Die taube Generation

An die ältere Generation Wir kennen die Argumente der Alten auswendig, denn wir sind mit ihnen aufgewachsen. Jetzt ist es an der Zeit, dass sie uns Jungen zuhört – Brief einer Jüngeren an eine Ältere

Was ich dir noch sagen wollte, liebe lang lebende Person,

ich kenne dich. In deiner Welt bin ich aufgewachsen, mit deiner Sicht bin ich aufgewachsen, mit deinen Utopien und deiner Kritik, mit jedem Gedanken von dir bin ich aufgewachsen. Ich weiß immer, was du als Nächstes sagen wirst, ich weiß, was du über das denkst, was ich sage, und ich weiß, was du getan hast. Alles davon weiß ich. Du langweilst mich. Du hast mir nichts Neues mehr zu sagen.

Und du checkst es einfach nicht. Du sitzt auf diesem Platz da am Tisch, den du dir erkämpft hast, von dem aus du seit Jahren in die Welt hinaustönst, wie du die Dinge siehst – und wenn ich mich nun auch an diesen Tisch setze, aber etwas ganz anderes sagen will, dann bist du taub. Du willst nicht hören, was ich zu sagen habe, hier an diesem Tisch, in die Welt hinaus. Ich mache meinen Mund auf und sage, wie ich die Welt sehe – aber nach drei Worten unterbrichst du mich und laberst das, was ich schon in- und auswendig kenne. Denkst du echt, das wäre mir neu? Denkst du echt, ich hätte bloß nicht verstanden, was du meinst? Oh doch, das habe ich. Ich weiß, was du meinst, und ich sage dir: Du irrst.

Du bist erfahrener Demokrat, ein sozialer noch dazu, und du sagst: Die Diskussionen über Rassismus, Postkolonialismus und Gender werden zu aggressiv geführt und bringen Spaltung in unsere friedliche Welt. Du findest, wir müssen zu einer gemeinsamen Sprache zurückfinden. Du meinst: zu deiner Sprache. Seit Jahrzehnten saßest du an diesem Tisch da, mit den anderen Menschen, die dein Geschlecht, deine Hautfarbe und dein Alter teilen, und hast dich wunderbar verständigt – und jetzt kommen all die Menschen, die ihr jahrzehntelang nicht an den Tisch gelassen habt, und sagen dir, dass ihr nur eure Welt gesehen habt und ihre Welt nicht und dass ihre Welt anders aussieht als eure. Und alles, was du dazu zu sagen hast, ist: Okay, setz dich dazu, aber dann sprich so, wie wir es seit Jahrzehnten getan haben! Ich sage dir: Nein! Ich setze mich an diesen Tisch, und ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist! Deine Weltsicht ist nicht universell. Also hör gefälligst zu und sieh, wie ich die Welt sehe.

Du bist eine gestandene und kluge Linke, und du sagst: Wir haben uns zu sehr auf die Diskussionen über Gender versteift, wir müssen wieder die richtige alte Klassenpolitik machen, mehr Lohn für die Arbeiterklasse und weniger Lifestyle-Linke. Ich sage dir: Ich kenne deine Klassenpolitik. Sie ist der Grund, warum ich meine Kämpfe begann: Es war eine Klassenpolitik für weiße Männer. Es war ein Klassenkampf, dem mein Leiden egal war. Mehr Lohn hilft mir nicht, wenn ich mit dem Rollstuhl nicht zu meinem Arbeitsplatz komme. Mehr Lohn hilft mir nicht, wenn mein Partner mich schlägt und vergewaltigt. Mehr Lohn hilft mir nicht, wenn ich keinen Job bekomme, weil die Chefs etwas gegen meinen Namen oder meine Haut haben. Jahrzehntelang saßt ihr an diesem Arbeitskampf-Tisch und habt an meinem Leiden vorbeigeredet. Jetzt sitze ich hier und rede über mein Leiden, und du sagst, ich soll verstummen? Ich sage: Sei ruhig und hör zu! Erst wenn du mein Leiden siehst und ernst nimmst, höre ich wieder auf das, was du sagst, und dann können wir meine Kämpfe und deine Kämpfe zusammenführen.

Du bist für die Gleichstellung der Geschlechter, das bist du wirklich, und du sagst: Gendern ist hässlich und sprachlich falsch, weil beim Gendern jedes Geschlecht einzeln angesprochen wird, obwohl viele Begriffe gar kein Geschlecht meinen, sondern einen Beruf oder ein Tun oder eine andere Funktion bezeichnen, die geschlechtslos ist. Du sagst: Das generische Maskulinum ist geschlechtsfrei, und das Gendern unterteilt die ganze Welt in männlich oder weiblich. Du checkst es einfach nicht. Dass ich mit deiner Sprachtheorie aufgewachsen bin. In der Schule habe ich sie gelernt, an der Uni habe ich sie gelernt, meine Eltern und Großeltern haben sie mir beigebracht, und ich sage euch allen: Nein! Ich habe mich gegen eure Sprachwelt entschieden. Ich werde vom generischen Maskulinum nicht so abgebildet, wie ich bin, und ich möchte mich gefälligst bezeichnen können. Du hast jahrzehntelang so gesprochen, aber nun möchte ich anders sprechen. Ich möchte, dass du verstehst, warum mich das generische Maskulinum nicht bezeichnet – und erst wenn du das verstehst, können wir gemeinsam überlegen, wie wir Sprache neu gestalten wollen. So, dass sich alle gemeint fühlen.

Aber du hörst nicht zu. Du bist die taube Generation. Du hast nur gelernt zu sprechen. Ich sage: Erst wenn du meine Gedanken verstehst und nicht dich in mir siehst, sondern mich in mir erkennst – erst dann höre ich wieder zu, was du dazu zu sagen hast. Denn erst dann wirst du etwas Neues zu sagen haben. Und auf diesen neuen Gedanken aus deinem alten Kopf bin ich gespannt. Durch mein Neues wird dein Gedanke klug und weise sein. Ich hoffe, ich werde dann offen genug sein, um dir zuzuhören. Zu verstehen. Und zu lernen.

Lesen Sie hier den Brief der schon lang lebende Person an die „junge Freundin“

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