"Äkta människor" - Die besseren Menschen

Neue Arte-Serie Am 4.April startete auf Arte "Real Humans". Das Szenario ist bekannt. In dem Setting der schwedischen Serie stellen sich alte Fragen – aber direkter als bisher
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
"Äkta människor" - Die besseren Menschen

Foto: arte.tv

Ein Sohn kommt nach der Trennung der Eltern nicht mit dem neuen Freund der Mutter klar; Die neuen Angestellten einer Firma sind billiger, schneller, murren nicht und bedrohen die Arbeitsplätze der Stammbelegschaft; Das Hausmädchen übernimmt die Rolle der Mutter - für die jüngste Tochter wie für den Ehemann, der sich zu ihr hingezogen fühlt. All dies kennen wir als Schema-F Handlungsstränge unzähliger Seifen-Opern, aus Emmy-prämierten US-Serien, sich gesellschaftskritisch dünkenden Familiendramen und dem französischen oder englischen Zelloid-Klassenkampf.

Die neue, schwedische Science-Fiction Serie "Äkta Manniskor", die seit dem 4. April in Doppelfolgen unter dem Namen "Real Humans - Echte Menschen" auf Arte ausgestrahlt wird, macht da keine Ausnahme. Bis auf die Tatsache, dass eine Gesellschaft portraitiert wird, in der antropomorphe Roboter - genannt "Hubots" - den "echten" Menschen die lästigsten der alltäglichen Verrichtungen und Widrigkeiten des Lebens abnehmen. Rasenmähen, Einkaufen, der Abwasch, Gassi gehen, und nicht zuletzt - unter Reduzierung lästiger menschlicher Fehlbarkeit - monotone Fabrikarbeit.

Aber auch zur Pflege des altgewordenen Vaters, als Betreuung der eigenen Kinder und Pesonal Trainer machen sich die in der Serie von einigen abschätzig als "Ding" oder "Maschine" titulierten Androiden ganz gut. Aber klar: Hat man die "Hubots" erstmal ins familiäre Umfeld gelassen und die richtige Software hochgeladen, scheinen sie sich – angesichts öden Alltagstrotts, alltäglichen Streits und der in die Jahre gekommenen Ehepartner –, ebenso gut als geduldige Zuhörer, mit unfehlbar überflüssigem Faktenwissen begabter Partygäste und nicht zuletzt als nimmermüde und stets gut gelaunte Geliebte zu erweisen.

Wird auf der einen Seite also die Grenze vom Menschen zum Roboter überschritten, überschreiten die Roboter selber die Grenze zum Mensch-Sein. Denn im Kontrast zu der Innenansicht ebenjener unterschiedlich typischer Muster- und Mittelstandsfamilien schlagen sich eine Hand voll "freier" Hubots – immer auf der Suche nach sich selbst und der nächsten Steckdose – durch die schwedische Widlnis und gehen bei dem Versuch unentdeckt zu bleiben auch mal über Leichen, während die auf den Plan tretende "Hubot-Einheit" der Polizei (übrigens ein Duo aus Hubotbesitzer und einer erklärten Feindin der menschelnden Maschinen) der Gruppe auf den Fersen ist und es vorerst nicht für möglich halten will, dass die Maschinen mit mehr Eigenständigkeit begabt seien als "Toaster".

Den vermeintlichen Anführer der Roboter-Rebellen, einen Menschen, der - wie sich später herausstellt - scheinbar wie auch seine Hubot-Freunde einen USB-Zugang respektive Stromanschluss besitzt, die aus einer schmerzhaft aussehenden Wunde klaffen, umgeben durch unvollständige Flash-Backs geschürrte Geheimnisse: Was hat sein Vater mit den nun umherstreifenden Automaten gemacht, dass sie nun so gar nichts mehr mit ihren domestizierten Blechgenossen gemeinsam haben? Was hat der angedeutete Tod seiner Mutter mit all dem zu tun? Und wie kam es zu der Beziehung zu dem Hubot, der zu Beginn der ersten Folge über Umwege bei einer der im Mittelpunkt der Handlung stehenden Familien landet und den noch-menschlichen Anführer anscheinend dazu bringt, den Hubots immer ähnlicher werden zu wollen?

Roboter als "Spiegel unserer eigenen Existenz"

Aber im Grunde genommen ist diese Geheimniskrämerei – ja ein Großteil der Stroy – nur Beiwerk. Nach den ersten zwei Folgen ahnt der geneigte Zuschauer schon, was da vor sich geht. Denn Lars Lundström, der Autor einiger erfolgreicher Genremixe aus Schweden (Poliser, Labyrinth, Wallander), erzählt diese und andere Geschichten in "Real Humans" nicht ohne Hintergedanken. Wie er im Arte-Interview verrät, sind ihm zwei Punkte bei der Serie besonders wichtig. Einmal stelle sie Fragen nach dem Menschsein an sich, diene als "Spiegel unserer eigenen Existenz", traurig und aufschlussreich zugleich, dass wir dazu schon der Negativfolie antropomorpher Rechenmaschinen bedürfen. Zum anderen ginge es darum, die Serie "als Metapher" zu nutzen, "um gesellschaftliche Probleme anzusprechen, die man heute einfach nicht mehr ignorieren kann." Die sich direkt stellende Frage, warum dies über den Umweg der Dystopie geschehen muss, beantwortet Lundström postwendend selber: "politische Umwälzungen, Homoehe, illegale Einwanderung. Spricht man diese Themen in einer Serie direkt an, wird das schnell langweilig." Klingt aufs erste plausibel, bedenkt man die redundanten Reiz-Reaktionsmuster, nach denen heutiger Medienkonsum der "breiten Massen" oftmals gestrickt ist. Doch greift diese Strategie?

So erzählt beispielsweise die Nebengeschichte des einsamen Rentners, der sich, anstatt ins Haus seiner Tochter und seines Schwiegersohns aufgenommen zu werden, mit einem "Ms. Dougthfire" ähnlichen Haushaltsroboter medizinischer Überwachung und unerbittlichem Tugendterror ausgesetzt sieht, eigentlich von den "überflüssigen" Alten unserer spätkapitalistischen, scheinbar überalterten Gesellschaft. Benutzen die politischen und wirtschaftlichen Eliten sie heute, um mit dem "Pflegenotstand" oder der Lüge von der höchst bedrohlichen "Demografischen Entwicklung" wahlweise auf Stimmenfang zu gehen, Alt gegen Jung auszuspielen oder soziale Einschnitte und die Privatisierung des Sozialstaats voranzutreiben (im schlimmsten Falle alles zusammen), werden sie in "Real Humans" der berechnenden Kälte eines Pflegeroboters überantwortet, der trotz angepriesener "eingebauter Geselligkeit" so gar keine menschliche Wärme versprühen will. Im Gegensatz zu den von überarbeiteten und von Qualitätssicherungsprozeduren gehetzten Pflegekräften nur notdürftigst versorgte und in 100erter Kolonnen abgefertigten SeniorInnen mag das etwas besser klingen (immerhin gibts eine günstige 24/7 Versorgung), in der Serie wie in der Realität aber bleibt das Gefühl des Überflüssigseins, des alten Menschen als ungeliebte Planstelle in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung bestehen.

Natürlich darf bei alledem – sind wir schon bei den gesellschaftskritischen Aspekten der Serie angelangt – auch der Protest gegen die Hubots nicht fehlen. Eine Art (Wut)bürgerbewegung, zeichnet sich durch Technikfeindlichkeit im Allgemeinen (olle Handys, der Automatenkaffee landet, begleitet von ruden Flüchen in der Mülltonne) und tiefste Feindseligkeit gegenüber den Hubots im Besonderes aus. Kurz: in der Welt von "Äkta Människor" klebt ihnen etwas zutiefst Altmodisches und Konservatives an. Der alte Malocher mit Bierbauch und einer Affinität zu (häuslicher) Gewalt und der Hinterwälder mit Schrotflinte, Pick-Up und panischer Angst vor dem "Aufstand der Roboter", der zusammen mit seiner Frau - ironisch genug - von einer aus der wohl einzig in Schweden herumstreunen Hubot-Clique dahingemeuchelt wird. Diese Zusammenstellung erinnert an den für den typischen Linksliberalen klischeehaften Rassisten, übervorteilten Verlierer der Globalisierung, "Europa-Gegner" ja Tea-Party-Mitglied, der seine aufgestaute Wut über die Moderne, die Urbanisierung und dieses ganze Gefassel von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" nurmehr mit Arbeitslosigkeit, Überfremdung und der Entfremdung von der politischen Klasse assoziiert an den Schwächsten der Gesellschaft auslässt, in diesem Fall den Hubots.

Roboter - Die besseren Menschen?

Die Gegner der Roboter erscheinen also als äußerst unsympathisch, ihre Kritik aus eigenen Unzulänglichkeiten gespeist, die Ursache ihrer Wut liegt in der Abstraktheit gesellschaftlicher Strukturen. Konkret können sie diese – ähnlich den Luddisten der frühen Industrialisierung – nur gegen die Symptome dieser tiefer liegenden Ursachen, die Hubots, richten. Aber auch die "Benutzer" der Roboter lassen den blechernen Hausmädchen nicht immer Freundlichkeit und Rücksicht angedeihen: Ein kleines Mädchen scheucht die Hubots quer durch die Wohnung. Von der Mutter derselben wird prinzipiell erstmal bei ihr jegliche Schuld gesucht. Der Freiheitsdrang der umherstreifenden Roboter, ihr Streben nach Menschlichkeit, ihre Angst vor dem Tod verschafft ihnen als "Rebellen und Unterdrückte" einen Zuschauerbonus. Und die eingesetzten Roboter in der Fabrik und dem Bordell sind doch schließelich auch nur Werkzeuge jenes kapitalistischen, zumindest ausbeuterischen Systems, als dessen Signum sie als Hilfsmittel erscheinen müssen (die Chefin der Fabrik, in welcher der oben skizzierte Vorzeige-Prolet schufftet schwärmt geradezu von den Vorteilen des vollautomatischen Kapitalismus). Sind die Hubots also in dieser Welt, die bis auf ebenjene maschinenhaften Helfershelfer so sehr an unsere gemahnt (das war ausdrückliche Absicht von Lars Lundström!), die besseren Menschen?

Betrachten wir die Kulturgeschichte des Roboters, so zeigt sich, dass viele der Geschichten – sei es die unbeabsichtigte Historizität und dialektische Unbewusstheit kultureller Artefakte oder aber intendierte Gesellschaftskritik – im Grunde genommen immer davon handeln, dass die Missstände unseres Zusammenlebens auf die imaginierten, mit mensch-ähnlichen Fähigkeiten ausgestatteten, gar mit Geist und Intelligenz begabten Maschinen projeziert werden. So, als ob es der bürgerlichen Gesellschaft (wie so oft) in diesem Fall unmöglich wäre, durch die Augenbinde Justitias, über die abstrakte Gleichheit und Freiheit der "echten" Menschen hinaus die vor allem durch Klassen- aber auch Geschlechter- und Hautfarbenunterschiede verursachten allgegenwärtigen Ausbeutungsverhältnisse wahrzunehmen.

Es scheint der sich verselbstständigenden Maschine zu bedürfen, des denkenden Werkzeugs, dessen Arbeiteraufstände und Revolutionen wie selbstverständlich in "I, Robot","Terminator" oder dem Matrixuniversum thematisiert werden, um Ausbeutungsverhältnisse im Welt, im Menschheitsausmaß sichtbar zu machen. Der höchste Ausdruck der Entfremdung, der Entäußerung, die Delegation von Denken und bewusstem Handeln auf menschliche Maschinen also, die stählerne Mimesis, an dessen Ende nicht selten die Maschine obsiegt, kann uns in der Erkenntnis zu uns selbst als Menschen kommen lassen.

Das Andere, das Fremde was in den Maschinen sich uns gegenüberstellt, ist in unserer Welt der Spiegel der vereinzelten Menschen, die sich verständnislos, instrumentell, auf sich selbst zurückgeworfen gegenüberstehen. Es ist aber auch Geschichte über die Ausgestoßenen, Ausgenutzten, Fremden, die gebraucht, aber nicht gemocht werden, wenn benutzt weggeschmissen, deren Liebe zueinander und mit denen des Inner Circle nicht geduldet, deren Existenz eine ganz für etwas Anderes ist. Letzterer ein Zustand, den wir alle fürchten, nicht Herr unserer selbst zu sein und doch: den Mechanismen des Tausches, der Konvention der Lohnarbeit, der täglichen Reproduktion in zu Unrecht und Entfremdung geronnen Gesellschaftsstrukturen ist nicht einfach zu entkommen und lässt uns nicht selten in Ohnmacht zurück - wie Maschinen vorprogrammierte Routinen durchlaufen.

Alle "Hubots" könnten durch Menschen ersetzt werden

Auch in "Real Humans" zeigen sich diese Mechanismen in mannigfacher Weise: Der Hass des Fabrikarbeiters auf die Roboter-Angestellten (oder besser: Sklaven) erinnert an den Hass auf "Ausländer, die die Arbeit wegnehmen", das Unverständnis, was den Roboter-Mensch-Beziehungen entgegengebracht wird, gemahnt an die durch die bürgerrechtlichen Fortschritte nur um so deutlicher hervortretende Homophobie auf der ganzen Welt. Gleichzeitg scheinen die Roboter in der Serie vormals nicht vorhandene oder unterdrückte Gefühle erst hervorzurufen: Der in der Monotonie des Alltags gefangene Familienvater liebäugelt schon allein angesichts der Möglichkeit mit der Installation des "im Packet mitinbegriffenen" Sexchip für den Hausroboter; Seine Frau bricht demütig in Tränen aus, als sie erkennt, dass sie den Hausroboter unschuldig des Diebstahls bezichtigte. Die geschlagene Ehefrau findet in ihrem Personal Trainer einen gefühligen Gefährten und ist in dieser Vorliebe für den "Traummann mit Steckdose" nicht allein.

Es bleibt festzuhalten: Alle "Hubots" könnten durch Menschen ersetzt werden, obwohl in der Serie eigentlich die Menschen durch Roboter ersetzt werden. Bis auf – und das sagt viel über die derzeitigen Emanzipationshorizonte in der Krise aus – diejenigen, die den Menschen am ähnlichsten geworden sind. Gerade diese aber wollen ausbrechen, gerade diese wollen "frei" sein. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Serie entwickelt und welche philosophischen und gesellschaftskritischen Elemente sich noch in dieser als "Deseperate Housewifes" mit Robotern getarnten Science-Fiction verstecken. Lundström arbeitet gerade an der zweiten Staffel und- wer hätte es gedacht - ein US-Remake ist auch schon in der Mache.

"Real Humans" - Echte Menschen

Ab 4.4.2013

Immer Donnerstags jeweils 2 Folgen auf Arte

Dies ist mein erster Artikel, also habt etwas Nachsicht für etwaige stilistische, inhaltliche und die Länge betreffende Schnitzer. Um eine abschließende Kritik der Serie zu beschreiben, bedarf es selbstverständlich der Sichtung weiterer Folgen. Die hier gelieferten Überlegungen betreffen lediglich Folge 1 und 2.

03:24 05.04.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elsa

"Ich bin schließlich Der ich bin." Arno Schmidt
Schreiber 0 Leser 0
Elsa

Kommentare 6