Ein Kerl wie ein Pfirsich

Frauentag Wie gut uns diese Geschichten tun: Wenn Männer endlich anfangen, über sich zu sprechen, wackelt das Patriarchat
Ein Kerl wie ein Pfirsich
Die neue Männlichkeit (Serviervorschlag)

Montage: Susann Massute für der Freitag, Material: Plainpicture, iStockphoto

Ich streike. Am 8. März ist Frauenstreik, und ich mache mit. Ich mag nicht mehr über unbezahlte Sorgearbeit schreiben, die Frauen verrichten – Kindererziehung, Putzen, Kochen, Beziehungsarbeit, wie satt habe ich alleine diese Aufzählung! Über die 21 Prozent, die Frauen weniger verdienen, über die rund 150 Frauenmorde pro Jahr. Ich will nicht mehr. Über das Geschlechterverhältnis schreiben.

Weil das alles doch bekannt ist. Es ist längst bekannt, weil Frauen schon genug Arbeit geleistet haben: Emanzipationsarbeit. Mir scheint, dass ein Punkt erreicht ist, an dem das Patriarchat wackelt. Ein Punkt, an dem die Frage aufkommt, wie sich die Männer nun verhalten. Nicht jene, die am Patriarchat festhalten, die laut zur Verteidigung wehrhafter Männlichkeit aufrufen wie Donald Trump oder Björn Höcke. Sondern jene, die deren Männlichkeit als giftig empfinden. Wie Jack Urwin.

Denn der Begriff „toxische Männlichkeit“ stammt ja nicht von Feministinnen. Es war der britische Autor Urwin, der 2017 über seinen Vater schrieb: einen Mann, der am Herzinfarkt starb, weil er sich nicht um die Herzschmerzen gekümmert, nicht darüber gesprochen hatte. Weil es ja „unmännlich“ gewesen wäre, darüber zu sprechen.

Männlich hingegen scheint es, über Frauen zu sprechen, denn das tun Männer viel. Sie sprechen darüber, ob eine Frau sich in Burka kleiden oder abtreiben darf und wie sie sich gegen Übergriffe wehren sollte. „Männern würde es guttun, zu kapieren, worin die männliche Rede schon ewig lange bestanden hat: im Verfassen von Gesetzen und Regeln insbesondere für Frauen“, sagte der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit, als Mladen Gladić und ich ihn fragten, was Männer für die Emanzipation tun können. „Das Erste, was passieren muss, damit sich etwas ändert, ist: Männer sollten aufhören, über Frauen zu reden! Ganz egal, in welcher Weise. Auch nicht lobpreisend. Sie sollen die Klappe halten!“ 40 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Theweleits Männerphantasien sind seine Analysen nötiger denn je: weil Männer eine Orientierung gebrauchen können, wie Männlichkeit denn bitte aussehen soll, wenn nicht toxisch. Dafür müssen sie reden lernen, sagt Theweleit: über sich.

Seine Sätze waren Inspiration für diesen Freitag: Frauen streiken, Männer übernehmen den Kampf gegen das Patriarchat. Hier schreiben also Männer – nicht über Frauen, nicht über die große Politik, sondern über sich. Über ihr Hadern mit einer giftigen Form von Männlichkeit, in die sie gezwungen wurden, von ihren Mitschülern etwa. Darüber, wie schwer es fällt, Gefühle auszuhalten und auszusprechen, gerade gegenüber anderen Männern und dem Vater. Wie gut diese Geschichten tun!

Einerseits, weil sie eine antipatriarchale Explosivität bergen, die schlicht schön ist. So schön wie die Liebe von Oliver und Elio, die im Film Call me by your name zusammen weinen: darüber, dass ihr Geschlecht weich und verletzlich ist wie ein Pfirsich. Oliver und Elio halten diese Verletzlichkeit aus. Das bringt eine Männlichkeit hervor, deren Stärke nachhaltig beeindruckt.

Andererseits, weil Männer Frauen damit eine Last abnehmen: das Gefühl, für das Wohlergehen von Männern sorgen zu müssen, weil sie es nicht selbst tun. Eine Heilpraktikerin erzählte mir neulich, sie habe Jahre gebraucht, um „unsere Därme“ in Ordnung zu bringen. Sie meinte ihren Darm – und den ihres Mannes. Zur patriarchalen Arbeitsteilung gehört, dass Frauen die Sorge für die männliche Gesundheit übernehmen. Aber befreien kann sich jede – und jeder – nur selbst.

Doch es gibt keine Befreiung ohne Widerstand. Wie hart die Verteidiger des Patriarchats kämpfen können, bekommen Feministinnen längst zu spüren – nun auch „Berliner Männer“, die Annegret Kramp-Karrenbauer beim Karneval lachhaft fand, weil sie „nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen“. Was bei der CDU-Chefin ein Witz ist, wird in Gestalt der AfD zur Drohung. „Nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft“, ruft Björn Höcke zum Kampf: „Und wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft.“ Derlei Männerfantasie fällt dort auf fruchtbaren Boden, wo Männer mit „Manneskraft“ früher noch Geld und Ansehen verdienen konnten und heute vor geschlossenen Fabriken und Kohlegruben stehen. Traditionelle Männlichkeit ist keine Erfindung böser Patriarchen – sie war integraler Bestandteil des industriellen Produktionsregimes. Ist dann, andersherum, eine „Feminisierung“ des Mannes – die Förderung seiner „Softskills“ – ein Bedarf des postfordistischen Dienstleistungskapitalismus? Also „neoliberal“?

In Frankreich wird derzeit diskutiert, wie Widerstand gegen toxische Männlichkeit revolutionär sein kann. In Wer hat meinen Vater umgebracht beschreibt Édouard Louis – wie Jack Urwin proletarischer Herkunft –, wie sein Vater sich vergiftet hat, durch die Arbeit, den Alkohol, das Schlucken seiner Gefühle. Und wie er vergiftet wird: durch eine Arbeits- und Gesundheitspolitik, die ihn schuften ließ, bis sein Rücken brach, und ihm dann die Medikamente nicht zahlte. Muss ein Mann das aushalten? Der Widerstand gegen traditionelle Männlichkeit bricht Patriarchat und Kapitalismus dort auf, wo sie sich kreuzen: im Körper des Arbeiters. Bricht der Arbeiter diese Kreuzung aber nicht auf – dann schlägt er um sich.

06:00 08.03.2019

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