Von oben herab behandeln

Klasse Viele Arme haben schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht – daher ihre Impfskepsis. Zu Besuch in einer Praxis in Berlin-Neukölln

Der Schatten ist angenehm unter dem Weidendom, nicht zu kühl, nicht zu viel Sonne. Duft von Lavendel liegt in der Luft. Ein Garten mitten in Berlin, Gated Community. „Die Impfungen“, sagt der Arzt und nimmt einen Schluck Kaffee, „habe ich im Wesentlichen als eine Veranstaltung für die deutsche Mittelschicht wahrgenommen. Vor allem in der Anfangsphase, in den Impfzentren.“ Michael Janssen ist Hausarzt, betreibt seit 20 Jahren eine Praxis in Berlin-Neukölln – mit Patienten aus ärmeren Verhältnissen hat er viel zu tun. Normalerweise. Bei den Impfungen ist ihm aufgefallen, dass jemand fehlt, schon zu Anfang: ältere Menschen aus der italienischen oder türkischen ersten Generation der Arbeitsmigration etwa, und ärmere, bildungsferne Ältere: „Obwohl sie ja alle ein Schreiben bekommen haben, genau wie die deutschstämmigen Älteren aus der Ober- und Mittelschicht.“

Die Impfkampagne – das ist der Grund für das Kaffeetrinken zwischen Weide und Lavendel – stagniert an jenem Sommertag bereits seit Längerem. Termine sind inzwischen leicht erhältlich, doch werden sie kaum mehr wahrgenommen. Forscher veröffentlichen indes erste Zahlen darüber, wer sich impfen lässt: Die Universität Mainz macht ein Gefälle zwischen sozial Benachteiligten und Bessergestellten aus, sowohl beim Impfstatus als auch bei der Impfbereitschaft. Studien aus Großbritannien verwiesen bereits Anfang des Jahres auf eine Impfskepsis von bis zu 72 Prozent unter Minderheiten und in ärmeren Communitys. Mitte Juli veröffentlichte die Universität Oxford Zahlen, nach denen die Impfabdeckung bei Weißen um 20 Prozent höher als bei Schwarzen lag.

„Ja, wer ruft denn an und erkundigt sich nach freien Impfterminen, wer schreibt E-Mails und lässt sich auf Listen setzen?“, fragt Michael Janssen. In seiner Praxis bietet er Substitution für Heroinabhängige an, ist viel mit Patienten in Kontakt, die es nicht so leicht haben: sozial nicht, finanziell nicht, psychisch nicht. Die soziale Herkunft der Patienten spüre er sofort. Woran? „Patienten aus der Mittelschicht“, erklärt der 62-Jährige, „sind häufig gut vorbereitet, manche haben sich Notizen auf kleinen Zetteln gemacht. Patienten aus ärmeren Milieus hingegen kommen eher spontan, meist nicht vorbereitet, oft in Situationen, in denen es schon akut ist – später als die Mittelschicht. Manchmal auch zu spät für eine Behandlung mit befriedigendem Ergebnis.“ Oft spüre man so einen Druck, die Symptome sofort beseitigt bekommen zu wollen, das jetzt schnell zu erledigen: „Sie wollen nicht viel über Zusammenhänge reden, sondern einfach nur ein Medikament, das schnell wirkt und keine Nebenwirkungen hat.“ Eine Impfung aber funktioniere anders: Man muss einen Termin machen, Nebenwirkungen hinnehmen, obwohl kein akutes Symptom behandelt wird. Ja, sagt Janssen, die meisten Vorbehalte hätten Patienten aus ärmeren Verhältnissen. Ob so jemand wohl bereit ist, über diese Skepsis zu sprechen?

Dieses Video auf Telegram

15 Bahnminuten vom Weidendom entfernt dröhnt der Verkehr über die Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln. Durch das weit aufgerissene Fenster hupt es in Janssens Praxis herein. Auf dem Holzstuhl neben dem Arzthocker sitzt eine 50-Jährige mit langen roten Haaren, die sonst viel lacht und nickt, nur jetzt entsetzt ihre Finger zu einer großen Kugel formt: „Ein Blutklumpen, so groß! Die haben das Gehirn in zwei Teile geschnitten, einmal in der Mitte durch, und dann konnte man ihn ganz genau sehen! Mitten im Gehirn, blutig und klumpig! Nee. Einfach: Nein“, Susi Walters* verschränkt die Arme vor ihrer Brust. „Da bin ich raus.“ Über Telegram hat sie das Video geschickt bekommen, „soll ich es Ihnen auch schicken?“. Walters ist seit elf Uhr bei Janssen, um rasch ihre „Vergabe“ zu nehmen, jetzt sitzt sie im Behandlungszimmer und zählt auf: Hirnvenenthrombose! Unkontrolliertes Zittern! Lähmungen an Armen und Beinen! Andauerndes Schwächegefühl! „Einfach: Nee.“ Dieses Risiko müsse man nicht eingehen. Natürlich, Corona ist auch nicht ohne, auch daran kann man sterben, schon klar. Aber: „Es sind nicht so viele gestorben, global. Außerdem habe ich Asthma, und ich habe gehört, mein Spray schützt ein wenig vor der Ansteckung.“

Auch mit Freundinnen hat Walters über die Impfung gesprochen, viele von ihnen sind geimpft. „Aber wir waren uns einig: Wir lassen uns in Ruhe. Nur, abknutschen will ich sie nun nicht mehr.“ Nein? „Ich muss mich ja auch schützen! Bei Geimpften kann man sich anstecken, die geben das Virus weiter. Dann gibt’s eben eine Pause beim Knuddeln. So ein, zwei Jahre. Und wenn sie dann noch alle leben, dann überlege ich mir das mit der Impfung!“ Susi Walters lacht herzlich durch die Lücke, in der bei anderen ein Schneidezahn sitzt, dann legt sie sich die Hand vor den Mund.

Die „Vergabe“, die Walters sich abholt, ist Methadon, ein Ersatzmedikament für Heroin. Seit 20 Jahren bietet Michael Janssen Substitution in seiner Praxis an. Nicht immer fällt es ihm leicht, den richtigen Ton zu treffen. „Wir Ärzte kommen ja überwiegend aus der Mittelschicht, schon an der Universität lernen wir so etwas wie eine antiproletarische Grundhaltung.“ Das gelte auch für ihn selbst. „Ich muss sagen: Wenn hier einer kurz vor Ende der Sprechstunde reinkommt, ungeduscht, unvorbereitet, will ganz schnell behandelt werden, dann bin auch ich nicht frei von Vorurteilen. Über mein politisches Bewusstsein versuche ich dann, mich zusammenzureißen und den Patienten angemessen zu behandeln.“

Susi Walters ist keine, die kurz vor Ende der Sprechstunde unvorbereitet hereinschneit. Für das Gespräch hat sie zwei Seiten Notizen mitgebracht. Ihre Erfahrungen mit Ärzten sind trotzdem schlecht: „Zum Orthopäden gehe ich nicht mehr. Meine Knie, meine Füße, alles tut weh, total deformiert. Aber der lacht ja nur: Ach Quatsch, das ist das Alter!“ Wieder sind die Arme vor Walters verschränkt. „Nein!“ So lässt sie sich nicht behandeln, „so von oben herab!“.

Ob diese Respektlosigkeit daran liegen könnte, dass der Arzt sie als Drogenpatientin erkannt habe? Walters lässt ihre Arme langsam sinken. Vielleicht. Woran hätte er das denn sehen können? „An meinen Pupillen!“ Wie aus der Pistole geschossen. „Na, die sind kleiner. Durch Heroin, und durch Methadon auch. Klar, ein Arzt sieht das sofort. Ich gehe da nicht mehr hin. Ich bleibe hier, bei Dr. Janssen, der besorgt mir alles, mein Asthmaspray, meine Einlagen, alles bekomme ich hier.“

Wer in der Gesellschaft wenig Geld und Status hat, geht sogar öfter zum Hausarzt als Akademiker – bei Fachärzten dreht sich dieses Verhältnis um, das weiß Benjamin Wachtler zu berichten. Der Mediziner forscht zu „Public Health“, was übersetzt „Volksgesundheit“ heißt, in Deutschland aber nicht mehr gerne so genannt wird. Eigentlich forscht Wachtler zu Vertrauen: zu der Frage, wie die Gesundheit zu den Menschen kommen kann, die nicht zu ihr kommen. Viele ärmere Menschen, sagt er, „haben keine guten Erfahrungen mit staatlichen Institutionen oder Ärzten gemacht, sind auf Sprachbarrieren gestoßen oder auf Diskriminierung, sie haben Probleme mit Aufenthaltspapieren oder mit der Krankenkasse“. So sei ein Misstrauen entstanden, das sich jetzt auch in Impfskepsis äußere: „Vertrauen ist keine individuelle Frage, sondern eine der sozialen Erfahrung.“

In Michael Janssens Praxis hängt ein Schild, „Gesundheitsberatung für Geflüchtete“, auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Dass das nicht reicht, ist ihm klar. Er hat sich deshalb für ein Impfteam für die High-Deck-Siedlung gemeldet, eine Hochhaussiedlung in Neukölln. „Solche Maßnahmen müssen ausgebaut werden“, sagt er: „Wir brauchen kleine Teams, kultursensibel und mehrsprachig, die in die Hochhausblöcke gehen und Personen dabeihaben, die in der Community gut integriert sind.“

Seehofer hat es doch gesagt!

Wo Susi Walters wohnt, mag sie nicht sagen, sie möchte so anonym bleiben wie möglich. Fragt man sie nach ihrem Beruf, schmilzt das freundliche Lächeln zusammen, Scham und Unwohlsein tropfen auf den weißen Praxisboden. „Ja“, sagt sie, „ja, na ja, ich bin ... arbeitslos. Und ich schäme mich so. Dass ich dem Staat auf der Tasche liege.“ Aber es ging nun mal nicht. Sie habe eine Ausbildung angefangen, wollte zur Post, aber die Prüfung war so schwer. Und dann auch noch mit Computer! „Ich hab einen Computer damals zum ersten Mal vor mir gehabt. Nee. Das ging nicht!“ Wie dann ihr Alltag aussieht? Ah! Da hellt sich das Gesicht wieder auf. Susi Walters lebt nicht allein, sondern mit zwei Kaninchen, zwei Wellensittichen und zwei Meerschweinchen. Um die kümmert sie sich. Jeden Tag. „Und da bin ich ja auch glücklich!“ Dann wird sie wieder ernst. Nimmt ihr Notizbuch. „Ah ja. Darüber haben wir noch nicht gesprochen: Eine Impfung schützt ja auch gar nicht vor Corona! Sicher ist nur ein geringerer Krankheitsverlauf, und ansteckend ist man trotzdem noch. Dafür diese Horror-Nebenwirkungen?! Nein.“ Sie hat eine Rede Horst Seehofers gesehen, vor 15 Jahren hat er die gehalten und gesagt, dass die Politik sich der Pharmalobby unterwerfe! Vorher habe sie noch gewankt, wegen der Impfung, aber nach diesem Video stand ihr Entschluss fest.

Susi Walters lebt zuhause mit zwei Kaninchen

Foto: Tony Evans/Getty Images

Das Video, das derzeit auf Telegram seine Runden dreht, ist ein Ausschnitt aus der ZDF-Sendung Frontal 21 aus dem Jahr 2006. Seehofer sagt darin: „Das ist so, seit 30 Jahren: dass sinnvolle, strukturelle Veränderungen, auch im Sinne von mehr sozialer Marktwirtschaft im deutschen Gesundheitswesen, nicht möglich sind wegen des Widerstandes der Lobbyverbände.“ Es ging dabei um die gescheiterte Einführung einer Positivliste für Arzneimittel.

„Ganz ehrlich“, sagt Walters und beugt sich vor, zum ersten Mal kommt sie näher: „Söder, Lauterbach und dieser Drosten, in meinen Augen sind die alle gekauft. Und die Impfärzte? Verdienen auch ihr gutes Geld!“

Benjamin Wachtler sagt: „Die einen fragen die befreundete Ärztin, was sie vom Biontech-Impfstoff hält – andere bekommen Nachrichten von Freunden, die Verschwörungsmythen enthalten“. Alles eine Frage der sozialen Umgebung. Mythen festigten sich besonders dort, wo soziale Räume sich schlössen, ihnen also nicht widersprochen werde. Was dagegen helfe? Diese Räume zu öffnen, gezielt reinzugehen.

Michael Janssen, impfe der auch nur wegen des Geldes? „Nein!“ Heftig schüttelt Susi Walters den Kopf, „nein, der nicht!“. Der sehe das eben anders. Dass ihr Arzt keinen Druck auf sie ausübe mit der Impfung, das findet sie gut. Schließlich sei sie ja von ihm abhängig, wegen der Vergabe. „Aber er will schon noch mal mit mir sprechen“, lacht Walters.

„Ich muss schon noch mal mit ihr sprechen“, sagt Michael Janssen.

In seine Praxis gehe sie trotzdem gerne, die seien dort alle nett zu ihr. Anders als der Lungenarzt, der Orthopäde. Oder der Zahnarzt. Ja, die Zahnlücken sieht man. Ja, Walters weiß das. „Ich halte deshalb die Hand vor den Mund, wenn ich lache.“ Sie habe halt so große Angst vor Spritzen! Deshalb habe sie das Heroin auch geraucht, trotz ihres Asthmas. „Ich kriege richtige Schweißausbrüche, wenn ich eine Nadel nur sehe. Die Zähne habe ich deshalb auch alle selbst gezogen.“ Wie, selbst gezogen? „Na, ganz einfach: wackeln, drehen, ziehen, bis er rausfällt!“ Walters lacht. Klar tue das weh. Aber wenn sie es alleine mache, zu Hause bei den Kaninchen, könne sie aufhören, wenn die Schmerzen zu stark werden. „Der Zahnarzt hört nicht auf! Der macht dann einfach weiter! Nein. Das will ich nicht.“ Die Arme verschränken sich. „Ich vertraue lieber meinem Körper.“

Info

Hier lesen Sie ein Gespräch mit einem weiteren Patienten aus Michael Janssens Praxis, der sich nicht impfen lassen will

* Name geändert

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06:00 06.08.2021

Ausgabe 37/2021

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