Kein Fleisch für niemand

#FridaysForFuture Alle lieben die freitäglichen Klimastreiks. Dabei fordern die Schüler nicht weniger als einen Systemwandel

Was ist das eigentlich für eine Jugendbewegung, die mit ihren Eltern auf die Straße geht? Hieß „Jugendbewegung“ nicht mal, alles abzulehnen, wofür die Eltern stehen, die Werte, die Haltung, die Politik, ja, die ganze Gesellschaft, die sie vermurkst haben? Und jetzt, diese Fridays for Future? In der FAZ riefen die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg und die deutsche Luisa Neubauer die „Erwachsenen“ dazu auf, mitzudemonstrieren. Eltern haben sich sogar als „Parents for Future“ organisiert. Bundeskanzlerin und Bundespräsident begrüßen die Proteste. Wo bleibt der Konflikt?

Auf den ersten Blick scheint es, als trenne lediglich die Zeit die Generationen: in jene, die den Klimawandel verursachen – und jene, die seine Folgen erleiden müssen. Widerspruch gegen die Schülerbewegung kommt lediglich von FDP-Chef Christian Lindner, der anmerkte, die Politik könne einen Schulstreik ja wohl nicht gutheißen. Und in der Zeit einen Klimatag an den Schulen vorschlug. Einen Klimatag pro Jahr.

„Die Äußerung Lindners zeigt, dass die Schüler die richtige Protestform gefunden haben“, sagt der Protestforscher Simon Teune. Er ist an diesem Freitag bei der Berliner Demonstration, um sie zu ihren Beweggründen zu befragen. „Der Schulstreik ist es, der eine Reibungsfläche erzeugt – gerade weil die Haltungen in der Klimafrage so nah beieinander scheinen. Der Streik aber unterbricht das allgemeine ,business as usual‘.“ Anliegen der Schüler sei es, den Leuten bewusst zu machen, dass der Alltag radikal unterbrochen werden müsse, um das Klimaziel einzuhalten. Deshalb fänden die Demonstrationen weltweit auch in über 100 Ländern und zig Städten pro Land statt: nicht irgendwo, sondern vor der eigenen Haustür müsse sich etwas ändern.

„Alles reduzieren!“, sagen die Schülerinnen am Berliner Invalidenpark, wenn man sie nach ihrer politischen Forderung fragt. 25.000 sind hier laut Veranstaltern zusammengekommen. „Kein Plastik mehr. Kein Fliegen, kein Autofahren, kein Fleisch. Das mit dem Fleisch ist uns beiden besonders wichtig“, betont die 17-jährige Rosalie und umarmt ihre Freundin. „Fleischkonsum tötet Tiere und ist für einen Großteil der Emissionen verantwortlich.“ Sind ihre Eltern damit einverstanden? Rosalie versteht die Frage nicht. „Wieso, so bin ich aufgewachsen! Wir essen zu Hause kein Fleisch. Haben wir noch nie gemacht.“ Und fliegt die Familie nicht in den Urlaub? „Wir sind uns einig, dass wir jetzt nicht mehr fliegen wollen.“ Was halten die Eltern davon, dass Rosalie streikt? „Meine Mutter hat mich dazu ermutigt! Sie hat mir auch die ganzen Aufkleber gegeben. Für die Fridays for Future. Die habe ich in der Schule verklebt.“

„Einfach teurer machen“

Die Demonstration steht noch auf dem Platz, in einer halben Stunde geht es los Richtung Kanzlerinnenamt. Was fordert Rosalie denn von Angela Merkel? „Reduzieren! Am besten einfach teuerer machen. Das Fliegen – und das Fleisch.“ Findet sie das denn nicht ungerecht? Wenn Menschen, die weniger Geld verdienen, sich kein Fleisch mehr leisten können? Wieder guckt Rosalie mit großen Augen. „Wieso ungerecht? Es gibt keinen Grund, Fleisch zu essen, es ist nicht gesund und nicht gut für das Klima. Dann gibt es eben kein Fleisch mehr. Für niemanden. Oder nur sonntags.“

„Sollte die Regierung die Vorschläge der Klimaforscher*innen umsetzen, auch wenn die Mehrheit der Menschen dagegen ist?“ Das ist eine Frage, die Teune und seine Kolleginnen vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung den Schülerinnen hier stellen. In Kooperation mit Instituten anderer europäischer Länder, darunter Schweden, Polen und Italien, wollen sie die Fridays for Future als Bewegung erforschen: ihre soziale Zusammensetzung, ihre politischen Ziele. Hier am Invalidenpark verteilen 20 Forscherinnen Zettel mit einem QR-Code, mit dem sich die Demonstranten online in die Befragung einloggen können.

Die Debatte über das Schulschwänzen ist für Teune eine Reaktion auf die überwältigende Widerstandsenergie der Bewegung: „So eine Power habe ich auf Demos lange nicht mehr erlebt. Das spüren auch die Politiker. Aussagen wie die von Lindner zielen darauf ab, die Schüler in ihre Schranken zu verweisen.“ Dabei werde auch unter Schülerinnen über die Vor- und Nachteile des Streiks debattiert. „Musste heute wieder erklären, warum der Streik notwendig ist“, ist in einer Berliner Whatsapp-Gruppe der Fridays for Future zu lesen. Mit einem Affen, der sich die Augen zuhält.

Weltweit organisieren sich die Schüler über diese Gruppen. Teilweise melden sich auch hier Eltern zu Wort. Parents for Future. Weiter vorne hüpfen zwei von diesen größeren Menschen bei der Demonstration auf und ab (wer nicht hüpft, ist gegen den Kohleausstieg). Aber protestieren die Schüler nicht eigentlich gegen sie? Weil sie mitschuldig daran sind, dass der Kohleausstieg so spät kommt, die Verkehrswende noch gar nicht? „Deshalb ja!“, antwortet Stefanie Krause. „Deshalb ist es ja so wichtig, dass sich jetzt etwas ändert. Meine Tochter Greta hier“, sie weist auf das Mädchen mit den langen braunen Haaren neben ihr, „Greta hier wollte heute gar nicht streiken, ich musste sie überreden!“ Greta heißt wie Greta Thunberg, hat lila Strähnchen und nickt. Sie wollte lieber in die Schule? „Ja. Ich hatte Angst, dass die Lehrerin sauer wird.“ Aber jetzt sei sie froh, „mitgekommen“ zu sein.

Dass es in der Klimabewegung keinen Generationskonflikt gibt, liege in ihrer Geschichte, meint Teune: „In Deutschland baut sich die Klimabewegung seit zehn Jahren auf und schließt an die Erfahrungen der Anti-Atom-Proteste der 1980er Jahre an.“ Seit 2008 gebe es Klimacamps, seit 2012 sei der Hambacher Forst besetzt, es folgten Proteste gegen neue Kohlekraftwerke und die Aktionen von Ende Gelände. Und nun die Fridays for Future.

Das Ende der Autokultur

Nicht der Konflikt zwischen politischen Einstellungen präge die Bewegung – sondern die gemeinsame Abwehr wirtschaftspolitischer Interessen der Atom-, Kohle- oder Autoindustrie. Diese hätten sich meist gegen klimapolitische Interessen durchgesetzt. „Es geht nicht nur darum, die Emissionen zu senken, sondern auch um Gerechtigkeit. Das aktuelle System versagt und funktioniert nur für wenige Reiche“, schreiben Greta und Luisa in der FAZ. „System change, not climate change“, diese Schilder findet man auch auf der Demo. Und der 15-jährige Jannis fällt Rosalie ins Wort: Es gehe nicht nur um Fleisch, auch um das Ende der Autokultur. „Ich habe keinen Bock mehr darauf, dass die Stadt von Leuten vergiftet wird, die ihre Kohle mit Zehn-Liter-Karren zur Schau stellen.“ Die Veränderungen müssten so schnell vonstattengehen, schreibt Luisa, „dass wir, wenn wir Mitte und Ende 20 sind, in einer neu gestalteten Welt leben“. Wissen die Schüler also, dass sie es mit dem Kapitalismus aufnehmen müssen? Auch das wollen die Protestforscher ergründen. Ob man der Aussage zustimme, fragen sie, man könne sich „bei der Lösung unserer Umweltprobleme auf die Regierungen oder den Markt verlassen“? Und soll dem Umweltschutz auch dann Vorrang eingeräumt werden, wenn er zu einem „langsameren Wirtschaftswachstum und einem gewissen Verlust von Arbeitsplätzen führt“? Am 26. März sollen die Ergebnisse in Berlin präsentiert werden.

Am Invalidenpark setzt sich die Demonstration nun in Bewegung. „Hello, hello“, Gitarrenriffs von Nirvana wehen herüber. Smells Like Teen Spirit, 1991. Die Kids nicken ernst im Takt. Dann kreischen sie los: „Eure Zukunft, das sind wir!“

06:00 22.03.2019

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