Bleibt weich, bleibt zärtlich!

Ukraine-Konflikt Wladimir Putins Angriff auf das Land ist pure Gewalt. Wie gehen wir damit um? Ein Plädoyer für die Suche nach einem Weg, mitten im Krieg friedlich zu bleiben
Wenn uns die Wut über die Gewalt gegen die Ukraine packt, müssen wir innehalten. Nicht vor blinder Wut zu den Waffen greifen
Wenn uns die Wut über die Gewalt gegen die Ukraine packt, müssen wir innehalten. Nicht vor blinder Wut zu den Waffen greifen

Foto: Piotr Pietrus

Wenn der Wunsch nach Frieden so absurd wirkt, dass die Menschen darüber lachen, dann ist Krieg. Das wurde mir klar, als ich am Sonntag Anne Will schaute – an dem Sonntag, der noch vor dem Krieg lag. Damals also. Da saß Sahra Wagenknecht bei Anne Will und stellte die russische Perspektive dar, in einer Zeit, die zumindest auf westlicher Seite noch von dem Wunsch nach Diplomatie geprägt war. Diplomatie soll Interessensausgleiche schaffen können, und dafür muss man logischerweise die Interessen des Gegners besprechen. Doch als Wagenknecht sich anschickte, diese Interessen darzulegen, brachen Norbert Röttgen und Constanze Stelzenmüller in Gelächter aus. Das war ein Bruch mit den Höflichkeitsregeln, ein Bruch mit dem Funktionieren von Zivilisation in Friedenszeiten, der mich erschaudern ließ: Dieser Bruch roch nach Krieg.

Den Krieg hat Wladimir Putin verbrochen, nicht Röttgen oder Stelzenmüller. Man darf Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Die Schuldfrage lässt keine großen Diskussionen zu: Dies ist ein Angriffskrieg. Putin sieht die Teile seiner einstigen Großmacht zum Westen wandern und will das mit allen Mitteln unterbinden. Putin führt aus reinem Großmachtinteresse einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Die Brutalität dieser Aktion reißt jedem friedfertigen Menschen den Boden unter den Füßen weg.

Sie tut aber noch etwas anderes. Die Brutalität des Krieges macht nicht an den Grenzen der Ukraine halt, sie frisst sich durch die Gesellschaften aller mindestens durch Zuschauen Beteiligten. Sie frisst sich auch durch unsere Gesellschaft. Aufgabe aller friedliebenden Menschen ist es nun, sich dieser Brutalisierung entgegenzustellen.

Brutalisierung der Gesellschaft

Kulturwissenschaftler und Historikerinnen wie Klaus Theweleit und Ute Frevert haben in ihrer Forschung herausgearbeitet, wie grundlegend enthemmte Gewalt menschliche Beziehungen und die kollektiven Gefühle einer Gesellschaft beeinflusst, und das über Generationen hinweg. Krieg gibt Soldaten die Erlaubnis, zu morden. Die öffentliche Erteilung einer Morderlaubnis ist brandgefährlich, sie schafft eine Stimmung der enthemmten Gewalt, eine Lynchstimmung, die zur nationalistischen Hochstimmung wird: Sie gibt den Mordenden ein überwältigendes Gefühl des Lebens, der nationalen Erhabenheit über den Tod.

Gleichzeitig sitzen die Traumata, die im Krieg angesichts dieser Enthemmung von Gewalt erlebt werden, tief. Russische und ukrainische Soldaten sind dieser Gewalt jetzt ausgesetzt, üben sie aus. Ihre Familien sorgen sich um sie, und auf gewisse Weise ist jetzt schon klar, dass ihre Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern und Partner*innen nicht so zurückkehren werden, wie sie gegangen sind. Sie werden Ängste erlebt und Brutalität ausgeübt haben, die für Daheimgebliebene nie nachvollziehbar sein werden. Sie werden Dinge erlebt haben, die Einfluss auf die Beziehung zu ihren Kindern haben wird. Dieser Krieg wird das Aufwachsen von Kindern in der Ukraine, in Russland und in Osteuropa brutalisieren, wie es vielleicht schon so viele kriegerische Konflikte nach dem Zweiten Weltkrieg zuvor taten, in Jugoslawien, im Kosovo, in Georgien, in der Türkei.

Aber auch in Deutschland ist die Brutalisierung der Gesellschaft bereits zu spüren. Die unkontrollierten Münder des Röttgen und der Stelzenmüller waren ein Symptom dieser Zuspitzung; dass die Position Wagenknechts dermaßen lächerlich gemacht werden konnte, war ebenfalls ein Symptom dafür, dass Putin sich längst außerhalb des Denkbaren bewegt hat. Die Schlagzeilen der letzten Tage vor dem Krieg rochen nach dieser Verrohung: Putin wurde als „wahnsinnig“ bezeichnet, als „krank“. Bei hart aber fair wurde darüber sinniert, ob er mit Steroiden behandelt werde. Und verhandelt man etwa mit Wahnsinnigen?

Die drohende Brutalisierung der Gesellschaft geht aber weit über diese (noch?) relativ zaghafte Kriegsrhetorik hinaus. Im Focus ließ sich Josef Seitz bereits zu dem Argument herab, Minderheitenmeinungen seien doch endlich zu ignorieren: Dazu zählte er sowohl lesbische und schwule Elternschaft, als auch Coronaleugner, als auch die politischen Einschätzungen von Sahra Wagenknecht. Tenor: Es herrscht Krieg, wir haben keine Zeit mehr für diesen Schwachsinn! Am Tag des Angriffs knüpft der Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt direkt an diese Argumentation an. Deutschland sei in den Nachkriegsjahren unter dem Schutz der Nato „schwach“ geworden: „Die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Debatten der vergangenen Jahre waren Ausdruck einer geradezu liebenswerten Naivität und Entrücktheit, die sich jetzt rächen könnten“, und: „Jetzt ist klar, dass man sich wehren muss und wehrhafter sein muss. Die Freiheit wird nicht am Tampon-Behälter in der Männertoilette verteidigt, eher am Hindukusch und ganz konkret bei unseren Freunden in der Ukraine, in Kiew, in der Ostukraine und im ganzen Land.“

Das Feiern eines „luschigen, passiv-aggressiven Wohlstandszersetzungsaktivismus“ sowie das „verlogene und verlorene Menschenbild, wie es auf evangelischen Kirchentagen und in der zeitgenössischen Kultur so verbreitet wird“, sei für jemanden wie Putin „einfach ein Frühstück“: „Wir müssen wehrhaft sein.

Angst vor „roten Flüssen“

Krieg ist eine Gefahr für Zärtlichkeit, Weichheit, Sensibilität. Krieg ist eine Gefahr für die Offenheit einer Gesellschaft.

Klaus Theweleit hat in seinem Werk über soldatische Männlichkeit gezeigt, wie patriarchale Gewalt mit Kriegsgewalt zusammenhängt. Er hat gezeigt, wie männliche Körper – heutzutage sind es inzwischen auch weibliche Körper, was das für Folgen hat, wissen wir noch gar nicht – über Generationen von Kriegsgewalt geprägt sind: Alles muss diszipliniert werden. Die Angst vor allem Weichen, Fließenden, Unbestimmten – damit konnotiert: vor allem Weiblichen – ist eine Folge davon. Gewalt gegen Frauen ist eine Folge von Krieg. Nicht nur während des Kriegs, sondern lang darüber hinaus. Theweleit spricht darüber, wie Faschismus und Kriegsgewalt die Angst vor unkontrollierbaren „roten Flüssen“ schürt. Poschardt schreibt gegen Tampon-Behälter am Tag des Kriegsausbruchs.

Ich möchte nochmal daran erinnern, dass dies keine Analyse der Schuld an diesem Krieg ist. Wladimir Putin hat einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg begonnen, der durch nichts zu rechtfertigen ist. Dies ist eine Warnung vor den Folgen eines solchen Krieges auf das gesellschaftliche Miteinander. Denn unabhängig von der Schuldfrage besteht die Frage der Verantwortung für den Frieden weiter, und diese Verantwortung tragen alle Beteiligten.

Angesichts der Talkshow-Debatten aus der Zeit der noch möglichen Diplomatie fange ich an zu zweifeln, wie tief das Wissen über diese Verantwortung im kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung dieser Bundesrepublik noch verankert ist. Statt darüber nachzudenken, was Putin anzubieten wäre, damit er seine Kriegspläne fallen lässt, wurde darüber nachgedacht, warum Putins Handeln zu verurteilen ist. Eine moralische Verurteilung von Großmachtinteressen verhindert aber keinen Krieg. In einem muss ich Poschardt beinahe zustimmen: Die moralische Klärung der Schuldfrage, die unsere politischen Debatten stark geprägt hat, kommt im Krieg an ihre Grenzen.

Vielleicht hat die Generation nach der Nachkriegsgeneration verlernt, was Entspannungspolitik bedeutet. Sie bedeutet, einen Krieg zu verhindern und darüber mit dem Gegner zu verhandeln. Nicht mit dem Freund, sondern mit dem Gegner. Gregor Gysi sprach in der Diskussion mit der FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann im Spiegel davon, einen Interessensausgleich schaffen zu müssen. Hätte man tatsächlich darüber sprechen müssen, ob die Ukraine geostrategisch neutral bleiben kann? Ob sie, entgegen des demokratischen Willens der Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung, kein Nato-Mitglied werden kann? Diese Debatte wurde nicht geführt. Es wurde aber auch nicht laut darüber gesprochen, ob ein Krieg Russlands um die Ukraine ein Preis ist, den man für eine mögliche Nato-Mitgliedschaft zu zahlen bereit ist.

Verhandelt man mit Bösewichten?

Hat man gedacht, Putin geht nicht so weit? Vielleicht. Vielleicht ist die ausgebliebene laute öffentliche Debatte über diese Frage aber auch Folge einer bereits zuvor stattgefundenen Verrohung des Diskurses. Wenn Putin ein autoritärer Machthaber ist, wenn er mit Fake News und Geschichtspropaganda seine eigene Bevölkerung und den Westen belügt (was er tut), wenn er bereit ist, Völkerrecht zu brechen – ja, ist er dann nicht ein Bösewicht? Und verhandelt man mit Bösewichten?

Ist unsere Generation überhaupt noch in der Lage, mit Gegnern umzugehen? Allzuhäufig machten die politischen Debatten unserer Zeit bei der Feststellung halt, dass ein Antisemit ein Antisemit ist, ein Rechter ein Rechter und ein Sexist ein Sexist. Was dies nun für das gesellschaftliche Zusammenleben bedeutet, wie also ein Umgang mit dem politischen Gegner aussieht, wurde kaum erfragt. „Nazis raus!“, dieser Slogan war prägend für die vergangenen Jahre, und: „Mit Rechten redet man nicht“.

Was aber, wenn man einen Rechten nicht einfach rausschmeißen kann? Wenn man mit ihm einen Umgang finden muss? Geht das?

So haben wir jahrelang bewiesen, warum Putin ein autoritärer Machthaber ist. Weniger aber haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie man mit einem Machthaber Frieden erhält. Frieden in Europa geht nur mit Russland. Das wussten alle. Wieso also soll es dermaßen lächerlich gewesen sein, über Putins Interessen zu sprechen – wie illegitim sie auch immer erschienen?

Wladimir Putin hat einen Krieg begonnen, aber alle tragen die Verantwortung dafür, Frieden zu schaffen.

Respekt vor der Bedeutung des Friedens

Was beendet den Krieg? Ich wünsche mir, dass wir diese Debatte, insbesondere in der gesellschaftlichen Linken, mit dem notwendigen Respekt vor der Bedeutung des Friedens führen. Frieden ist notwendig für alle demokratischen Errungenschaften. Krieg bedroht die Gleichheit der Geschlechter. Krieg bedroht die Rechte von Minderheiten. Krieg lässt auch im Privaten Aggressionen frei: Von ihnen sind vor allem Kinder betroffen, Frauen, sexuelle Minderheiten. Die Verurteilung von „Schwäche“, „Weichheit“, die Verbannung leiser Zwischentöne, Sensibilität, Verständigung, das alles gerät in Gefahr, wie es schon durch den Rechtsruck in Gefahr geriet. Wenn man mit Rechten umgehen muss, liegt die Herausforderung wohl daran, nicht selbst anzufangen, rechts zu reden.

Ich wünsche mir also, dass wir innehalten, wenn uns die Wut packt über die Gewalttätigkeit Putins, wenn uns die Wut packt über eine russische Propaganda, die von Entnazifizierung in der Ukraine spricht, dass wir innehalten und nicht vor blinder Wut zu den Waffen greifen wollen, um zurückzuschlagen.

Solidarität mit der Ukraine: Was bedeutet das? Es wird in der kommenden Zeit eine Diskussion geben über die Verteidigung der Ukraine, über Waffenlieferungen, über eine militärische Intervention. Die Nato ist noch zurückhaltend, macht „nur“ zum Schutz seiner Mitgliedsstaaten mobil, der Westen geht den Weg über Sanktionen. Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hat jedoch bereits verkündet, man müsse die Freiheit der Ukraine „notfalls“ auch militärisch verteidigen, und je weiter Putin geht, desto offener wird die Frage im Raum stehen, was brutaler ist: Zusehen oder eingreifen?

Unserer Gesellschaft kommt jetzt eine große Verantwortung zu: Einen Weg zurück zum Frieden zu finden, mit Putin als Gegner. Ich wünsche mir, dass sie einen Weg findet, in dieser Brutalität des Krieges Zurückhaltung zu bewahren, und, ja: Zärtlichkeit. Im Miteinander, in der Sprache, in der Suche nach Auswegen.

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