Faschos im Hansa

Sachsen-Anhalt Salzwedel, ein Samstagabend mit der lokalen Antifa. Seit der jüngsten Nazi-Attacke sind 24 Stunden vergangen
Faschos im Hansa
Antifa bleibt Handarbeit: Zeitgenössische Wandmalerei

Foto: Nabiha Dahhan/Westend61/Ullstein

Ganz leer ist der Platz vor dem Bahnhof in Salzwedel, das Zentrum ist zu sehen, es sind nur fünf Minuten Fußmarsch dorthin. Aber Erik bestimmte am Telefon: „Wir holen dich ab!“ Also warten. Salzwedel, 25.000 Einwohner, den besten Baumkuchen Deutschlands soll es hier in Sachsen-Anhalt geben. Einen guten Italiener und schöne Fachwerkhäuser. Da fährt ein schwarzer Kleinwagen vor, die Tür geht auf: „Steig ein.“

Erik, Philipp, Robert und Sarah* fahren immer mit dem Auto. Auch für 500 Meter. „Zu Fuß kriegen dich die Faschos. Wie gestern.“ Gestern? „Paar Faschos haben in der Kneipe rumgeschlagen, so richtig mit Basi und Latten und Krankenhaus.“ Sarah brettert mit uns durch die engen Straßen zum Späti, wir setzen uns an die Tische draußen, „das hier ist die Posermeile der Stadt, hier kommen alle lang“. Die Biere zischen, Feuerzeuge fliegen hin und her, Zigaretten werden geschnorrt, Autos begutachtet, manchmal hält eins an: „Was war’n gestern los, sach mal?“, und so langsam setzt sich die Erzählung des Freitagabends in der Stadt zusammen: „Die Faschos waren im Hansa!“

Das Hansa ist der Club Hanseat, 1979 als Jugendclub in Salzwedel gegründet, darüber die Aktion Musik samt Proberaum, „ein Euro Miete für Schulbands, für einen Euro mehr gibt’s die Gitarre dazu“ – richtig, schon die Ex-Salzwedelerin Lydia hatte mir vom Hansa erzählt, am Tag zuvor, in Berlin, wo Lydia schon seit Jahren lebt: „Im Hansa ham wir immer Mucke jemacht, Hardcore, das war so unser Ding, und so haben wir uns auch politisiert, über Rage Against The Machine, Refused, so wat halt, jeder Jahrgang hatte seine Band und alle ham se im Hansa geprobt, dann gab’s Konzerte. Das war gut, so hatten wir was zu tun, was anderes als immer nur dumm zu prollen.“

Aufs Maul anner Tanke

Die 34-Jährige kam zum Studieren nach Berlin, Psychologie und Sozialarbeit. Mit dem Kampfsport hatte Lydia in Salzwedel angefangen, 15 Jahre war sie damals, „da hatte mir so ein Punk zwischen die Beene jefasst und ich bin total ausgerastet, hab den mit meinen Stahlis jekickt, bis der auf dem Boden lag. Ich wollte dann lernen, richtig zu kämpfen, um mich zu verteidigen.“ Lydia lehnt sich zurück und streichelt sich über ihren prallen Babybauch. Stahlkappenschuhe trägt sie heute nicht mehr, inzwischen ist sie Mutter einer dreijährigen Tochter, das Baby kann jeden Moment kommen. „Bei den Faschos anner Tanke wollten wa schauen, ob es schon klappt mit dem Training: Wir sind hin, gab ein paar aufs Maul, dann ins Auto und zurück.“ Als Antifa hätte sie sich nicht bezeichnet, „die haben mir zu krass rumgeprollt“. Zur Antifa-Kultur aber würde sie sich schon zählen.

20 Jahre sind ihre Geschichten her, heute scheint sich wenig geändert zu haben. Vor dem Späti in Salzwedel erzählen die Jungs, was gestern geschah: Etwa zehn vermummte Männer, laut Polizei „der rechten Szene zuzuordnen“, hielten mit Autos vor der Kneipe, stiegen mit Baseballschlägern und Axtstielen bewaffnet aus, zertrümmerten Scheiben der Kneipe und des linken Autonomen Zentrums, das genau gegenüber der Kneipe liegt. Die Vermummten gingen auf die Kneipenbesucher los, die davorstanden. Einer von ihnen, ein 17-jähriger Kumpel der jüngeren Antifas Philipp und Robert, stolperte auf der Flucht in die Kneipe und fiel auf den Boden, ein Vermummter schlug ihm mit dem Baseballschläger auf den Kopf, er musste mit Platzwunde und Prellungen ins Krankenhaus.

„Klassisch“, sagt Erik, 23, und damit der Älteste in der „Antifaschistischen Aktion Salzwedel“, jetzt holt er „die Jungschen ran“, zwischen 20 und 30 Leute sind sie. Was soll das heißen, klassisch? „Wir haben hier seit Jahren Ärger mit den Faschos, jetzt war ein Monat Pause, haben uns schon gefragt, ob die jetzt einen Job haben oder warum die so ruhig bleiben.“ Die: die örtlichen Neonazis. Erik zählt sie alle mit vollem Namen auf. Die wichtigste Figur ist Fabian M., sein Name ging durch die Lokalpresse, als er 2016 mit anderen ein junges Paar überfiel, das er mit den Antifas Erik und Sarah verwechselte. Als die Verwechslung aufgeklärt wurde, hatten sie dem fremden 21-Jährigen bereits drei Finger gebrochen und ein Schädel-Hirn-Trauma verpasst. Auch durch einen Pfefferspray-Angriff auf ein MDR-Kamerateam bei einer AfD-Demo 2016 kam Fabian M. in die Presse, war laut Antifa im selben Jahr bei einer von Neonazis organisierten „Demoschulung“ in Chemnitz. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt führt ihn als „unstrukturierten Rechtsextremisten“, wie alle in Salzwedel aktiven Neonazis. Das sei nur halb richtig, erzählt Erik: einige „Faschos“ seien inzwischen in die Junge Alternative eingetreten, in das Umfeld von Sebastian Koch, dem Kreisvorsitzenden der AfD Altmark West. Die AfD bringe in die Aktionen der Nazis "Politik rein", meint Robert. Wie man das merkt? „Die sprayen jetzt andere Sachen. Politischer. '1. Mai seit 33 arbeitsfrei', sowas haben die früher nicht gemacht.“ Meistens seien die Nazis zu viert unterwegs, dann mal zu neunt. „Aber wenn die es ernst meinen und ne Kaffeefahrt über die Dörfer machen, kriegen sie schon 25 zusammen.“

Gewalttätige Übergriffe auf Antifas sind in Salzwedel keine Seltenheit. Erst im Juni hatte die lokale Neonazi-Gruppe das linke Autonome Zentrum überfallen, war bis in die obersten Stockwerke vorgerückt und mit Pfefferspray auf schlafende Antifas losgegangen. „Hier haben die das ganze Mobiliar zertrümmert“, sagt Erik, dann zeigt er mir die zerschlagene Fensterscheibe vom Vorabend, Glas liegt auf dem Boden, zwischen leeren Bierflaschen. „Und hier“, auf seinem Handy zeigt er ein Foto von einer Blutlache aus dem Hansa. Gefasst hat die Polizei in der Nacht nur den Fahrer, einen Neonazi, Erik kennt ihn. „Könnte wetten, dass Fabian M. gestern auch dabei war.“

Früher hatte Lydia mit anderen Neonazis zu tun, der Halbbruder Mirko Appelts ging in die Klasse ihrer Schwester, Mirko war einst bei den „Freien Nationalisten Altmark West“, ist jetzt Chef der Hells Angels in Rostock. „Und zu meiner Zeit hatten wir noch mit Kay zu tun“, erzählt Jan. Jan, 45, Krankenpfleger, holt mich und Erik im AZ ab, um uns bei sich zu Hause von früher zu erzählen. Wir sitzen in Jans Küche in einem der Dörfer um Salzwedel, es riecht nach Räucherstäbchen. Jan spricht über Kay Schweigel, der ebenfalls bei den „Freien Nationalisten“ Neonazi-Aufmärsche organisierte, bis er Präsident der Red Devils wurde, Supporter der Hells Angels.

„Als Kinder haben wir immer zusammen gespielt“, erzählt Jan, „aber dann stand Kay plötzlich im braunen Hemd und mit Seitenscheitel vor der Tür.“ Jan ging zur Wendezeit in die 9. Klasse, er hat in Salzwedel alles mitbekommen: Wie zu DDR-Zeiten die schwarzen Vertragsarbeiter aus Mosambik nach ein paar Bier beim Dorffest verprügelt wurden. Wie sich nach der Wende die Grufti- und Metal-Subkultur – 15.000 waren bei Festivals in Salzwedel – genau wie die Skinheads in rechts und links aufteilten. Wie er Ska hörte, aber keine Böhsen Onkelz, zum Antifa wurde, wie er und die anderen sich mit der Antifa in Göttingen und Berlin vernetzten, wo sie Spuckis mit Sprüchen gegen Nazis druckten, die sie in Salzwedel verklebten. Wie die lokalen mongolischen Vertragsarbeiter von Neonazis angegriffen wurden. Wie sie gemeinsam ins rechts dominierte Nachbardorf fuhren, um die Nazis anzugreifen: „Wir waren am Gange, und als die meisten schon am Boden lagen, drehte ich mich um und sah gerade noch, wie der Mongole einen riesigen Stein in beiden Händen hielt, den er dem Fascho vor sich auf den Kopf schlagen wollte. ‚Hör auf, es ist genug!‘, habe ich gerufen, ‚er liegt schon am Boden, Schluss!‘ Er hat den Stein sinken lassen.“ Jan schüttelt den Kopf. „Später haben wir lange darüber gesprochen. ‚Die haben mich immer wie ein Tier behandelt‘, hat der Mongole gesagt. Tja. Und dann war das Tier in ihm wirklich ausgebrochen. Ich glaube, der hätte fast jemanden umgebracht.“

Kein Bordsteinkick

Erik hört mit großen Augen zu. „Auch wir diskutieren viel darüber, wie weit wir gehen sollen“, sagt er, der nur wenig älter als Jans Tochter ist. „Wir versuchen, die Gewaltspirale nicht weiter anzuheizen. Nach einem Fascho-Angriff mitzuhalten, damit die sich nicht zu viel trauen. Aber nicht mehr.“ Was würde passieren, wenn es die Antifas einfach sein lassen würden? Sich auflösen? Wäre dann Frieden? „Dann hätte die Geschichte hier anders ausgesehen“, sagt Jan: „brauner“. Denn es gebe immer Jugendliche, die sich mit der Mainstreamkultur nicht zufrieden geben, die etwas anderes wollen, härtere Musik, Tattoos, Subkultur. „In den Dörfern hier, in denen es keine Antifa gibt, werden diese Kids halt Neonazis.“ Erik nickt: „Ich bin kein Weltverbesserer, ich will nur alternative Räume schaffen. Und verteidigen. Egal wie.“

Aber es muss Grenzen geben, mahnt Jan und erzählt, wie sich die Antifa in Salzwedel in den 90ern darauf verständigt habe, selbst keinen „Bordsteinkick“ anzuwenden. So wird es genannt, jemanden mit den Zähnen auf den Bordstein zu legen und von oben auf den Kopf zu treten. 2002 brachten Neonazis in der Uckermark auf diese Weise einen 16-Jährigen um. „Wir haben verabredet, denen niemals auf den Kopf zu schlagen“, sagt Erik, „nicht, wie die das machen.“ „Wie gestern, als einer auf dem Boden lag – das ist so krass, da kann der Kopf gar nicht wegfedern“, schiebt Jan ein. „Ja. Wir zielen auf Arme oder Beine.“ „Das ist gut.“ Jan nickt bedächtig. „Wenn wir als Antifaschisten einen Anspruch haben, dann ist es Humanismus. Am Ende hat man immer noch einen Menschen vor sich.“ Ausgestiegenen Nazis hat Jan schon bei Umzügen geholfen. „Wir wollen ja, dass die sich verändern. Darum geht es doch.“ „Bist du ein Hippie!“, spottet Erik. Er hat sich inzwischen beruhigt; vorhin, im AZ, zappelte er mit den Beinen, da war die Szene vor dem Späti noch ganz frisch. Denn es ging noch weiter.

Erst kommt Opa Wolle vorbei, „um 14 Uhr schon hackedicht, das ist stabil!“, ein paar Autos, Kennzeichen werden vorgelesen, alles harmlos. Bis plötzlich ein Ruck durch Eriks Körper geht. Er springt auf, brüllt: „das Arschloch!“, rennt auf die Straße, einem dunkelblauen Van hinterher, schlägt mit der Hand gegen das Heck, „bleib stehen, komm raus!“, Erik ist jetzt groß, sehr groß, die breiten Schultern unter Hochspannung. Ein paar Meter weiter hält der Van an. Erik rennt hin: „Kommste raus?!“ Nein, der Fahrer gibt Gas und fährt mit quietschenden Reifen davon. „Das war das Arschloch!“, keucht Erik, „der ist hier im Auto die ganze Zeit rumgefahren, gestern nach dem Überfall, der gehört zu denen! Ab jetzt!“ Auf das Kommando greifen alle ihre Sachen, springen ins Auto, brettern los. Erik hält seine „Hassi“ in der Hand, eine Sturmhaube. „Mal gucken, was heute noch so passiert.“

* Alle Namen geändert

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06:00 13.09.2018

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