„Ramelow hat die Linke liberalisiert“

Interview Der Eichsfelder CDU-Landrat Werner Henning wünscht sich einen pragmatischen Umgang mit der Linken
„Ramelow hat die Linke liberalisiert“
Werner Henning

Foto: Steve Bauerschmidt/Imago Images

Am 4. März wird im Thüringer Landtag ein neuer Ministerpräsident gewählt. Die Einigung von Rot-Rot-Grün und CDU zur Unterstützung Bodo Ramelows wird jedoch von der Bundes-Union kritisiert: Alle Kandidaten für den Parteivorsitz ermahnten Erfurt, sich an den Parteitags-beschluss halten – keine Zusammenarbeit mit der Linken.

der Freitag: Herr Henning, wie denken Sie im Eichsfeld über die Haltung Ihrer Bundespartei?

Werner Henning: Ich nehme sie zur Kenntnis. Und wünsche der Bundespartei, dass sie politische Formen entwickeln möge, die sich vor Ort auch durchsetzen lassen. Ich selbst aber befasse mich mit der gemeindlichen Verwaltung auf der Kreisebene.

Und trotzdem haben Sie sich für eine Duldung der rot-rot-grünen Regierung ausgesprochen.

Der Wähler hat gewählt und eine funktionierende Regierung nur auf Grundlage der Wunschvorstellungen der CDU ist nicht leistbar. Bodo Ramelow hat zudem gute Arbeit geleistet.

Spüren sie Auswirkungen der Erfurter Konflikte im Eichsfeld?

Als Landrat befasse ich mich mit Straßen, Schulen, Verwaltungsfragen, da spielt Erfurt keine Rolle. Im Kreistag habe ich Kontakt zu allen gemeindlichen Vertretern, und das gehört sich auch so. Unsere Verständigung in Sachfragen hat überwiegend nichts mit politischer Gesinnung zu tun.

Seit 2019 ist Björn Höcke Mitglied Ihres Kreistages ...

Was ich von ihm erlebe, ist menschenverachtend, zynisch, in der gesamten Diktion unannehmbar. Herr Höcke scheint die Oberhoheit über die AfD-Abgeordneten im Kreistag zu beanspruchen, was mir unangenehm ist. Ich nehme die AfD-Vertreter im Kreistag stark als unfrei wahr, als Gefangene von Höcke. Aber als Landrat nehme ich die Abgeordneten so, wie sie der Wähler mir in den Kreistag gesetzt hat, und gehe mit ihnen um – bei der Schulnetzplanung, beim Haushaltsplan, beim ÖPNV.

1989 brachten Sie die SED als Redner auf den Montagsdemonstrationen mit zu Fall. Wie sehen Sie die Linke heute?

Die Wende habe ich als wunderbare Zeit der Freiwerdung erlebt. Im Dezember 1989 bin ich in die Verantwortung für diesen Landkreis gekommen – ich bin der dienstälteste Landrat Deutschlands. Ich darf mir also ein Urteil erlauben. Die Linke ist noch immer durch den Klassenstandpunkt schneller im Grundsätzlichen befangen als andere. Aber kommunal leistet sie eine gute Arbeit, konstruktiv und weitestgehend realistisch, ich erkenne gerade bei den Linken viel Kompetenz in der Sache.

Ihre Bundespartei wirft Bodo Ramelow vor, sich nicht kritisch genug mit der DDR als „Unrechtsstaat“ auseinanderzusetzen.

Wie ich Herrn Ramelow verstanden habe, hat er nie infrage gestellt, dass es in der DDR großes Unrecht gab. Ein Konglomerat aus Unrecht und Lebensrealitäten von 17 Millionen sehr unterschiedlichen Biografien in einem Terminus technicus zusammenzufassen – „Das ist in Summe ein Unrechtsstaat“ – diese Aussage maßt er sich nicht an, aus der alten Bundesrepublik kommend. Davor habe ich großen Respekt.

Zur Person

Werner Henning, 63, wurde schon als Abiturient in der DDR Mitglied der CDU. Seit Herbst 1989 ist er Landrat im Eichsfeld im Nordwesten Thüringens. Bereits nach der Wahl, im Oktober ’19, sprach er sich für die Unterstützung einer rot-rot-grünen Minderheitsregierung aus

Ist die Zeit gekommen für eine Versöhnung mit der Linken?

Auch in der Zukunft muss man sich mit Unrecht aus der Vergangenheit befassen, aber dieses Befassen muss der Gegenwart so viel Luft lassen, dass wir die Menschen zur Arbeit kommen lassen. Wir sind 30 Jahre danach! Die jungen Menschen, die heute unter der Rubrik „links“ im Kreistag sitzen, haben nichts mehr mit dem Unrecht der DDR zu tun. Auch hat sich die Partei unter Herrn Ramelow verändert, er hat einige verstockte Positionen in der Linken und die Partei insgesamt liberalisiert.

Was meinen Sie damit?

Das sehen Sie schon daran: Herr Ramelow ist bekennender Protestant, die Linken scheinen ihn in seinem Weltbild zu ertragen, das wäre vor 30 Jahren in der SED undenkbar gewesen.

Und wie hat sich die Union in dieser Zeit entwickelt? Die alte CDU, sagten Sie jüngst, sei geprägt von westdeutschen Antworten.

Die alte Bundesrepublik hat eine ganz andere bürgerliche Strukturierung als der Osten: Durch die Privatwirtschaft hat sich über lange Zeit ein klassisches Bürgertum entwickelt. In der DDR ist 40 Jahre lang der Chefarzt einer Klinik dem Industriearbeiter gleichgestellt worden. Bürgertum ist im heutigen Osten nicht vergleichbar mit dem des Westens. Unter dem Credo der totalen Gleichheit haben wir auch gelitten. Zurück will niemand – aber man möge uns unsere partielle Andersartigkeit nicht permanent vorhalten.

Was kann eine westdeutsche CDU von der ostdeutschen lernen?

Im Osten splittern wir die Gesellschaft nicht so weit in unterschiedliche Sozialisationen auf. Wir sind schneller bereit, auch Harmonie unter den Unterschieden zu suchen. Da hat uns die DDR-Zeit im positiven Sinne geprägt.

Was prägt Ihre Wählerschaft im Osten, wenn es nicht die Bürgerlichkeit ist?

Im Landkreis Eichsfeld erwartet man von der CDU, gesellschaftlicher Ausdruck eines christlichen Weltempfindens zu sein. Ein Christ ist bemüht, sich nicht über Gebühr in Bildern von Feindseligkeit gefangen nehmen zu lassen. Ich möchte frei bleiben, jeden so zu nehmen, wie er sich zeigt. Und nicht die Menschen nach vorgefassten Mustern von Parteitagsbeschlüssen in Berlin bewerten.

Sie fordern die CDU dazu auf, sich auf „die neue Zeit einzulassen“. Welcher Vorsitzender kann das?

Ich kenne Friedrich Merz und Armin Laschet für diese Antwort zu wenig. Ich bin gespannt auf die Begegnung mit beiden – in unserer Welt. Und möchte mich auf den einlassen, der am wenigsten Feindseligkeit propagiert.

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06:00 02.03.2020

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