Eva-Maria Mehrgardt

Bildende Künstlerin, Autorin, Meditationslehrerin
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Eva-Maria Mehrgardt
RE: Warum Mitgefühl gut für die Wirtschaft ist | 15.06.2015 | 13:04

Nun, ob Mitgefühl gut für die Wirtschaft ist - so wie sie heute agiert - wage ich zu bezweifeln. Ich wehre mich da gegen die Vereinnahmung von Meditation, und jetzt auch des Mitgefühls, durch den Wellness-Sektor und die Wirtschaft.

Der Buddhismus ist eine Erkenntnistheorie, besser, eine uralte erkenntnistheoretische Untersuchung über das Wesen der Wirklichkeit und die Stellung des Menschen in dieser. Und ja, es gibt darin das sogenannte "Geistestraining", einfache Übungen, die die Basis der Lehre darstellen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Vorstellung vom Nachbarn, der mit einem riesigen Blumenstrauß vor der Tür steht.

Man wird diesen Nachbarn sehr sympathisch finden und das Beste von ihm denken. Steht nun derselbe Nachbar vor der Tür und haut einem brüllend eine in die Fresse, ändert sich das Bild dramatisch. Dabei handelt es sich um denselben Nachbarn.

Wenn wir darüber nachdenken, wird klar, dass unsere Meinung über den Nachbarn nicht von uns selbst gesteuert ist, sondern von den verschiedenen Situationen, in die wir seitens des Nachbarn verstrickt werden.

Daraus resultiert, dass wir in unseren Gefühlen und Gedanken NICHT FREI sind, sondern allem, was uns geschieht, hilflos ausgeliefert. Mit der Folge, dass wir uns vielleicht tagelang ungewollt über die Untat des Nachbarn ärgern, völlig aus dem Ruder sind usw. usw.

Nun ist das Problem bei der sogenannten Achtsamkeitsmeditation, die heute als "Mindfullness based Stress Reduction" im Wellness-Bereich so eine große Rolle spielt, dass es eben nicht um Erkenntnis geht, sondern um Entspannung. Da der Unterricht desselben sich auf die Technik allein konzentriert, die ja relativ einfach (?) zu erlernen ist, kommt es immer häufiger vor, dass die Dozenten der auf Achtsamkeit basierten Stressreduktion die Gegenmittel bei den eventuellen psychischen Schwierigkeiten ihrer "Kunden", so wie sie im traditionellen Buddhismus gelehrt werden, einfach nicht kennen.

Mit der Folge, dass die Teilnehmer eines solchen Kurses immer öfter durchknallen, das "Licht" sehen und meinen, sie seien erleuchtet. Das nennt man hierzulande, wenns ganz schief läuft, dann Psychose.

Nun ist das Erlernen von Mitgefühl da sicher von Vorteil und hilfreich, das egozentrische Spektrum von Entspannung (und Erleuchtung) hinter sich zu lassen. Aber auch hier ist die Technik die eine Seite der Medaille, wobei die Lehre einer uralten Psychologie und der damit einhergehender Erkenntnis, wie sie im Buddhismus, und u. A. auch im Hinduismus, gelehrt werden, die andere Seite ist.

Der Dalai Lama, der in meiner Erfahrung als großer Gelehrter in tage - und manchmal wochenlangen Lehrveranstaltungen die Dialektik der buddhistischen Lehre vermittelt, beschränkt sich in der westlichen Öffentlichkeit zunehmend darauf, auf die Rolle des Mitgefühls hinzuweisen.

Sicher hat er recht. Aber was tun wir damit? Manchmal befürchte ich, er denke, wir seien einfach ein bißchen doof und er spiele hier nur die Rolle des Lächel-Opas - wie ein Kind - weil mehr zu vermitteln einfach nicht drin ist. Sicher hat er recht.