Strategiewechsel am Hindukusch

Afghanistan Nach der Bombardierung eines Hospitals durch die US-Luftwaffe wird die Lage von Präsident Ghani immer prekärer
Strategiewechsel am Hindukusch
Anfang des Monats kam es in Kunduz erneut zu Kämpfen zwischen Taliban-Kämpfern und afghanischen Sicherheitskräften

Foto: Wakil Khosar/AFP/Getty Images

Vor dem Präsidentenpalast in Kabul haben sich Dutzende von Menschen versammelt, skandieren lauthals: „Tritt endlich zurück!“ und meinen Ashraf Ghani, der vor gut einem Jahr Vorgänger Hamid Karzai beerbt hat. Im Washington wurde der Amtswechsel als „erste demokratische Machtübergabe am Hindukusch“ gelobt. Nun aber steht Ghanis Regime unter Druck. Seit Taliban-Kämpfer kurzzeitig die Stadt Kundus im Norden erobert haben, ist auch in Kabul die Anspannung zu spüren. Man weiß, nur etwa 500 Aufständische haben es fertiggebracht, über 7.000 besser ausgerüstete Soldaten der Nationalarmee (ANA) in die Flucht zu schlagen. Anschließend stellten sich die Kämpfer mit zurückgelassenen Waffen zur Schau und hissten im Zentrum weiße Flaggen. Der Angriff war so getimet, dass ihm die Wirkung nicht versagt blieb. Die Freischärler drangen am 21. September in Kundus ein, dem ersten Jahrestag der Amtsübernahme von Ashraf Ghani. Damit gelang den Taliban ein militärischer und propagandistischer Coup.

Egal, wie schnell und raumgreifend die Rückeroberung durch die Nationalarmee erfolgt ist, deren temporäre Niederlage wird etwaige Friedensverhandlungen erschweren. Kundus war die letzte Stadt, die von den Gotteskriegern im Herbst 2001 aufgegeben wurde, als die Amerikaner einmarschierten – sie war 14 Jahre später die erste Stadt, die sie wieder einnehmen konnten. Jahrelang musste sich ihr Widerstand auf ländliche Regionen im Süden und Osten beschränken, sollten NATO- und Regierungsverbände attackiert werden.

Gibt es nun einen Strategiewechsel, der auf mehr Ressourcen und gewachsenes Selbstvertrauen hinweist? Es fiel auf, dass sich die Taliban-Führer offenbar um Beistand und Sympathien in der Bevölkerung bemühten. Die Kundus-Kämpfer hatten Order, Zivilisten zu schonen – auch wenn in Kabul Berichte über Plünderungen und Tote kursieren, die auf den Straßen liegen blieben.

Wie auch immer – die „Operation Kundus“ wird die Autorität des neuen Taliban-Führers Mullah Akhtar Mansur stärken und die Moral des in Kabul ansässigen Establishments schwächen, dem einmal mehr zu Bewusstsein gebracht wurde, dass afghanische Regierungsmacht ohne amerikanischen Rückhalt fragil und flüchtig ist. Die politischen Folgen der Geschehnisse in Kundus kann man gegenwärtig noch gar nicht ermessen.

Zurück auf der Agenda

Dies ist nicht nur deshalb der Fall, weil die lokale Bevölkerung Vertrauen in die Sicherheitsversprechen ihres Staats verlor, sondern auch, weil die US-Luftwaffe mit der Bombardierung eines Krankenhauses der Organisation Ärzte ohne Grenzen ein Kriegsverbrechen verübt hat. Die Zahl der Toten – bisher sind es 22 – kann weiter steigen. Einige Insassen des Hospitals wurden so schwer verletzt, dass sie immer noch in Lebensgefahr schweben.

Oberst Brian Tribus, Pressesprecher des US-Korps in Afghanistan, spricht von einer Operation gegen „vereinzelte gefährliche Individuen“. Dabei sei es möglicherweise zu „Kollateralschäden“ gekommen, die man bedaure. Währenddessen machen afghanische Politiker die Taliban für den Angriff verantwortlich. Diese hätten die Klinik als einen Befehlsstand missbraucht. Ärzte ohne Grenzen weist diese Version der Ereignisse zurück. Man habe die Koordinaten des Krankenhauses sofort an den Afghanistan-Stab der NATO übermittelt, als die Gefechte begannen. Man habe das nicht zuletzt deshalb getan, weil im Raum Kundus nur dieses Hospital in der Lage gewesen sei, sich schwerer Verletzungen anzunehmen – nun aber ziehe man sich vom Hindukusch zurück.

Der letzte Facebook-Eintrag von Dr. Ehsan Osmani, einem der getöteten Ärzte, spricht für sich. „Verflucht sollt ihr sein mit euren Bomben, durch die Menschen in Kundus leiden und mit Blut und Staub bedeckt werden.“

Für die Zentralregierung ist das Massaker aus der Luft nicht weniger belastend als für die US-Armee. Sie muss erklären, mit wem sie verbündet ist und wer sie wie schützt. Wenn es für Präsident Ghani überhaupt einen positiven Effekt gibt, dann hat dies mit der Gewissheit zu tun, sich auf der internationalen Konfliktagenda wieder in Erinnerung gebracht zu haben. Monatelang waren die USA und ihre Verbündeten vom IS-Vormarsch in Syrien und im Irak elektrisiert und womöglich dem Irrglauben erlegen, Afghanistan sei weitgehend befriedet.

Kundus war schon in den 80er Jahren ein Indikator für die Lage des sowjetischen Afghanistan-Korps, weil um diese Stadt ständig mit aufständischen Mudschaheddin gerungen wurde. Nachdem es im Februar 1989 zum vollständigen Ausstieg der Sowjetarmee gekommen war, driftete Afghanistan in einen jahrelangen Bürgerkrieg ab.

Emran Feroz ist freier Autor und berichtet zuweilen für den Freitag aus Kabul

06:00 21.10.2015
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