Mitarbeiterin.

Schade eigentlich, dass diesem Weihnachtsmann niemand „Das Kapital“ von Karl Marx zugewichtelt hat. Der Begriff „Arbeitgeber“ kann ohne diese Lektüre scheinbar ernsthaft verwirren. Denn genau genommen ist ein Arbeitgeber natürlich ein Arbeitnehmer, und genau genommen, also nach Marx, ist die „Arbeitnehmerin“ natürlich eine doppelt freie Lohnarbeiterin: frei von Produktionsmitteln – und frei, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Der Arbeitsvertrag regelt diesen Verkauf, er ist eigentlich ein Kaufvertrag: darin steht, für wieviel Lohn, über wie viele Stunden und über welche Zeitspanne die Arbeitskraft gekauft wird. Ein Handel. Die einzige geschenkte „Gabe“, die dabei über den Tisch geht, ist der Mehrwert, der in der Arbeit produziert wird und die sich der „Arbeitgeber“ eigentlich mehr aneignet, als dass die Angestellte ihn ihm freiwillig schenken würde. Geschenkt bekommt die „Arbeitnehmerin“ (also die, die ihre Arbeit eigentlich gibt), hingegen rein gar nichts.

Natürlich befristet

Zurück zur Weihnachtsfeier in Berlin Neukölln. Da haben einige Mitarbeiter*innen also ihren nächsten Jahresvertrag als feine Gabe vom Weihnachtsmann überreicht bekommen. Befristet, natürlich, auf ein Jahr. Natürlich? „Geht nicht anders“, wird gesagt, „wegen der Förderanträge. Prekarität, Flexibilität, sorry.“ Stimmt übrigens nicht, sagt das Arbeitsrecht: ginge schon anders. Unbefristet, aber mit einer Klausel, die den Vertrag auflöst in dem Fall, dass keine Fördergelder bewilligt werden. Aber klar, Flexibilität, sorry: so könnte man natürlich weniger Druck ausüben, Leute weniger schnell loswerden. Also befristet.

Macht nichts, jubeln die Mitarbeiter*innen, wen kümmert schon das übernächste Jahr. Einer freut sich ganz besonders über sein Geschenk. Es ist ein Mitarbeiter, der noch nicht lange dabei ist. Erst seit wenigen Monaten. Er ist auch noch nicht lange in Deutschland, vor fünf Jahren ist er aus Syrien geflohen. Oder aus Kamerun. Als er seinen Arbeitsvertrag auspackt, ist er überglücklich. Ein Jahr Arbeit heißt ein Jahr sicherer Aufenthalt in Berlin. In der Bar wird ordentlich gefeiert. Was für ein Geschenk: ein Jahr Mehrwertverschenkung! Die Chefin schmeißt die Karaoke-Maschine an. Keine Ahnung, was gesungen wurde. Vielleicht „Alle Jahre wieder.“

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12:01 18.12.2018

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