Wenn Listen ihr Comeback feiern

Studie Antisemitismus wird zunehmend enttabuisiert – und multipliziert sich im Netz. Dabei kommt er nicht nur von Rechts, sondern aus der gesamten Gesellschaft
Wenn Listen ihr Comeback feiern
Gegen das Vergessen

Foto: imago/Winfried Rothermel

„Ich hasse Juden so sehr“ – solch ein platter, direkter Antisemitismus gilt nach dem Holocaust als in Deutschland nicht mehr sagbar. Antisemitismus wechselt seine Form, sagen Forscher. Anstelle des puren Judenhasses tritt etwas, das „sekundärer Antisemitismus“ genannt wird: die Gleichsetzung der israelischen Besatzungspolitik in palästinensischen Gebieten mit dem NS-Regime etwa, oder die Kritik am „Opferstatus“ der Juden, eine Täter-Opfer-Umkehr. Eine am Mittwoch vorgestellte Studie der Allgemeinen Linguistik an der TU Berlin widerspricht diesem Forschungsstand jetzt. Im Internet nehme seit zehn Jahren Antisemitismus stark zu – und zwar durchaus in seiner klassischen Form. Nicht nur in sozialen Medien – auch in Online-Foren wie Hausaufgaben.de oder in den Kommentarspalten der Tagesschau, der Süddeutschen oder der FAZ. Zitiert finden sich antisemitische Hassreden wie „Die Zionistenclans sind die Pest der Welt“ oder „Weil die Juden ein verdorbenes und entartetes Volk sind“. Führt der Rechtsruck also nicht nur zu einer Normalisierung von Sexismus und Rassismus – sondern bringt er auch den Antisemitismus zurück?

Die Leiterin des linguistischen Forschungsteams der TU, Monika Schwarz-Friesel, meint: nein. Denn erstens war er nie weg, und zweitens ist es nicht die politische Rechte, die den Antisemitismus im Netz dominiert – er kommt aus der gesamten Gesellschaft. Untersucht wurden verschiedene große Debatten, darunter die über Beschneidung im Jahr 2012 (23 Prozent antisemitische Kommentare), über den Gaza-Krieg 2014 (ebenfalls 23 Prozent) und über Gabriels Gleichsetzung der israelischen Politik im Westjordanland mit einem Apartheidsstaat 2017 (30 Prozent). Für die Auswertung der Kommentare zu diesen Debatten wurde eigens ein Programm namens „Crawler“entwickelt. Das Ergebnis: Die Anzahl antisemitischer Kommentare im Netz hat sich in zehn Jahren verdreifacht. „Das Web ist heute insgesamt der Hauptmultiplikator für Antisemitismus in unserer Gesellschaft", sagte Schwarz-Friesel.

Hinter dieser Zunahme macht sie jedoch keine rechten Trolle aus, die koordiniert Antisemitismus verbreiten, wie dies in sonstigen Untersuchungen zu Hate Speech im Netz der Fall ist. Das gäbe es zwar auch, so Schwarz-Friesel, doch die Kommentare kämen insgesamt aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. In der radikalen Linken basiere der Antisemitismus auf „Antizionismus“, der Antisemitismus der gebildeten Mittelschicht sehe die israelische Politik als verantwortlich für Antisemitismus, muslimischer Antisemitismus setze Israel als Unrechts- und Unterdrückerstaat – und vermische dies mit NS-Vergleichen und entmenschlichenden Metaphern wie „Krebsgeschwür“, „Pest“ oder „Dreck“.

Diese Vermischung ist es, die die Studie der Linguist*innen stark machen. So würde Israel als Staat auch da kritisiert, wo er gar keine Rolle spiele, etwa in der Debatte über Beschneidung in Deutschland, in der auffällig häufig der Verweis auf den israelischen Staat gefunden wurde. In der Gaza-Debatte vermischten sich klassisch antisemitische Kommentare (40 Prozent) mit sekundär antisemitischen Kommentaren (14 Prozent) und israel-bezogenen Antisemitismen (46 Prozent).

Was sehr trocken wissenschaftlich klingt, taucht im Netz dann so auf: „Ich unterstütze keine Mörder ... Israel ist der Teufel der Neuzeit“.

Der klassische Antisemitismus macht der Studie zufolge 54 Prozent der Kommentare aus, in denen Antisemitismus festgestellt wurde. Nun kann man gegen die Methodik der Linguisten aus soziologischer Perspektive durchaus Kritik üben. Wie ist es etwa möglich, die gesellschaftlichen Gruppen, die hinter diesen Kommentaren stehen, trennscharf zu charakterisieren? Woher weiß man, ob nicht, wie sonst so häufig im Netz, gezielt Rechte am Werk sind, die mit mehreren Accounts die Kommentarspalten manipulieren und Antisemitismus streuen?

Die sprachwissenschaftliche Sicht, mit der das Forscherteam der TU an die Studie herangegangen ist, hat jedoch auch einen Vorteil. Sie erlaubt es, aufzuzeigen, dass jahrhundertealte antisemitische Sprachbilder weiterhin Bestand haben und angewandt werden. „Der Antisemitismus ist so tief in der Gesellschaft verwurzelt, dass nicht einmal der Holocaust flächendeckend eine Zäsur bringen konnte“, sagt Schwarz-Friesel am Ende der Studienvorstellung. Das Gefährliche an der aktuellen Entwicklung: Im Gewand des „sekundären Antisemitismus“ werde Antisemitismus enttabuisiert, also immer offener sagbar.

Ob es bei dem Sagbaren bleibt und nicht sogar in das Handelbare umzuschlagen droht, diese Frage stellt sich aktuell in Niederösterreich. Hier schlägt der FPÖ-geführte Landesrat für Tierschutz Gottfried Waldhäusl vor, das Schächten von Tieren zu verbieten, das für koscheres Fleisch notwendig ist. Der Vorschlag kommt übrigens nicht einfach „von rechts“, sondern geht offenbar auf Waldhäusls Vorgänger Maurice Androsch zurück – einen SPÖ-Politiker. Da Jüdinnen und Juden jedoch auch in Österreich das Ausüben ihrer Religion verfassungsmäßig verbrieft bekommen, soll nur ihnen erlaubt sein, koscheres Fleisch zu kaufen: indem sie namentlich registriert werden – auf einer Liste.

Was kann gegen den offener zutage tretenden Antisemitismus unternommen werden? Schwarz-Friesel merkt an, dass es nicht mehr reicht, Schüler*innen Filme über den Holocaust zu zeigen – der erhobene Zeigefinger aktiviere nur den Abwehrreflex. Es müsse gelingen, emotional an antisemitische Reflexe heran zu kommen – nicht rational. Sie empfiehlt "sapere aude", ein Projekt, das junge Jüd*innen in Deutschland für Youtube-Shows fördert. Koscher Kochen im Netz gegen den Antisemitismus? Wie viele Shakshuka müssen wohl gekocht werden, um Listen-Phantasien aus deutschen und österreichischen Köpfen zu vertreiben?

Ergänzung: Inzwischen ist in Niederösterreich zwischen FPÖ und SPÖ ein Streit darüber entbrannt, wer Urheber des Vorschlags zur Eindämmung von Schächtungen ist. Der ehemalige SPÖ-Landesrat Maurice Androsch erklärte am Donnerstag, dass sein Vorhaben nichts mit dem aktuellen Plan der FPÖ zu tun habe: er habe lediglich die Personen registrieren wollen, die Schlachtungen durchführen, nicht die Käufer des koscheren Fleischs.

13:28 19.07.2018

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