„Unser Körper braucht Gemeinschaft“

Berührung I Der Mikrobiologe Thomas Bosch erläutert, warum menschliche Organismen auf den Austausch mit anderen angewiesen sind. Ein Grund sind unsere Mitbewohner: die Mikroben

Ich steige in die U-Bahn, schlängele mich mit einem Meter Entfernung um eine Frau herum und setzte mich zwei Sitze entfernt neben einen Mann. Da fällt mir diese Forschung ein, aus der Mikrobiologie, wie war das noch – wenn man in der U-Bahn neben einem Menschen sitzt, dann siedeln dessen Haut-Bakterien auf meine Haut über? Immerhin kann das jetzt nicht mehr passieren, denke ich mir, Social Distancing hat seine Vorteile. Aber Moment. Was, wenn meine Haut-Bakterien das eigentlich brauchen, diesen Austausch mit den Haut-Bakterien anderer?

Einmal zuhause schreibe ich Professor Thomas Bosch an. Er ist Mikrobiologe, Leiter des Sonderforschungsbereichs Metaorganismus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sehr geehrter Professor Bosch, was passiert eigentlich in Zeiten von Corona mit der Besiedlung auf unserer Haut? Vereinsamen gerade unsere Mikroben? Thomas Bosch schreibt umgehend zurück und ist erfreut: eine spannende Frage! Wir telefonieren.

der Freitag: Herr Bosch, ich sitze alleine zuhause im Homeoffice, lese über Ihre Forschung zum Mikrobiom und frage mich: Bin ich überhaupt alleine?

Thomas Bosch: Nein! Wir sind nie alleine. Jeder Mensch ist auf seinen Organen besiedelt mit Tausenden Bakterien, Viren, Archaebakterien. Sie bilden zusammen unser Mikrobiom. Und diese Mikroben waren stammesgeschichtlich schon lange vor uns da. Wir waren niemals ohne Mikroben, keine unserer Zellen ist frei von Mikroben, und es handelt sich dabei nicht um eine Verunreinigung. Sie gehören zu uns.

Hat jeder das gleiche Mikrobiom oder habe ich mein ganz eigenes?

Jeder hat sein relativ stabiles Mikrobiom, das sich jeweils aus einer Fülle von Kleinstlebewesen zusammensetzt. Deshalb bezeichnen wir Organismen als „Metaorganismen“. Wir müssen über den individuellen Organismus hinausdenken. Sie sind Sie, mit Ihren menschlichen Zellen, und dazu kommt mindestens noch einmal die gleiche Anzahl an Bakterien, die genauso wichtig sind für Sie, für Ihre Gesundheit, für ihre Identität, wie Ihre eigenen Zellen. Und: ihr Mikrobiom ist nicht abgeschlossen. Es interagiert mit anderen.

Was heißt das, es interagiert?

Stellen Sie sich ihr Mikrobiom vor wie eine Wohngemeinschaft mit Tausenden Kleinst-Mitbewohnern. Lebt man länger mit einem Menschen zusammen, gleichen sich die Mikrobiome an: Sie bilden eine Metacommunity. Wie Mitbewohner einen gemeinsamen Haushalt bilden.

Aber wie schnell geht das? Wenn ich in der U-Bahn neben jemandem sitze, also vor Corona, mit kaum fünf Zentimetern Abstand, dann kommen seine Bakterien auf meine Haut und ändern mein Mikrobiom?

Nein, so schnell geht das nicht, dafür ist Ihr Mikrobiom zu stabil. Wenn Sie sich in die U-Bahn setzen, haben Sie jede Menge mikrobielle Touristen. Die springen von Ihrem Nachbarn auf Sie und versuchen, bei Ihnen zu landen, manche schaffen das, andere nicht. Etwas anderes ist es, wenn sie längerfristig immer denselben Menschen um sich herum haben. Dann bilden Sie – und Ihre Mikrobiome auch – eine Gemeinschaft.

Über dieses Gespräch

Ich zoome. Den ganzen Tag telefoniere und zoome und slacke und chatte ich. Und es nervt, denn es ist einfach nicht das Gleiche. Wie Menschen zu treffen. Ich meine: körperlich zu treffen, in einem Raum zu sein. Es fühlt sich nicht gleich an. Was ist das, was da fehlt? Das will ich wissen. Ich habe deshalb einen Mikrobiologen, einen Haptikforscher und eine Neurowissenschaftlerin gefragt, was Nähe und Berührung eigentlich ausmacht. Dies ist Teil 1 der Mini-Serie „Berührung“, Teil 2: Digitales Streicheln können Sie hier und Teil 3: Kuschelhormon-Entzug hier lesen

Wenn man nun plötzlich alleine im Zimmer sitzt, wochenlang, monatelang, und andere Körper nur mit zwei Meter Abstand trifft, was passiert dann mit den nun isolierten Mikrobiomen?

Wir sind gemacht als soziale Wesen, die Mikroben in sich tragen, und dass diese Mikroben untereinander agieren, macht uns fit. Der Umkehrschluss ist: Wenn das nicht möglich ist, entwickelt sich – so erwarten wir – das Gegenteil von Gesundheit. Es gibt viele Hinweise dafür, dass Kontaktlosigkeit krank macht.

Sie sprechen sehr vorsichtig.

Ja, denn niemand weiß genau, was die Folgen von sozialer Isolation für die Mikrobiome sind, und wiederum der Einfluss dieser Veränderung auf den gesamten Körper. Aber ich kann Vermutungen anstellen. Wir glauben, dass die Übertragung des Mikrobioms und die so entstehende mikrobielle Gemeinschaft eine Gruppe ausmacht.

Wie kommen Sie zu dieser These?

Das lässt sich nachweisen. Wir haben viel Ähnlichkeit im Mikrobiom mit Menschen, mit denen wir viel zusammen sind – im Vergleich zu Menschen, mit denen wir weniger zu tun haben. Gruppen von Menschen und Tieren teilen ein gemeinsames Mikrobiom, es definiert sie.

Digitale Gemeinschaft ist aus mikrobieller Sicht also keine Gemeinschaft, weil sie kein Mikrobiom teilt?

Es ist zumindest keine körperliche Gemeinschaft. Natürlich sind die virtuellen Kommunikationswege trotzdem ein Segen in diesen Tagen.

Sie erwähnten vorhin, dass das Mikrobiom Auswirkungen hat auf unsere Gesundheit. Welche sind das genau?

Übergewicht, Diabetes, Allergien, neurodegenerative Erkrankungen, Reizdarm, Autismus haben ihre Ursache, wie wir meinen, in einem falschen Darmmikrobiom. Wir sagen dazu Dysbiose. Solche Krankheiten können wir manchmal durch eine Stuhltransplantation eines gesunden Spenders lindern, jedenfalls temporär. Es handelt sich hierbei um Krankheiten, die in den letzten 50 Jahren hochgeschnellt sind. Und wir wollen wissen: Was hat sich in unserer Lebensweise geändert, dass sie so dominant geworden sind? Sie alle haben einen Bezug zum Mikrobiom. Aber nicht nur auf unsere Gesundheit, auch auf unser Verhalten hat die Zusammensetzung des Mikrobioms Auswirkungen.

Zur Person

Professor Thomas Bosch ist Mikrobiologe und Leiter des Sonderforschungsbereichs Metaorganismus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Sie wollen jetzt nicht behaupten, dass in Wahrheit Bakterien und Viren die Menschen lenken?

Natürlich nicht, es handelt sich um ein komplexes Zusammenspiel. 2011 gab es hierzu wichtige Studien in Kanada und auch in einem schwedischen Labor. Labormäuse können künstlich keimfrei gemacht werden. Dafür werden sie per Kaiserschnitt geboren und steril aufgezogen. Die leben dann in Inkubatoren, sind quietschmunter, pflanzen sich auch fort. Aber sie haben jede Menge Defekte, weil ihnen die Bakterien fehlen. Und wir können diese Defekte reparieren, indem wir in die keimfreien Mäuse Bakterien zurückgeben.

Was macht die Abwesenheit von Bakterien mit den Mäusen?

Keimfreie Mäuse sind wesentlich weniger kontaktfreudig als normale Kontrolltiere. Die krabbeln in ihre Ecke und sind mit sich selbst beschäftigt, während die Kontrollmaus mit normalem Mikrobiom mit anderen Mäusen in ihrem Käfig spielt. Gibt man diese keimfreie Maus in den Käfig, in dem früher Mäuse mit normalem Mikrobiom waren, frisst sie deren Kot – und nimmt diese Bakterien wieder auf. Und diese Maus verliert ihre Ängstlichkeit.

Vielleicht beruhigt sie auch nur der Kontakt zur Forscherin, oder die andere Umgebung, oder ...

Es geht noch weiter: Wir können das Mikrobiom einer keimfrei aufgezogenen Maus in die nun nicht mehr ängstliche Maus zurücktransplantieren, und sie wird wieder eine ängstliche Maus.

Okay. Das heißt, wir sind abhängig von unserem Mikrobiom?

Das heißt erstmal: Mikroben beeinflussen unser Verhalten. Bakterien haben ganz offensichtlich etwas mit Kontaktfreudigkeit zu tun. Die Ursache für fehlende Kontaktfreudigkeit liegt im Mikrobiom des Darms.

Wenn Mikroben unser Verhalten beeinflussen, wie frei sind wir als Menschen dann in unserem Denken, in unseren Taten, Entscheidungen?

Eine wichtige Frage! Wenn Sie einen Autounfall haben und Ihr Anwalt vor Gericht darauf verweist, dass Ihr Darm und ihr Mikrobiom beeinflusst waren durch eine Krankheit, falsche Ernährung, und über die Darm-Hirn-Achse auch ihr Gehirn ... ich würde diesen Fall gerne mal vor einem Gericht sehen.

Ändert sich das Mikrobiom im Laufe des Lebens?

Ja, das Mikrobiom hat spezifische Lebensstadien. Das Neugeborene sammelt sich das erste Mikrobiom durch die Vagina seiner Mutter – oder, beim Kaiserschnitt, durch die Klimaanlagenleitung im Gebärraum. Dann ändert sich das Mikrobiom während des Erwachsenenlebens. Das alternde Mikrobiom unterscheidet sich deutlich von dem eines mittleren Erwachsenen. Hier spielt die Vielfalt der Mikroben eine große Rolle. Im Alter kommt es zu einem Verlust an Diversität. Das mag zum Alterungsprozess beitragen.

Könnte man das Mikrobiom eines jungen Menschen in den Darm eines alten Menschen transplantieren?

Es gab in Köln einen spannenden Versuch dazu: Der Altersforscher Dario Valenzano arbeitet in am Türkisen Prachtgrundkärpfling, einem Fisch, der drei Wochen lang lebt. Wenn er das Mikrobiom aus jungen Fischen in alte Fische transplantiert, werden die alten Fische jünger.

Gemeinschaft hält jung?

Das ist eine Spekulation, die Sie jetzt anstellen. Kausal ist das nicht bewiesen. Aber jeder Sozialpsychologe wird Ihnen sagen: Soziale Gemeinschaften wirken dann auf die Gesundheit am besten, wenn sie verschiedene Altersklassen beinhalten. Jedes Silo ist schlecht. Jede Isolation auch.

Bin ich als Mensch also gar nicht abgeschlossen? Mein Organismus ist im Fluss mit den Organismen um mich herum?

Genau! Wir müssen das Denken in diesen engen Grenzen aufgeben. Also: Wo fängt der Mensch an, wo hört er auf? Diese Frage ist nicht mehr adäquat zu unserem Wissen. Die Grenzen sind fließend. Auch unsere Fähigkeiten sind Mischfähigkeiten. Die kommen zum Teil von unserem Mikrobiom, das Neurotransmitter produziert. Moleküle, bei denen wir bisher dachten, dass unsere Nervenzellen sie produzieren, werden eigentlich von unseren Bakterien produziert. Es öffnet sich eine neue Welt. Wir müssen zurück zu einem ganzheitlichen Konzept unseres Körpers. So haben Biologie und Medizin einmal begonnen.

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14:55 15.04.2020

Ausgabe 48/2020

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