Wahltag in Berlin Neukölln: Wann sind eigentlich alle so hart geworden?

Alltag Es ist Wahltag, und in Berlin Neukölln weigern sich Spaziergängerinnen, anderen eine Freude zu schenken. Ist das die Alltagsnormalität in einer Gesellschaft, die ihre Probleme nach Afghanistan abschieben will?
In Berlin Neukölln chillen Sonntagsspaziergänger am liebsten unter sich
In Berlin Neukölln chillen Sonntagsspaziergänger am liebsten unter sich

Foto: Schöning/Imago

Wahltag. Die Stimmung in Berlin Neukölln ist komisch. Nicht wirklich angespannt, eher auf ganz seltsame Art leise und feindselig. So ein alle-gegen-alle-Gefühl, wie es im Alltag in der Stadt immer dann aufscheint, wenn man mal wieder gegen etwas geprallt ist, das sich wie „die Gesellschaft“ anfühlt. Die Rede ist nicht von Demonstrationen, nicht von Polizeigewalt, nicht von sonstigen Ausbrüchen zeitgenössischer Spaltungslinien. Sondern von jungen Sonntagsspaziergängern.

Vor dem Wahlgang haben wir einen kleinen Flohmarkt gemacht. Bei uns haben sich Klamotten angesammelt, die nicht mehr gebraucht werden, und auch die Kleinen der Familie und ihre Freunde hatten so einiges weiterzugeben: Laserschwert, Kartenspiel, Kuscheltier, Spielzeugautos, alte Donald-Duck-Comics. Die Klamotten der Jugendlichen verkauften sich super, ständig blieb die Generation Z stehen und bewunderte ihren Style, die Jeans, die Tops, die Taschen, zack, zack, vier Euro hier, vier Euro dort. Nur die kleineren Jungs blieben auf ihren Heften und Autos sitzen und wurden traurig.

Ich holte mir einen Kaffee um die Ecke und nutzte den Moment, um Spaziergängerinnen anzusprechen: „Darf ich euch kurz stören? Wir machen da hinten so einen kleinen Flohmarkt und der Junge ist ganz traurig, weil er noch nichts verkauft hat. Wenn ich euch einen Euro gebe, würdet ihr kurz rübergehen und ihm ein Spielzeugauto abkaufen?“

Diese Blicke hatte ich nicht erwartet. Kurzes abchecken mit der Freundin, Augenbrauenrunzeln, Kopfschütteln, „Ganz ehrlich, da habe ich jetzt nicht so Bock drauf, du?“ „Nee, echt auch nicht.“ Dreimal habe ich es versucht, und die Mimik dazu gab mir zu verstehen: Was bilde ich mir eigentlich ein, sie an ihrem freien Sonntag mit einem meiner Probleme zu belästigen? Im Grenzen setzen ist die Generation Z echt super, da müssen wir uns keine Sorgen machen.

Freiheit für Palästina, Freiheit für Kurdistan, bloß wie?

Das ist nur eine winzige Anekdote und es gibt noch viel härtere Geschichten. Es gibt Menschen in der U-Bahn, denen es schlecht geht, und niemand hilft. Es gibt in Berlin Hunderte Wohnungslose, die ein Lied über Mitbürger singen können, die sich davon gestört fühlen, wenn sie um 50 Cent gebeten werden, und im nächsten Moment einen Cappuccino für vier Euro kaufen. Es gibt antisemitischen, teils gewalttätigen Hass gegen Menschen mit Kippa und rassistischen Hass gegen so viele hier. Aber diese kleine Alltagshärte hat mich umgehauen. Warum findet denn niemand darin Freude, einem Kind Freude zu schenken?

Wir haben danach zusammengepackt, und ich bin los, um zu wählen. Vor der Schule stand Security, an der Schulwand stand „Free Palestine, Free Kurdistan“. Ein Mann hat die Wand fotografiert und auf Instagram gepostet. Mit jedem Schritt zum Wahllokal wird mir banger. Was tun wir hier?

Was kann das Europaparlament denn tun, um „Palästina zu befreien“? Wie finden wir denn in Europa in den Frieden? Und obwohl jeder zu dem Krieg in Gaza und zu dem Krieg in der Ukraine eine Meinung hat, ist doch völlig schleierhaft, was ein auf dem internationalen Parkett vergleichsweise ohnmächtiges Europaparlament gegen die Kriege dieser Zeit tun könnte. Stattdessen diskutieren wir im deutschen Wahlkampf darüber, ob die Abschiebung der einen in ein Gebiet, in dem den Menschen Tod und Folter drohen, der Sicherheit der anderen dienen könnte. Hauptsache abgrenzen. Hauptsache weg mit allem, was kompliziert ist. Weit, weit weg. Am besten nach Afghanistan.

Hauptsache, ihr lasst mich alle in Ruhe mit euren Problemen.

Ich habe mein Kreuz gemacht und das Wahllokal verlassen. Das kann es nicht sein, oder? Wie können wir denn – auf europäischer Ebene – an Frieden arbeiten, wenn wir nicht einmal eine Ahnung davon haben, wie wir einen Kiez hinbekommen, in dem Sonntagsspaziergänger eine Minute ihrer Zeit für eine kleine Freude anderer schenken wollen?

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Geschrieben von

Elsa Koester

Stellvertretende Chefredakteurin, verantwortlich für Online

Elsa Koester wuchs als Tochter einer Pied-Noir-Französin aus Tunesien und eines friesischen Deutschen in Wilhelmshaven auf. In Berlin studierte sie Neuere deutsche Literatur, Soziologie und Politikwissenschaft. Nach einigen Jahren als selbstständige Social-Media-Redakteurin absolvierte sie ihr Volontariat bei der Tageszeitung neues deutschland. Seit 2018 ist sie Redakteurin für Politik beim Freitag. Zudem ist sie als Schriftstellerin tätig: Ihr Romandebüt „Couscous mit Zimt“ erschien 2020, der zweite Roman „Im Land der Wölfe“ erscheint im August 2024. Nachdem sie ab 2020 für Wochenthema und Titelseite des Freitag zuständig war, ist sie seit Mai 2024 stellvertretende Chefredakteurin und verantwortlich für die Online-Ausgabe.

Elsa Koester

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