Es brennt

Solidarität In Berlin wurden zwei Obdachlose Opfer eines Brandanschlags. Sie sind kein Einzelfall: Die Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft nimmt zu
Es brennt
Anwohner finden sich zu einer Mahnwache am Tatort zusammen

Foto: imago/Christian Mang

Zwei wohnungslose Männer wurden in Berlin mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und angezündet. Zeugen berichten von einer Stichflamme. Beide Opfer überlebten schwer verletzt, einer ist im künstlichen Koma, der andere inzwischen ansprechbar – zwei Drittel seiner Haut sind verbrannt. Passanten retteten den Menschen womöglich das Leben, indem sie einen Feuerlöscher holten.

Das Grauen dieser Tat brachte sie überregional in die Schlagzeilen. Wer attackiert zwei hilflose Männer auf derart brutale Weise? Ist es die Verrohung der Gesellschaft, die zu solchen Taten gegen Menschen führt, die in der Hierarchie ganz unten stehen, die sich nicht wehren können?

Tatsächlich zeigen die Statistiken einen Anstieg von Gewalt gegen Wohnungslose. Die polizeiliche Kriminalstatistik zählt seit 2014 Wohnungslose als eigene Opfergruppe auf. In dem Jahr waren es 363 Körperverletzungen, die angezeigt wurden. Seitdem geht die Kurve nach oben: kamen 2015 insgesamt 742 vollzogene Körperverletzungen zur Anzeige, waren es im Folgejahr 870, 2017 dann sogar 948 Fälle von Körperverletzung, darunter 344 Fälle schwerer und gefährlicher Körperverletzung.

Hierbei handelt es sich wohlgemerkt um Angriffe auf Wohnungslose, die zu Körperverletzung führten – keine Rangeleien ohne Verletzungen, keine Fälle von Anspucken oder Schubsen – und die tatsächlich zur Anzeige gebracht wurden. Die Dunkelziffer wird daher noch höher geschätzt. Was Mordangriffe auf Wohnungslose angeht, gehen die Zahlen auseinander: registrierte die Polizei für 2017 zwei Morde und fünf Mordversuche an Wohnungslosen, spricht die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe von 17 Obdachlosen, die in dem Jahr umgebracht wurden, und von durchschnittlich acht Ermordungen oder Totschlägen durch nicht-Wohnungslose pro Jahr. Die meisten Angriffe auf Obdachlose gehen jedoch von Obdachlosen selbst aus.

Für bundesweite Schlagzeilen sorgten all diese Körperverletzungen in den seltensten Fällen. Im vergangenen Jahr wurde in den Medien vor allem ein Fall diskutiert, an dem syrische Jugendliche als Täter beteiligt waren. Im Berliner U-Bahnhof Schönleinstraße versuchten sie, den aus Polen kommenden Wohnungslosen auf einer Bank anzuzünden. Ein Gericht verurteilte den volljährigen Haupttäter inzwischen zu einer Haftstrafe von 2 Jahren und 9 Monaten wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, drei Mittäter zu Bewährungsstrafen. Auch als ein 50-jähriger Obdachloser in Berlin-Schöneberg angegriffen und verletzt wurde, wurde nach einem Täter mit „arabischem Aussehen“ gesucht.

Diese Fälle sind es, die insbesondere von Rechts gerne aufgegriffen werden: „Araber greift Obdachlose an“, schrieben Neonazis im Netz, es müsse etwas dagegen unternommen werden, dass „Deutsche“ von „Migranten“ angegriffen werden. Dabei ist die Gewalt gegen Obdachlose häufig rechts motiviert, wie die Amadeu-Antonio-Stiftung deutlich macht: Mindestens 26 Obdachlose seien seit 1990 durch Rechtsradikale umgebracht worden.

Wer beim jüngsten Fall in Berlin der Täter ist – es gibt Hinweise auf einen Mann zwischen Mitte 40 und 60 Jahren – und mit welcher Motivation er die beiden schlafenden Männer angriff, ist noch unklar. Dass die Zunahme der Gewalt an Obdachlosen jedoch nicht einfach vor dem Hintergrund eines Rechtsrucks, sondern vor allem vor dem Hintergrund einer Demoralisierung und Verrohung in der Gesellschaft zu sehen ist, liegt auf der Hand.

Wenn in einer Gesellschaft ernsthaft darüber debattiert wird, ob das Retten von Menschenleben im Mittelmeer – oder sonst wo – noch handlungsleitend für die Politik sein kann, wenn die politische Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen als „zu moralisch aufgeheizt“ dargestellt wird – wie ist dann den Tätern zu vermitteln, dass es falsch ist und hart bestraft wird, Menschen anzugreifen, die auf der Straße leben? Wenn ernsthaft darüber diskutiert wird, Migrant*innen nach ihrer Verwertbarkeit für die deutsche Wirtschaft auszusortieren, wie ist Jugendlichen dann noch zu vermitteln, dass es falsch ist, Menschen zu bespucken, die keiner Lohnarbeit nachgehen?

Es brennt, es brennt überall in Europa, an den Grenzen im Mittelmeer, in Italien, wo Sinti und Roma gezählt werden, in Niederösterreich, wo über Listen koscher essender Juden diskutiert wird, in Deutschland, wo Flüchtlingsunterkünfte angezündet werden – und nun auch Obdachlose. Was ist die Brandursache? Ist es soziale Ungleichheit, ist es verschärfte Konkurrenz, Abstiegsangst? Für den aktuellen Fall in Berlin wissen wir es nicht, doch insgesamt sollten wir es herausfinden und die Brandursache bekämpfen, und zwar schnell. Denn wenn erst der Feuerlöscher geholt werden muss, ist es zu spät. Dass der Hass zunimmt, ist deutlich zu spüren. Er trifft immer zuerst die Schwächsten. Noch spüren nicht alle die Flammen.

15:25 24.07.2018

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