Israel-Palästina-Talk bei Jauch

Fernsehen Am Sonntagabend konnte man Zeuge einer relativ entspannten Nahost-Diskussionsrunde bei Günther Jauch werden
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Israel-Palästina-Talk bei Jauch

Foto: Screenshot

Es war schön, dass sich unter den Gästen der letzten Sendung weder Kriegstreiber noch fanatische Zionisten befanden. Das heißt jedoch nicht, dass hin und wieder kein fragwürdiges Statement fiel.

Der berühmte Dirigent und Musiker Daniel Barenboim ist als Jude der einzige israelisch-palästinensische Staatsbürger der Welt. Seit Jahren setzt er sich für einen Frieden im Nahen Osten ein. Ein Zeichen setzte er, als er gemeinsam mit Edward Said das West-Eastern Divan Orchestra gegründet hat. Barenboim sorgte in der Vergangenheit schon des Öfteren für Aufruhr in Israel. So wurde er zum Beispiel fast zur Persona non grata erklärt, weil er einen Auszug aus Wagners „Tristan und Isolde“ als Orchesterauszug brachte. Für einen „Eklat“ sorgte er auch, als er einst öffentlich die Unterdrückung der Palästinenser mit dem einstigen Leid und der Verfolgung der Juden gleichsetzte.

Auch während Barenboim neben Günther Jauch saß, sprach er sehr klare Worte. So war er der Meinung, dass auf beiden Seiten Versöhnungen stattfinden müssen. Sowohl die Hamas und die Fatah müssen sich versöhnen, als auch die die orthodoxen und säkularen Politiker Israels. Des Weiteren erwähnte er, dass die Hamas schon 2011 für eine Lösung bereit war und dass es auf der Hand liege, dass Israel eine größere Verantwortung hat. Den illegalen Siedlungsbau kritisierte Barenboim scharf. „Die Juden haben ein Recht, in Israel zu leben. Aber nicht „exklusiv“, so Barenboim.

Ein weiterer Gast war der deutsche Außenminister Guido Westerwelle. Dieser wiederholte stets, dass das Existenzrecht Israels unantastbar sei. Des Weiteren ging er auf den Raketenbeschuss der Hamas ein und sah diesen als Hauptursache für den Konflikt. Dass der Gaza-Streifen ein Freiluftgefängnis sei, wollte Westerwelle nicht bestätigen. Während der Außenminister stets vom Raketenbeschuss der Hamas sprach, ließ er die Verbrechen der israelischen Armee in Gaza und im Westjordanland links liegen und ging in keinster Weise auf diese ein.

Fragwürdig war auch Westerwelles Meinung zur Führung der Hamas im Gaza-Streifen. Obwohl die 2006 Hamas tatsächlich demokratisch gewählt wurde, beharrte Westerwelle darauf, dass sie „geputscht“ habe. Des Weiteren sei es fürchterlich, dass durch die Raketen der Hamas stets Familien und Kinder in Südisrael bedroht werden. Diese hätten immerhin nur fünfzehn Sekunden Zeit um sich in ihre Bunker in Sicherheit zu bringen. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn Westerwelle hierbei auch gesagt hätte, dass es im Gaza-Streifen gar keinen Alarm gibt, bevor die Israelis Wohnhäuser bombardieren, von Sicherheitsräumen ganz zu schweigen.

Die deutsch-palästinensische Politikwissenschaftlerin Sawsan Chebli war nicht nur die jüngste in der Runde, sondern auch die pessimistische. Gemeinsam mit ihrer Familie verbrachte sie mehrere Jahre in Flüchtlingslagern und war staatenlos. Chebli meinte, dass beide Konfliktparteien verschiedene politische Interessen verfolgen würden. Dass Deutschland eine große Verantwortung gegenüber Israel habe, sei klar. Allerdings müsse Deutschland genau deshalb Druck auf die israelische Regierung ausüben und dieser keine Narrenfreiheit mehr gestatten. Dies betrifft vor allem den Siedlungsbau. Chebli hat die Hoffnung für eine Lösung schon aufgegeben. In gewisser Weise kann man das nachvollziehen, der ein solcher Konflikt begleitet ein Flüchtlingskind ein Leben lang, egal ob man nun aus Palästina kommt oder aus Afghanistan. Der Pessimismus wird irgendwann zur Realität.

Der israelische Diplomat Avi Primor ist alles andere als ein überzeugter Zionist. Dies bestätigte sich wieder einmal während der Diskussion. Primor hat in der Vergangenheit schon des Öfteren die ultra-orthodoxen Kräfte Israels und die eigene Regierung kritisiert. Am Sonntagabend brachte der ehemalige Botschafter seine Meinung auf den Punkt, indem er sagte, dass man mit der Hamas verhandeln müsse. Des Weiteren kritisierte er US-Präsident Barack Obama. Dieser habe sich zum Beginn seiner ersten Amtszeit zu sehr auf den Siedlungsbau konzentriert, was sich als Fehler heraus gestellt hat. Obama hätte vielmehr beide Konfliktparteien dazu zwingen sollen, Staatsgrenzen zu finden. Damit wäre man der Zweistaatenlösung um einiges näher gekommen. Als Folge dessen hätten sich die Probleme um den illegalen Siedlungsbau von selbst gelöst.

Der Fatah-Botschafter Salah Abdel Shafi vertrat während der ganzen Sendung eine klare Meinung. So betonte er unter anderem, dass die Unterdrückung des palästinensischen Volkes aufhören müsse und dass sich der israelische Staat immer über das Gesetz stelle. Des Weiteren ging er darauf ein, dass die Existenz Israels schon lange anerkannt sei, während man das von der Eigenständigkeit der Palästinenser nicht behaupten könne. Shafi widersprach Primo zu Recht, als dieser behauptete, dass der Gaza-Streifen nicht mehr besetzt werde. Nach internationalem Recht herrscht in Gaza weiterhin ein Besatzungszustand. Dieser wird durch die Gaza-Blockade durch Israel herbeigeführt.

Im Laufe der Sendung wurden zwei Mütter vorgestellt, eine israelische und eine palästinensische. Die eine lebt gegenwärtig im Süden Israels und war Gast im Studio, während die andere im Gaza-Streifen verweilt und deshalb nicht kommen konnte. Hauptsächlich zeigte man Bilder von spielenden Kindern in Südisrael. Dort sei das Spielen schon gefährlich, denn es könnte plötzlich eine Qassam-Rakete einschlagen. Bilder der Kinder aus Gaza wurden vermieden. Die palästinensische Mutter brachte die Situation auf den Punkt, indem sie sagte, dass die Hamas zwar Raketen schieße aber nicht wisse, wen diese treffen werden. Die israelischen Soldaten hingegen wissen sehr genau, worauf sie zielen. In den letzten Tagen kamen durch israelische Bombardements nicht nur Zivilisten ums Leben, sondern auch Journalisten.

Günther Jauch irritierte seinerseits mit einigen Aussagen. So sprach er zum Beispiel immer wieder von den „Raketen der Palästinensern“, obwohl die militanten Kräfte im Gaza-Streifen nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachen. Abgesehen blieben viele wichtige Hintergrundinformationen weiterhin im Hintergrund. Dennoch war die Sendung sehenswert. Das hat man vor allem Menschen wie Daniel Barenboim zu verdanken. Vor allem in deutschsprachigen Medien wird viel zu selten deutlich gemacht, dass es zahlreiche Israelis und Juden gibt, die sich gegen den Zionismus einsetzen und gewisse Sachverhalte zu Recht nicht hinnehmen wollen.

Artikel wurde hier veröffentlicht

12:58 26.11.2012
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