„Zoomen ist wie ein neuronaler Leerlauf“

Berührung II Der Haptikforscher Martin Grunwald erklärt, warum Smartphone-Streicheln keinen Körperkontakt ersetzt und was die Angst vor dem Corona-Kick auf der Straße mit uns macht
„Zoomen ist wie ein neuronaler Leerlauf“
Diese schöne glatte Oberfläche ...

Foto: Iindranil Mukherjee/AFP/Getty Images

Der Psychologe Martin Grunwald wird in diesen Tagen viel angerufen: Journalistinnen wollen wissen, warum wir uns so häufig im Gesicht anfassen; was passiert, wenn wir uns nicht mehr gegenseitig berühren; wie wir lernen können, nichts mehr anzufassen – uns nicht, die anderen nicht, die Türklinken nicht. Ich will auch etwas von ihm wissen. Warum wird meine körperliche Beziehung zum Smartphone derzeit eigentlich so ... intensiv? Leider teilt Martin Grunwald meine Liebe für Smartphones nicht.

Der Freitag: Herr Grunwald, seit Corona besteht meine Kommunikation mit der Außenwelt darin, den ganzen Tag mein Smartphone zu streicheln, und ...

Martin Grunwald: Sie armer Mensch.

Wieso? Ich tue das eigentlich gerne. Diese schöne glatte Oberfläche ...

Ihre Bindung zu diesem Gerät ist so stark, dass man schon von einem zusätzlichen Körperteil sprechen kann. Das erleben wir hier auch im Labor. Wenn wir EEG-Untersuchungen für Messungen im Gehirn machen, müssen die Leute ihre Geräte im abgeschlossenen Vorraum lassen, weil Funktechnik am Körper die Messungen beeinflussen würde. Wir haben festgestellt, dass sie sich in den EEG-Kabinen überhaupt nicht mehr konzentrieren können. Erst dann wieder, wenn sie ihr Handy – im ausgeschalteten Zustand! – in der Kabine in einer Halterung sehen. Da ist nicht nur eine extreme kognitive, sondern auch körperliche Abhängigkeit entstanden. Ich habe kein Handy, aber sehe die Folgen im Hörsaal ...

Sie haben kein Handy?

Kein Smartphone. Ich habe so ein Teil für 12,50 Euro. Damit kann ich telefonieren, und eine Eieruhr hat es auch.

Was soll schlimm daran sein, wenn das Smartphone Teil vom eigenen Körper wird?

Wenn Sie immer nur über eine hochglatte Oberfläche streichen, hat Ihr sensorisches und neuronales System nichts mehr zu leisten. Es gibt keine Unterschiede. In Untersuchungen haben wir festgestellt, dass die Tastsinnleistung von Studenten so schlecht ist wie die von älteren Menschen. Hier verkümmert ein sehr komplexes System. Das größere Problem ist aber sicher die kognitiv-emotionale Abhängigkeit zu diesem Gerät. Bei falscher Nutzung ist es zudem ein mächtiger Lebenszeitfresser.

Über dieses Gespräch

Ich zoome. Den ganzen Tag telefoniere und zoome und slacke und chatte ich. Und es nervt, denn es ist einfach nicht das Gleiche. Wie Menschen zu treffen. Ich meine: körperlich zu treffen, in einem Raum zu sein. Es fühlt sich nicht gleich an. Was ist das, was da fehlt? Das will ich wissen. Ich habe deshalb einen Mikrobiologen, einen Haptikforscher und eine Neurowissenschaftlerin gefragt, was Nähe und Berührung eigentlich ausmacht. Dies ist Teil 2 der Mini-Serie „Berührung“, Teil 1: Körpergemeinschaft können Sie hier und Teil 3: Kuschelhormon-Entzug hier lesen

Ich stelle fest, dass sich durch Corona mein Verhältnis zu Flächen ändert. Außerhalb meiner Wohnung registriere ich plötzlich alles, was ich anfasse: Die Haustürklinke, den Einkaufswagen, die Tasten vom Kartenleser an der Supermarktkasse ... Was für Folgen hat es, wenn Menschen die Berührung ihrer Umwelt als Bedrohung empfinden?

Bei Flächen ist es schwierig zu sagen, aber es ist etwas fundamental Anderes, von einem vertrauten Menschen berührt zu werden als von jemandem, dem wir misstrauen. Werden Sie unerwartet von einem Fremden berührt, ist im EEG zu sehen, wie Sie sich extrem anspannen. Verkrampfen. Sie reagieren mit Befremden, Angst, Aggressivität.

Sie sprechen von normalen Zeiten.

Jetzt verschärft sich das. Der öffentliche Raum ist nichts Vertrautes mehr, wird gar zur „Gefahrenzone“ erklärt. So verhalten wir uns. Die Straße ist kein Ort mehr, den man frei nutzen kann, sondern man muss die Benutzung rechtfertigen. Man mustert einander ...

Ja, warum tue ich das? Was suche ich da im Gesicht des Anderen? Was will ich wissen?

Ihr Blick prüft, ob der Andere gefährlich ist für Sie. Wir sehen den Menschen auf der Straße an, als würde er jeden Moment auf uns zustürzen und uns den Corona-Kick geben! Der Andere wird vor allem als potenzielle Keimquelle wahrgenommen.

Gleichzeitig fällt die vertraute Berührung durch die Isolation weg, oder wird stark reduziert. Was fehlt uns da konkret?

Eine vertraute Berührung setzt im Körper einen komplexen biochemischen Prozess in Gang. Die Rezeptoren in der Haut senden ihre elektrischen Signale Richtung Gehirn, dort werden biochemische Substanzen ausgeschüttet, die im Hirn zur Wirkung gelangen, aber auch über die Blutbahn den übrigen Teil des Körpers erreichen. Die Herzfrequenz verlangsamt sich, die Atmung wird flacher, die Muskulatur entspannt sich. Wir empfinden positiv, haben weniger Angst, das Immunsystem reagiert. Vertraute Berührung sorgt für ein Rundum-Sorglos-Paket ohne Nebenwirkungen.

Was passiert, wenn ich gar nicht mehr berührt werde, wochenlang?

Es kommt darauf an, wie Sie vorher gelebt haben. Wenn Sie schon ein allein lebender Mensch waren, der sowieso keine sozialen und körperkommunikativen Aspekte in sein Leben integriert, sind Sie von solch einer Situation relativ unberührt.

Und wenn ich vorher viele verschiedene Menschen berührt habe, regelmäßig?

Dann wird sich ein körperkommunikativer Mangel einstellen. Der nimmt für einige Menschen dramatische Ausmaße an, andere können damit besser umgehen. Nicht alle leiden gleichermaßen unter dieser Körpersituation.

Was ist mit alten Menschen? Es wird ja darüber diskutiert, ob sie noch länger in Isolation leben sollen als die jüngeren ...

Das war schon vor Corona eine wichtige Debatte in der Pflege: Bei vielen Erkrankungen im Alter haben Körperberührung, Massage, Physiotherapie positive Effekte. Häufig können demente Personen ihre Familie nicht mehr erkennen, aber eine Massage gibt glückselige Entspannung. Man kann nicht mehr reden, aber Schulter an Schulter gehen. Das social distancing ist für jüngere sicher schwerer zu bewältigen als für Ältere. Aber unabhängig vom Alter ist es für das Säugetier Mensch generell problematisch, längere Zeit ohne ausreichenden Körperkontakt leben zu müssen.

Wie äußert sich ein Mangel an Berührung?

Andauernder Körperkontaktmangel kann zu leichten bis mittelgradigen Depressionen führen, einschließlich psychosomatischer Erkrankungen. Kinder reagieren auf den Mangel schneller als Erwachsene. Erzieher etwa berichten, dass sie die Kinder, die sie betreuen – es handelt sich um die Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen, Ärztinnen oder Pflegepersonal – nicht mehr anfassen und ihnen sagen, dass sie sich nicht mehr gegenseitig anfassen sollen. Kinder sind die fragilsten Organismen. Die brauchen körperliche Interaktion für ihre Entwicklung. Bleibt sie aus, kann das pathologische Ausmaße annehmen. Im Schlimmsten Falle stellen sich Entwicklungsstörungen ein.

Haben Sie ein Beispiel für solch eine Entwicklungsstörung?

Ich habe mich viel mit Magersucht beschäftigt. Bei anorektischen Kindern hat es meist keine gesunde und ausreichende Körperinteraktion in der Kindheit gegeben. Die Eltern geben normalerweise die Botschaft: Dein Körper ist so, wie er ist, in Ordnung. Das findet auf nichtsprachlicher Ebene statt: wie man das Kind hält, sich ihm körperlich zuwendet, oder es von sich stößt, als unreif oder schmutzig. Die eigene Körperwahrnehmung braucht das positive körperliche Feedback aus dem sozialen Umfeld. Die meisten anorektischen Patienten kommen aus gebildeteren Gesellschaftsschichten. Häufig aus Familien, in denen es emotional eher kühler und nicht körperlich zugeht.

Zur Person

Der Psychologe Martin Grunwald leitet seit 1996 das Haptik-Forschungslabors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Für sein Werk Homo Hapticus erhielt er 2018 den Wissenschaftsbuchpreis

Auch kulturell gibt es Unterschiede in der Frage, wie wichtig körperliche Berührung genommen wird ...

In Puerto Rico berühren sich zwei Menschen während eines Abends in Restaurant etwa 180 Mal; in Frankreich 110 Mal; und in den USA nur zweimal. Zu Deutschland gibt es leider keine Zahlen, aber bedenken Sie: Auch die Westdeutschen haben eine andere Art der Körperkommunikation als die Ossis.

Sie meinen das Händeschütteln?

Ich bin in einer stark ausgeprägten Handgebekultur aufgewachsen. Als die Wende kam, habe ich deutlich gemerkt, dass es diese Kultur in den alten Bundesländern kaum gibt. Die ersten Westdeutschen schlugen hier auf, mit ihrer ganz eigenen Kommunikationsart ... und die Kommunikationskultur entwickelte sich in eine neue Richtung, sagen wir, britischer Zurückhaltung.

Spielte der Körper insgesamt eine größere Rolle, in der DDR?

Es gab vielleicht eine andere Art von Zufriedenheit mit dem eigenen Körper, die sich auch in der Freikörperkultur zeigte.

Mein Eindruck ist, es gibt auch jetzt wenig Problembewusstsein darüber, dass ein Telefonat oder eine Zoom-Konferenz nicht das Gleiche ist wie körperliche Anwesenheit.

Nähe ist nicht über ein Telefonat herstellbar. Nahe sein heißt für ein Säugetier, den dreidimensionalen Körper auch dreidimensional wahrzunehmen. Dies lässt sich nur durch den Körperkontakt erfahren. Fällt der über einen längeren Zeitraum weg, ist das wie ein neuronaler Leerlauf. Um sicher zu sein, dass der andere da ist, und dass man selbst existiert, braucht man Körperinteraktion. Denn ein Bild auf dem Laptop kann ja auch eine Illusion sein. Ein Ton kann auch ein Traum sein. Sehen Sie nur, was wir alles träumen!

Wenn wir also nur das Bild des Anderen haben, dann sind wir uns nicht mehr so sicher, ob es ihn überhaupt gibt?

Ein Bild genügt unseren sensorischen Bedürfnissen auf Dauer nicht. Unsere Säugetierspezies hat sich in der Evolution bislang ausschließlich in Gruppen entwickelt. Ausschließlich! Unsere Art ist elementar auf physischen Kontakt mit anderen ausgerichtet. Wir sind nicht konstruiert, um alleine zu sein oder auf Bildschirme zu schauen den ganzen Tag.

Das kann sich aber doch ändern? Durch die Digitalisierung werden Stimmen und Bilder relevanter, und der Körper lernt, den Anderen und die eigenen Grenzen digital wahrzunehmen?

Sie müssen sehen: Es ist eine Fähigkeit, miteinander zu leben! Um einen Bildschirm vollzuquatschen, muss ich keine Fähigkeit entwickeln. Aber um mit jemandem in einem Raum zu sitzen, ihn auszuhalten und mit ihm Dinge sprachlich oder körperlich zu managen ... das ist eine extrem komplexe Anforderung! In einer digitalisierten Kindheit geraten Menschen in Gefahr, diese Fähigkeit zu verlernen.

Woran liegt es, dass das Bewusstsein für Körper und Berührung so gering zu sein scheint?

Die akademische Psychologie hat in ihrer Gründungsphase dezidiert den Tastsinn als niederen Sinn abgewertet. Auch die Religion spielte hier eine Rolle: Berührung und Körper wurden mit animalischen Aspekten in Verbindung gebracht, und natürlich mit Sexualität. Jeder Wissenschaftler, der etwas auf sich hielt, hat einen Bogen um den Tastsinn gemacht. Um finanziell gefördert zu werden. Noch heute ist das in der akademischen Psychologie zu spüren.

Wenn Berührung nun über lange Zeit als krankheitsübertragend, gefährlich, unsolidarisch angesehen wird, was hat das für Folgen für unsere Wahrnehmung von Körperlichkeit?

Als geprüfter Ossi weiß ich, dass man nicht zweimal in denselben Fluss hineinsteigen kann. Alles fließt, ein gesellschaftliches Ereignis und der von ihm ausgelöste Wandel werden unweigerlich Teil unserer Existenz. Die Menschheit befindet sich in einer unvorhergesehenen Situation; aus wissenschaftlicher Perspektive ist das eine spannende Phase. Wohin sie führt, dazu möchte ich noch keine Hypothesen aufstellen.

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15:10 16.04.2020

Ausgabe 32/2020

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