Schwarz und weiß

Görlitz Ob Kretschmer oder Migranten – auf dem Marktplatz bricht sich der Hass Bahn. Samson und Muluebran wohnen trotzdem hier. Am Wahlwochenende leben sie gefährlicher
Schwarz und weiß
„Das plappern die der AfD jetzt alles nach!“

Foto: imago images / photothek

„Ieeeh!“ Das kalte Wasser spritzt dem Mädchen bis zum T-Shirt. „Ieh!“, quietscht sie zwischen blonden Zöpfen und springt durch den Brunnen auf dem Görlitzer Marienplatz. Die Sonne knallt, etwa hundert rote Köpfe sammeln sich vor einer kleinen Bühne. „Jeder, der jetzt hier ist, sieht, dass es noch mutige Deutsche gibt, die nicht nur tuscheln, sondern den Widerstand auf die Straße bringen“, flimmert eine Stimme über den Platz. „So fing es 1989 mal an, und wenn wir die Wende herbeigerufen haben, wenn wir die Wende haben, wird die Masse uns folgen.“ Es ist die Stimme von Ignaz Bearth, „Görlitz wehrt sich“ heißt seine Kundgebung. Reconquista Europa, sagt er. Von Görlitz aus. Bearth ist Schweizer. 1989 war er fünf.

„Alerta Antifascista“, ist leise zu hören, die linke Gegendemo ist weit weg. „Die Polizei ließ uns nicht zum Platz durch“, erklärt mir Samson später. Mit Muluebran sitzt er vor dem Brunnen auf der Bank, die Deutschlandfahnen sind weg, noch immer spielen Kinder auf den schwarzen Klötzchen im Wasser. Er habe seinen Freund überredet, zur Demo zu gehen. „Das sind zwar Deutsche, habe ich gesagt, aber sie kämpfen für uns, und wir können uns nicht vor dem Blauen hier.“ Er nickt in Richtung AfD, die die Bühne für die Abschlusskundgebung des Wahlkampfs aufbaut, am anderen Ende, gegenüber von der „Görlitz wehrt sich“-Bühne. „Wir können uns nicht vor den Blauen hier verstecken wie die Ratten.“ Samson übersetzt Muluebran, was er mir gesagt hat, der nickt stumm.

Die Araber, erzählt der Deutsche mit äthiopischem Hintergrund weiter, „die kommen erst um 18 Uhr raus, um mit ihren Kindern auf den Spielplätzen zu spielen, oder im Brunnen. Wenn die Deutschen zum Abendbrot reingehen.“ Der Brunnen verschwindet hinter einer Gruppe Ordner – Tattoos, Glatze. Sie bleiben vor uns stehen. Bohrende Blicke. „Siehst du?“ Samson zeigt auf meinen Arm, dann auf seinen, dann auf Muluebrans. „Du bist weiß, wir sind schwarz, so einfach ist das. Dass du mit uns redest. Das macht sie rasend.“ Übergriffe haben sie noch nicht erlebt, nur diese Blicke den ganzen Tag, „blutige Blicke“. Und dann die Sache mit der Tochter. „Meine Tochter ist ein Jahr und acht Monate alt. Sie liebt es auch, hier im Brunnen zu spielen. Die anderen Kinder spielen mit ihr im Wasser, und dann rufen die Eltern: ,Spiel nicht mit dem Ausländerkind!‘“

„Gefällt nicht allen Kollegen hier“

Seit 1998 ist Samson in Deutschland, lange lebte er in Stuttgart. Warum Görlitz? „Ich habe hier Arbeit gefunden. Als Baumaschinenführer.“ Er grinst. „Gefällt nicht allen Kollegen hier, dass ich im Bagger sitze und sie auf der Straße hocken und Steine kloppen. Tja, ich sag immer: jeder, was er gelernt hat!“ Ein Ordner dreht sich um und spuckt neben der Bank auf den Boden.

Was er denn wählen wird? Samson grinst. „Na, CDU!“ Warum denn CDU? Er sagt etwas auf Arabisch zu Muluebran, beide lachen: „Na, Mama Merkel!“ Nun kommt Bewegung in Muluebran, er kramt in seiner Tasche, „Mama Merkel und Carola!“, sagt er, zieht sein Handy raus, zeigt mir ein Foto von Carola Rackete. „Ganz Afrika feiert Carola! Sie und Merkel, das sind so tolle Frauen. In Deutschland müssen die Frauen an die Macht. Nicht die blauen Männer. Deshalb CDU!“ Sie verabschieden sich: „Genug Blau für heute!“

Der Brunnen plätschert weiter, die AfD baut Bühne und Stände auf. Es kommen die ersten Leute, 300, 400 werden es. Currywurst und Limonade werden ausgegeben. Ein Junge rennt mit seinem Schäferhund durch die Würfel im Brunnen, oben auf dem größten Würfel steht ein Mann mit einer Österreich-Fahne und hört gespannt Sebastian Wippel zu. Ehemaliger AfD-Bürgermeisterkandidat, dann Direktkandidat im Wahlkreis Görlitz II bei der Landtagswahl. Dass er die Wahl am Sonntag gegen Michael Kretschmer verlieren wird, der den Wahlkreis von der AfD zurückerobert, das kann man hier auf dem Marienplatz am Samstag noch nicht ahnen.

„Eine Schicksalswahl“, sagt Wippel. „Anteil ausländischer Täter bei Vergewaltigung“, sagt er, „Braunkohle verteidigen bis zur letzten Schippe“, sagt er auch, und: „Wir sind eine Friedenspartei!“ Aber es will keine Stimmung aufkommen. Dann sagt er: „Und Kretschmer, mein Mitbewerber: Was hat er denn 2015 getan, um die schlechte Politik abzuwenden? Nichts! Nichts! Nichts! Und wieder nichts!“ Die Menge erwacht. Jubelnder Applaus, bravo! „Und deswegen muss er abgewählt werden!“ „Weg mit dem!“, ruft einer. Strahlende Gesichter. „Nie, nie, nie wieder Nazis!“, hört man leise von der Seitenstraße her.

Noch schnell die Nationalhymne singen, dann Licht aus

Es folgt Tino Chrupalla, seit 2017 anstelle von Michael Kretschmer für Görlitz im Bundestag, dann der sächsische AfD-Chef Jörg Urban und der Bundesvorsitzende Jörg Meuthen. Sie haben den Dreh jetzt raus. „Kretschmer“, sagen sie, „der Plagiator“, hat einfach alle Vorschläge der AfD übernommen, die Menge grölt: „Weg mit dem!“ Meuthen redet und redet. Und dann redet er zu lange, es wird dunkel, der Platz leert sich, die Turmuhr schlägt acht. Ach ja, noch schnell die Nationalhymne singen, Licht aus.

Müde sitzt ein älterer Herr auf seinen Biertisch gebeugt neben dem Brunnen, ein anderer bringt ihm eine Cola. „Trink! Wird dir gut tun.“ Sie sehen gleich aus. Es sind Zwillinge, Mitte 80, ihren Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Aber warum sind sie denn so wütend auf Kretschmer?

„Ach, wissen Sie, es ist ja nicht der Kretschmer. Es ist die CDU! Wir haben unser Leben lang große Stücke auf die CDU gesetzt, wir beide. CDU und FDP.“ Und dann? „Dann kam Merkel. Wissen Sie, was man bei uns früher von FDJ-Sekretären gehalten hat? In der FDJ waren wir ja alle. Mussten wir ja. Aber FDJ-Sekretäre! Das waren die Schlimmsten. Die Merkel hat 2015 endlich ihr wahres Gesicht gezeigt. Echte Kommunistin.“ Die Flüchtlinge, „zwei Kulturen auf engem Raum, das funktioniert nicht. Früher dachte ich ja auch, dass der Islam sich abschwächt, in Deutschland. Aber nein! Ich bin Kinderarzt und sehe, dass die Familien früher ohne Kopftuch kamen. Und heute?“ Er malt eine Linie um sein Kinn. „Kleine Mädchen, bis hier verschleiert!“

Sein Bruder zittert, wir setzen ihn auf eine Bank. Parkinson. „Wir waren eine Weile getrennt“, sagt der stehende Zwilling. „Die Mauer, sie hat uns getrennt. Ich war noch in Gera, als sie gebaut wurde, mein Bruder im Münsterland. Er kam mich rausholen, mit seinem West-Pass, ich sah ja genauso aus wie er.“ Er zeigt auf das Gesicht des Sitzenden, dann auf seins. „Tja, hätten wir nicht gedacht, dass Ungarn ihn an die DDR ausliefert, aber war dann so. Mein Bruder war politischer Gefangener, wurde 1964 freigekauft. Seitdem sind wir wieder vereint. Zum Glück.“ Sie lächeln sich an, zärtlich. Geflüchtete also, aus der DDR. „Wir haben das alles nicht erlebt, um jetzt wieder Unfreiheit zuzulassen“, sagt der Stehende dann. Wo erleben sie denn Unfreiheit? „Früher durfte man vor den Kindern nichts Kritisches sagen, aus Angst, dass die das ausplappern in der Schule. Und heute wieder! Kritisiert man die Politik der Bundesregierung und die Kinder sagen's weiter, wird die Familie gleich als Nazi-Familie diffamiert.“

„Wollen'se was hören über die?“

„Die CDU? Wollen'se was hören über die?“, ruft uns eine eine Frau zu, die meine Fragen gehört hat. Ich gehe zu ihr. Sie hat rote Haare, ist 71 Jahre alt. „Die CDU macht der AfD jetzt alles nach“, sagt sie. „Die Forderung nach einem ordentlichen Anschluss an das Eisenbahnnetz? Nach Förderung der Region? Das plappern die der AfD jetzt alles nach. Aber was ham'se denn die letzten fünf Jahre gemacht? Was ham se denn die letzten 30 Jahre gemacht? Plagiatoren!“ Sie geht kopfschüttelnd. „Kommt jetzt aus dem Brunnen!“, ruft eine Frau. Zwei Jungs klettern raus, ein Mädchen zieht sich am Beckenrand ihre Sandalen an. Blonder Pferdeschwanz.

Am nächsten Tag gewinnt Michael Kretschmer also seinen Görlitzer Wahlkreis zurück. Blau ist Görlitz II trotzdem, auf der Wahlkarte. Die Zweitstimmen gingen an die AfD. Ob er die Wut auf seine Partei nachvollziehen kann? Der CDU-Bürgermeister Octavian Ursu steht am Wahlabend im Hof vor dem Da Vinci, es riecht nach Pizza und Lasagne. Jubelstimmung will hier trotz des Wahlsiegs keine aufkommen. „Kretschmer hat seine Fehler eingeräumt, darüber muss man jetzt wirklich nicht mehr reden.“ Ob er sich nicht Sorgen mache, wie polarisiert seine Stadt ist? „Polarisierter als andere Städte, finden Sie?“ Naja, ein Drittel AfD, ein Drittel CDU, ein Drittel SPD, Linke, FDP und Grüne. Die Leute denken sehr unterschiedlich, kennen sich kaum, reden nicht miteinander. „Ja. Und Sie meinen, das war je anders?“

Ein kühler Wind zieht durch die leeren Straßen, das Gewitter ist ausgeblieben, der Brunnen auf dem Marienplatz spuckt kein Wasser mehr, dahinter kommt der Elisabethplatz, Jugendliche ziehen vorbei. „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe“, singen sie und verschwinden hinter der Ecke. „Arschloch!“

Eine Gestalt kommt mir entgegen. „Hey!“, ruft sie und kommt näher. Es ist Muluebran. Er hält mir die Hand zum Gruß hin, ich nehme sie, höre ein Motorengeräusch, das sich schnell nähert. Dann schon ein Luftzug an der Wade, Muluebran zieht mich auf den Bürgersteig. Hupend rast das Auto knapp an uns vorbei, bleibt ein wenig weiter stehen. „Verdammt, weg da von der Straße!“ Muluebran hält noch immer meine Hand. Er zeigt auf meinen weißen Arm, dann auf seinen schwarzen. „Deswegen.“

Lesen Sie mehr aus Görlitz und zu den Wahlen in Sachsen und Brandenburg in Ausgabe 36/2019 des Freitag

16:12 03.09.2019
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