Hier Antisemitismus, dort Antisemitismus

Die Top 10 des SWC Simon-Wiesenthal-Center setzt Antisemitismus mit Israelkritik gleich
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das amerikanisch-jüdische Simon-Wiesenthal-Center (SWC) hat wieder einmal mit den jährlichen „Top Ten der Antisemiten und Israelkritikern“ für Schlagzeilen gesorgt. In Anbetracht der Tatsachen sollte man diese Liste kritisch betrachten, denn es ist sehr fragwürdig, wenn eine international anerkannte Menschenrechtsorganisation Antisemitismus mit Israelkritik gleichsetzt.

http://pakhtunkhwa911.files.wordpress.com/2013/01/latuff-listed-as-the-3rd-most-antisemitic-by-simon-wiesenthal-center.gif?w=470

Das iranische Regime hat es überraschenderweise nicht auf Platz eins geschafft, denn dieser wird schon von den ägyptischen Muslimbrüdern besetzt. Das SWC ist der Meinung, dass die Muslimbrüder aufgrund einiger Bemerkungen eindeutig antisemitisch sind. Allerdings muss man hierbei auch erwähnen, dass die gegenwärtige Politik Morsis den israelischen Staat in keinster Weise gefährdet. Der Friedensvertrag mit Ägypten, das Hauptanliegen Israels, wird weiterhin aufrecht erhalten bleiben. Allerdings ist es verständlich, dass Netanjahus Regierung lieber den folternden, vom Westen gestützten Mubarak einige Jahre länger an der Macht gesehen hätte. Dieser hat nämlich nie Partei für die palästinensischen Nachbarn ergriffen.

Platz zwei wird von den Herrschaften in Teheran belegt. Das SWC denkt, dass Präsident Ahmadinejad, Ayatollah Khamenei und all die anderen Mullahs zu den schlimmsten Feinden Israels und aller Juden weltweit gehören. Natürlich ist dies der Fall, wenn die Schlussfolgerungen aufgrund von Übersetzungsfehlern und einseitiger Medienberichtserstattung zurückzuführen sind. Was gerne unerwähnt bleibt, ist die Tatsache, dass Mahmoud Ahmadinejad sich schon des Öfteren mit orthodoxen Juden, unter anderem in New York, traf und alles andere als antisemitisch wirkte. Abgesehen davon werden Juden im Iran im Gegensatz zu einigen muslimischen Minderheiten ziemlich gut behandelt.

Der brasilianische Karikaturist Carlos Latuff ist laut SWC Nummer drei. Latuff ist bekannt für seine israelkritischen Karikaturen, die vor allem im Internet eine hohe Popularität genießen. In Anbetracht seiner Werke kann man davon ausgehen, dass Latuff einer der stärksten Unterstützer der „palästinensischen Sache“ ist. Allerdings kann man auch zu Recht behaupten, dass sich Latuff hier und da antisemitischer Klischees bedient. Vor allem die Rolle des Davidsterns, der immer wieder in seinen Werken auftaucht, ist fragwürdig. Latuffs Fans sind der Meinung, dass der Künstler damit nur die israelische Regierung meint. Abgesehen davon hat sich Latuff nie antisemitisch geäußert. Des Weiteren wäre es interessant zu wissen, warum hier nicht plötzlich die sogenannte „Kunst- und Meinungsfreiheit“ ins Spiel kommt. Auf jener dänischen Karikatur, die den islamischen Propheten Mohammad darstellen soll, ist unter anderem der Schriftzug „la ilaha illallah wa muhammad rasul allah“ zu lesen. Dieser Schriftzug ist eine Art islamisches Symbol und steht im gleichen Verhältnis wie der Davidstern zum Judentum. Während Karikaturen mit Davidstern zu Recht als antisemitisch gelten, scheint dieses Argument für den Islam nicht gültig zu sein. Alle Cartoons und Comics mit islamisch-arabischen Aufschriften gelten offiziell nicht als islamfeindlich, sondern als Teil der westlichen Künstlerfreiheit.

In der Liste findet man auch „echte“ Antisemiten. So werden die Plätze vier bis sieben von englischen Hooligans, der rechtspopulistisch-ukrainischen Svoboda-Partei, der rechtsextremen, griechischen „Goldenen Morgendämmerung“ sowie der ungarischen Jobbik-Partei, die vor Kurzem mit antisemitischen Parolen wieder einmal auf sich aufmerksam machte. Auf Platz zehn befindet sich Louis Farrakhan, der Führer der amerikanischen Sekte „Nation of Islam“.

Platz acht belegt der norwegische Arzt Trond Ali Linstad. Der Norweger war einst derartig fasziniert von der islamischen Revolution im Iran, dass er sich entschloss, zum schiitischen Islam zu konvertieren. Seitdem engagiert sich Linstad für Muslime in Norwegen und für die Palästinenser im Nahen Osten. Sein Frau, Karin Linstad, gilt ebenfalls als prominente Palästina-Aktivisten. 2005 wurde bekannt, dass es sich bei Frau Linstad um eine einstige Mossad-Agentin handelt. Ihren eigenen Angaben nach hat sie als Doppelagentin agiert, um palästinensische Interesse zu vertreten. Ob man das glauben soll, ist eine andere Frage. Ihr Ehemann soll antisemitische Bemerkungen fallen gelassen haben. So schreibt das SWC, dass Linstad unter anderem gesagt haben soll, dass „die Juden“ Medien und Politik beeinflussen und so ihre Macht spielen lassen. Des Weiteren soll er „dschihadistische Töne“ von sich gegeben haben.

2012 wurde Linstad vom norwegischen König Harald V. für die königliche Verdienstmedaille nominiert. Daraufhin kam heftige Kritik aus Israel und aus den Vereinigten Staaten. Vor allem die Anti-Defamition League (ADL) um Abraham Foxman drängte den König dazu, die Nominierung rückgängig zu machen, was dieserletztendlich auch tat. Dieses Verhalten ist man von Foxman und seinen Leuten gewohnt. In Yoav Shamirs Dokumentarfilm „Defamation“ wird des Öfteren gezeigt, wie Foxman unter anderem Druck auf Vertreter der ukrainischen Regierung ausübt und eine Audienz beim Papst hat. Seinen eigenen Aussagen nach ist das Verhalten von all diesen wichtigen Würdenträgern ebenfalls antisemitisch, da sie die Juden für mächtig halten, ihn deshalb empfangen und auf die Forderungen der ADL eingehen.

Der meist diskutierte Platz in Deutschland war wohl jener Jakob Augsteins. Augstein fiel aufgrund seiner israelkritischen Artikel, die alle auf SPIEGEL-Online nachzulesen sind, in das Ranking des SWC. Wer die Artikel Augsteins bezüglich Israel kennt, weiß, dass sie möglicherweise hier und da zu kritisieren sind, allerdings fehlt von Antisemitismus jede Spur. Nur weil ein Henryk M. Broder Augstein als „Salon-Antisemiten“ und „antisemitische Drecksschleuder“ beschimpft hat, heißt es noch lange nicht, dass es den Tatsachen entspricht. Nichtsdestotrotz erwähnt das SWC Broder folgendermaßen:

Respected Die Welt columnist Henryk M. Broder, who has testified as an expert in the Bundestag about German anti-Semitism, labeled Augstein a “little Streicher” adding: “Jakob Augstein is not a salon anti-Semite, he’s a pure anti-Semite…an offender by conviction who only missed the opportunity to make his career with the Gestapo because he was born after the war. He certainly would have had what it takes.”

Was soll man nun davon halten? Broder wurde aufgrund seiner Äußerungen in Bezug auf Augstein von allen Seiten scharf kritisiert. Es liegt auf der Hand, dass Broder mit seiner pubertären Ausdrucksweise nur nach Aufmerksamkeit sucht. Allerdings stellt sich das SWC eindeutig auf die Seite Broders und ist somit alles andere als neutral.

Meiner Meinung nach spielt das SWC ein gefährliches Spiel. Es ist ohnehin fragwürdig, warum die Vertreter der erfolgreichsten ethnischen Gruppe in den USA permanent nach Antisemiten suchen. Menschen verhungern, werden bombardiert und massakriert, doch manche Organisationen und Personen halten es für wichtiger, in Europa und anderswo nach Antisemiten zu suchen. Bei dieser Suche wird kräftig mit der allseits bekannten Antisemitismus-Keule geschwungen.

Erwähnenswert sind hierbei auch die Theorien des israelisch-amerikanischen Autors und Theatermachers Tuvia Tenenbom. Dieser meinte vor Kurzem, dass die Deutschen gegenwärtig so antisemitisch seien wie zu Hitlers Lebzeiten. Gleichzeitig werden Personen wie Augstein, die Israel zu Recht kritisieren, auf einer Stufe gestellt mit griechischen Neonazis, Rechtspopulisten und fanatischen Sektenführern. Die Israelkritik wird mundtot gemacht und diffamiert, indem man sie mit Antisemitismus gleichstellt

16:14 02.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 13

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community