Symbolisches Kapital

Medientagebuch „Texte zur Kunst“ feiert den 20. Geburtstag: Einige Anmerkungen dazu, wie man sich den amerikanischen Leser des Magazins vorstellen muss

Vor 20 Jahren gründeten Isabelle Graw und der inzwischen verstorbene Stefan Germer Texte zur Kunst. Beeinflusst von der Tradition einer politisch aufgeladenen Kritik, der sich das amerikanische Magazin October seit 1976 verschrieben hatte, sowie Theoretikern und Autoren wie Rosalind Krauss oder Clement Greenberg, die seit Mitte des Jahrhunderts in Amerika als maßgeblich galten, entstand die Vierteljahreszeitschrift 1990 in Köln. Seit zehn Jahren kommt das Periodikum, das eine gewisse Meinungsführerschaft im akademischen Milieu beanspruchen kann, aus Berlin.

In der recht abgeschotteten Kunstwelt bedeutet Meinungsführerschaft, sich in engen Kreisen zu bewegen. Mit Blick auf die Rezeption des deutschen Magazins mit seiner english section in den USA kann man sogar von sehr engen Kreisen sprechen, die sich konzentrisch vom Zentrum – den Bibliotheken der kunsthistorischen Seminare – nach außen bewegen, die Book Shops der Museen erreichen und schließlich in die Bücherregale der „Eingeweihten“ gelangen. Artforum, Art in America und andere einschlägige Magazine finden weit größere Verbreitung, da sie sich stärker am Markt orientieren.

Die erste Adresse für kulturelle Ephemera wie Texte zur Kunst ist in New York der Kunstbuchladen Printed Matter, in dessen Archiven man die meisten Ausgaben findet. Man kann das Heft auch bei Spoonbill and Sugartown, einem schönen Beispiel für die aussterbende Art der unabhängigen Buchläden, im ehemaligen Künstlermekka Williamsburg finden, wo die Gentrifizierung in vollem Gange ist.

Schon mal im MOMA gesehen

Die amerikanischen Verkaufszahlen von Texte zur Kunst zu verfolgen, wäre sicherlich eine interessante Übung in Sachen Marktforschung – wenn man bedenkt, dass bis vor ein paar Jahren der Großteil des Journals lediglich auf deutsch veröffentlicht wurde. Das Prestige des Magazins unter den amerikanischen Fans ist zweifellos höher als die konkrete Zahl an englischsprachigen Lesern. Und wenn, dann leben sie gegenwärtig mit großer Wahrscheinlichkeit in Berlin.

Das ist kein Zufall, hat sich die Bedeutung von Texte zur Kunst für Amerikaner doch gewandelt in dem Maße, wie sich die Bedeutung Berlins verändert hat. Für die Akteure der Kunstwelt (und deren Groupies) ist Berlin der Ort, an dem ihre Freunde und Kollegen leben, für den erweiterten Kreis der New York Times-Leserschaft ist die deutsche Metropole wenigstens touristisches Pflichtprogramm. Wer in der Kunstwelt unterwegs ist, sollte Texte zur Kunst kennen, alle anderen könnte das Magazin immerhin noch in den Regalen des MOMA aufgefallen sein.

New York ist naturgemäß nicht mit Amerika gleichzusetzen. Ein genauerer Blick auf die Bildungseinrichtungen des Landes würde erweisen, welche Kunstseminare zeitgenössisch sind und welche die zeitgenössische Kunsttheorie als Greenberg’schen Formalismus betrachten – in letzteren wird man Texte zur Kunst nicht finden.

Der Einfluss des Journals auf den Markt ist zuerst in seiner Funktion als symbolisches Kapital bemerkenswert. Die Kunstwelt ist ein weitgespanntes Netz von multinationalen Playern, die sich bemühen, das Geschäft am Laufen zu halten. Für einige von ihnen ist die symbolische Währung, das Renommee noch wertvoller als bares Geld. Solange Texte zur Kunst dieses Versprechen auf Prestige halten kann, wird das Magazin in den Zirkeln der amerikanischen Kunstwelt weiter wahrgenommen werden.


Emilie Florenkowsky ist Amerikanerin, Übersetzerin und Dozentin für Englisch. Sie liest TZK seit 1997 und wohnt in Berlin seit 2005.


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Übersetzung: Holger Hutt

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