Scheint die Sonne auch für Nazis?

Meinungsfreiheit Tl;dr Im Umgang mit „Dunkeldeutschland“ ist offener Dialog und echte Verständnisbereitschaft hilfreicher als heuchlerisches Oberlehrertum.
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Sonnenschein für Nazis? Nicht mit Farin Urlaub. Außerdem bekommen solche Menschen „ihre Bildung aus der Bild und die besteht, wer wisse das nicht, aus Angst, Hass“ und anderen schönen Sachen.

Das letzte Mal als „Hart aber Fair“ lief, war es wie schon so oft davor: Weder hart noch fair. „800.000 Flüchtlinge, schafft Deutschland das?“ Alle Beteiligten hätten die Frage einfach bejahen und nach Hause gehen können. Doch man gab sich lieber 70 Minuten gegenseitig Recht. Echte Diskrepanz kam nicht wirklich auf. Wie auch? Keiner der Anwesenden würde sich auf die Seite der „braunen Soße“ stellen um einen Begriff von Georg Restle zu benutzen, und das aus gutem Grund. Doch Mehrwert oder Informationen sehen anders aus und wenn ich ehrlich bin, habe ich mir das nur wegen Ranga Yogeshwar angeschaut, nicht weil ich von den journalistischen Qualitäten Frank Plasbergs überzeugt bin oder gedacht habe, dass der Politiker von der CSU und der zeigefingerwedelnde Schreihals von den Grünen unterschiedliche Positionen vertreten könnten. Wer sich einen CSU-Politiker einlädt holt sich nicht gerade Franz Josef Strauß ins Haus, sondern einen langsamen Politprofi, der nur mal was rechtes sagt um auch weiterhin in der schönen Landeshauptstadt wohnen zu können. Wer denkt, man hätte sich mit einem konservativen Politiker einen Vertreter für den rechten Rand unserer Gesellschaft eingeladen, glaubt auch, dass Schäuble gerade Griechenland rettet.
http://i.imgur.com/LpCE6eo.pngKonservativ hat nur Angst um seinen Ministerposten, Rechts hingegen um seine Existenz, weil schlecht ausgebildete Flüchtlinge nun mal wirklich seinen Arbeitsplatz übernehmen könnten. Rechts hat auch Angst um Arbeitslosengeld, um Arbeitnehmerrechte, die jede Legislaturperiode mehr beschnitten werden, Angst um zerfallende Autobahnbrücken und veraltete Klassenzimmer. Rechts fragt sich, seit wann Deutschland ein reiches Land sei, das locker knapp eine Mio. Flüchtlinge aufnehmen könne. Und Rechts hat auch was gegen Asylbewerberheime in der Nachbarschaft, weil das Eigenheim dann nur noch die Hälfte wert ist. Denn anders als Talkshows ist der Wohnungsmarkt wirklich hart und heuchelt nichts schön. Rechts ist nicht Konservativ, sondern eben Rechts und hat mächtig Angst.

Schaut man sich in der Medienlandschaft der letzten Wochen um, ist man sich so einig, wie zuletzt bei George W. Bush. Jeder freut sich über die Flüchtlinge und hat selber schon gespendet. Promis oder Leute, die sich für welche halten rufen dazu auf Flüchtlinge zu Hause aufzunehmen ohne selber wirklich was zu machen und Schuld ist einfach die furchtbar ungerechte Welt da draußen.
Und natürlich „der Fascho“, dem man keine Bühne geben darf, außer wenn man ein Paradebeispiel für einen „Dunkeldeutschen“ braucht, dann darf auch mal der Karl-Heinz aus Dresden seine Nase in die Kamera halten. Aber nur so lange, dass es gerade reicht sich selbst besser zu fühlen und sagen zu können: seht her, der hässliche Deutsche! Der Dummkopf, der sich mal besser auf einer Reise bilden sollte, vorzugsweise in der Karibik, wie Gero von Randow es in der Zeit ausdrückte. Wie zynisch das für einen Hartz-IV-Empfänger klingt, der seine Arbeitschancen mit jedem Flüchtling schwinden sieht, braucht man wohl nicht zu sagen.

Die Einen haben Angst vor „Sozialschmarotzern“ und brüllen: „Wir sind das Pack“. Die Anderen sind für offene Grenzen und sehen eine Chance in den Flüchtlingen. Wenn diese Menschen miteinander reden würden, würden sie vielleicht auch Gemeinsamkeiten entdecken, überzeugen und Ängste überwinden, denn Angst führt auf beiden Seiten zu Repression.
Vielleicht tun wir dann nicht mehr so, als ob es nur Paradebeispiele für Integration in der Vergangenheit gab, reden über Waffenlieferungen deutscher Firmen an mehr als dubiose Regierungen, über Zeitarbeit und Arbeitnehmerrechte oder über den Stellenabbau der Polizei in vielen Bundesländern. Und vielleicht gibt es dann sogar längst überfällige Grundsatzdebatten über den Föderalismus oder die NATO.
Eine ernst gemeinte Diskussion mit Heidenau. Wovor haben wir Angst? Eins ist sicher: So sehr wir auch alle gerne glauben wollen, dass das Rechte in Deutschland klein und dumm ist, Ressentiments gegen Fremdes sitzen tief und in viel mehr Köpfen als uns lieb ist. Vielleicht sogar in unseren eigenen. Und genau das wird in nächster Zeit nicht weniger werden, wenn die ersten Flüchtlinge in Gefängnissen sitzen, weil sie ohne Arbeitserlaubnis auf illegalen Wegen versucht haben Geld zu verdienen. Oder wenn die Zeitungen wieder über Ehrenmorde und Polizeimangel in Problembezirken schreiben. Machen wir uns nichts vor, bei 800.000 Menschen gibt es auch schwarze Schafe und das hat nichts mit Religion, Hautfarbe oder Herkunft zu tun.

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Es wird immer schwieriger diese Menschen zu überzeugen, wenn man Ihnen den Mund verbietet. Sei es direkt, weil sie eine falsche Ausdrucksweise haben und die Menge aufhetzen könnten oder indirekt durch Selbstzensur. Niemand hört zu, wenn er nicht auch was sagen darf. Fortschritte werden nicht durch Beleidigungen oder Zensur erwirkt, sondern durch Interaktion. Und zwar Interaktion auf Augenhöhe, nicht von oben herab aus einem Fernsehstudio heraus, gegen Menschen die nicht einmal da sind um sich verteidigen zu können. Dies kann nur geschehen, wenn in der öffentlichen Diskussion auch die Ihre Ansichten vertreten dürfen, die wir eigentlich nicht sehen wollen. Ihnen nur keine Bühne bieten zu wollen ist zu einfach. Was passiert denn, wenn man sie reden lässt? Wir haben die AFD und Pegida in unsere Talkshows gelassen und beide gibt es nicht mehr. Wenn man weniger rechte Gewalt und Angst in der Gesellschaft haben möchte, muss man die Meinungsfreiheit wieder ernst nehmen und sich auch denen gegenüber in Toleranz üben, deren Meinungen wir abscheulich, dumm oder für sonst was halten.

So sehr ich Farin Urlaub mag, schließen möchte ich doch mit einem Zitat von Albert Camus, der seine Hauptfigur, den Arzt Bernard Rieux in „die Pest“ sagen ließ:

„Das Böse in der Welt rührt fast immer von der Unwissenheit her, und der gute Wille kann so viel Schaden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. Die Menschen sind eher gut als böse, und in Wahrheit dreht es sich gar nicht um diese Frage. Aber sie sind mehr oder weniger unwissend, und das nennt man dann Tugend oder Laster. Das trostloseste Laster ist die Unwissenheit, die alles zu wissen glaubt und sich deshalb das Recht anmaßt zu töten. Die Seele des Mörders ist blind, und es gibt keine wahre Güte noch Liebe ohne die größtmögliche Hellsichtigkeit“

05:26 12.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Emil Neumann

ist meist mehr an den Diskussionen unter Artikeln interessiert.
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